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Teltow-Fläming Folge 56: Der Plastikausweis
Lokales Teltow-Fläming Folge 56: Der Plastikausweis
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18:29 30.10.2018
Mohammed und Rabiha Yassin wollen in der kommenden Woche ihren Plastikausweis beantragen. Quelle: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

Lautes Lachen und Rufen auf dem Hof der Asylbewerberunterkunft am Birkengrund. Hier spielen Hala und Rabiee Yassin wie so oft mit ihren Freunden aus dem Heim. Fahrradfahren, Fußball, Fangen – was ihnen gerade so einfällt an diesem kühlen Mainachmittag.

So richtig still ist es nie auf dem Hof, deshalb hört auch keiner die nicht abreißenden Rufe der kleinen Meis, die oben in der Wohnung der Yassins auf einen Küchenstuhl geklettert ist und im Wechsel mit ihrer zarten Stimme „Hala“ und „Rabiee“ ruft und traurig schaut.

Meis will am liebsten auch sofort raus in den Innenhof und mitspielen, aber sie darf nicht. Zu kalt. Schon seit Tagen hustet die Kleine und soll sich nicht noch mehr erkälten. Rabiaa kommt ohnehin schon kaum aus den Arztbesuchen heraus. Sie selbst hat seit einem Sturz im Bus vor zwei Monaten immer noch starke Knieschmerzen, war schon im MRT und ständig beim Orthopäden, bei Hala hat sich ein Zahn entzündet, die Familie verbringt gerade sehr viel Zeit in verschiedensten Wartezimmern von Ärzten. „Immer viele Warten“, sagt Rabiaa.

Und auch sonst ist Warten weiter eine der Hauptbeschäftigungen – was neben den täglichen Sprachkursen und den damit verbundenen Fahrten nach Berlin allerdings gar nicht mehr so auffällt. Rabiaa und Mohammed sehen das mittlerweile selbst gelassener. Sie haben sich daran gewöhnt, dass es mit der deutschen Bürokratie immer ein bisschen länger dauert, als sie es aus ihrer alten Heimat gewöhnt sind.

Denn seitdem die Yassins ihre Zusage bekommen haben, als offizielle Flüchtlinge anerkannt zu sein, fehlt ihnen immer noch der elektronische Aufenthaltstitel, wie der Ausweis für anerkannte Flüchtlinge im Chipkartenformat offiziell heißt. Inoffiziell heißt er Plastikausweis, so nennt ihn zumindest Rabiaa.

„Bald bekomme ich und meine Familie einen Plastikausweis“, sagt sie in ihrem immer besser werdenden Deutsch. Ein neidischer Blick von Bahoz, ein Freund aus dem Heim, der gerade herübergekommen ist und selbst noch auf die Antwort vom BAMF wartet, obwohl seine Anhörung nur kurze Zeit nach der der Yassins war.

Kommende Woche haben Rabiaa und Mohammed einen Termin bei der Ausländerbehörde des Landkreises Teltow-Fläming in Luckenwalde, zwei Wochen später sollten die Ausweise für alle Familienmitglieder dann da sein. Vorher heißt es noch, alle Unterlagen zusammensammeln, die sie noch bekommen können: Geburtsurkunde, Schreiben vom BAMF, biometrische Passbilder von jedem Familienmitglied machen lassen.

Der Plastikausweis ist das wohl begehrteste Dokument von Asylbewerbern, die neu nach Deutschland kommen. Er speichert ähnlich wie der neue Personalausweis biometrische Merkmale wie das Foto und den Fingerabdruck elektronisch und löst den Papier-Übergangsausweis für Flüchtlinge ab. Nur, wer nach seiner Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) den Status als politischer Flüchtling mit einem dreijährigen Aufenthaltstitel zugesprochen bekommt, kann ihn beantragen.

Mit dem Aufenthaltstitel ist dann das Jobcenter anstelle des Sozialamtes für die Flüchtlinge zuständig. Statt Taschengeld vom Sozialamt gibt es ab diesem Zeitpunkt Hartz IV vom Jobcenter – aber der Hartz IV-Bezug soll ja im besten Fall gar nicht lange andauern.

Denn mit dem Plastikausweis sollte das neue Leben in Deutschland dann auch so richtig durchstarten. Wer ihn endlich hat, kann sich eine Arbeit suchen, sich selbstständig machen, eine Wohnung anmieten – sofern er denn eine Arbeit und eine Wohnung findet, was sicherlich die nächste Schwierigkeit sein wird. Aber theoretisch ist erst einmal alles möglich. Und darauf freuen sich die Yassins schon jetzt – auch wenn ihnen die Erfahrung aus den vergangenen Monaten gezeigt hat, dass sowieso immer wieder alles ein bisschen anders kommt, als eigentlich gedacht.

Die Yassins sind eine syrische Flüchtlingsfamilie, die im Ludwigsfelder Flüchtlingsheim am Birkengrund lebt. Die MAZ begleitet sie seit ihrer Ankunft.

Von Anja Meyer

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