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Teltow-Fläming Folge 6: Essen für gute Bekannte
Lokales Teltow-Fläming Folge 6: Essen für gute Bekannte
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18:52 30.10.2018
Rabiha hat Shish Taouk gekocht. Quelle: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

Als endlich alle um die drei zusammengeschobenen Tische sitzen, fordert Rabiha Yassin ihre Gäste auf, sich Essen zu nehmen, es zu genießen, alles einmal auszuprobieren. Es klingt ein bisschen feierlich, als sie das sagt. Das große, gemeinsame Abendessen war in ihrer Heimat Syrien immer ein wichtiges Ritual, ein fester Termin in der Woche. Jeden Freitag und jeden Samstag kam die ganze Familie zusammen, mit etwa 20 Leuten haben sie gegessen, getrunken, geredet und gelacht. Den ganzen Abend lang. Einmal pro Woche traf Rabiha zudem ihre engsten Freundinnen zum Essen.

Lange hat die 41-Jährige diese großen Abendessen nicht mehr erlebt, seit mehr als drei Jahren ist sie von ihren Eltern, Geschwistern und Freundinnen getrennt. Heute Abend lädt sie selbst zum Essen ein – und zwar die Menschen, die ihr in der neuen Heimat am wichtigsten sind. Das ist vor allem die Ludwigsfelder Familie Krause: Die Eltern Marlen und Dirk mit den beiden Söhnen Constantin (14) und Aaron (5). Außerdem ist Sadam Al Hasam, ein junger syrischer Flüchtling, vorbeigekommen. Auch er hat Familie Yassin viel geholfen beim Ankommen in der neuen Stadt. Die Yassins wollen sich bei ihnen bedanken und einfach eine gute Zeit zusammen verbringen.

Auf den drei Tischen, von denen Mohamed Yassin zwei von den Nachbarn leihen musste, stehen typische Gerichte aus Syrien: Köfte mit Gemüse, Bohnen in Tomatensauce, Hackbällchen in Sahnesauce, dazu viel Reis und arabisches Brot. Rabiha Yassin stand seit 8 Uhr am Morgen in der kleinen Küche und hat alles vorbereitet. Ein bisschen half auch ihr Mann, vor allem kümmerte er sich um die kleine Tochter Mais. Sie ist am Mittwoch ein Jahr alt geworden und will die ganze Zeit beschäftigt werden.

Zum Nachtisch gibt es eine Marzipan-Sahne-Torte. Und dann steht da noch die andere Kuchenform, gefüllt mit einem Makkaroniauflauf mit überbackenem Käse – offensichtlich kein syrisches Nationalgericht. Es ist das erste Mal, dass Rabiha es gekocht hat. Es ist Marlen Krauses Lieblingsessen, Rabiha hatte sie danach gefragt und wollte ihr den Gefallen tun. Sie fragte so lange herum, bis sie ein Rezept bekam. Der Gast ist König bei arabischen Einladungen. Die Gastgeber machen alles für ihn, er darf nicht helfen.

Rabiha Yassin ist es eine Herzensangelegenheit, Familie Krause heute bei sich zu haben. Vor allem die beiden Frauen haben engen Kontakt. Sie lernten sich im Februar, am ersten Tag der Yassins in Ludwigsfelde, kennen. Kurz nachdem der Bus aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt ankam, besuchte Marlen Krause die Unterkunft. „Ich sah eine Frau am Boden sitzen und bitterlich weinen“, erinnert sie sich. Es war Rabiha. Sie ging zu ihr, hörte sich ihre Geschichte an. „Sie war so dankbar, dass sie mich fest umarmt hat“, erzählt Marlen Krause. Seitdem sind sie mehrmals wöchentlich in Kontakt. „Marlen ist wie eine Schwester für mich“, sagt Rabiha. Für die kleine Mais hat sie Kleidung und einen Hochstuhl organisiert, für Sohn Rabi ein Fahrrad. Marlen Krause geht regelmäßig ins Heim. Sie hat, genau wie ihr Mann, ehrenamtlich angefangen, Flüchtlinge zu unterstützen. Mittlerweile macht sie einen Bundesfreiwilligendienst in der Flüchtlingshilfe beim gemeinnützigen Verein GAB. Dirk Krause ist seit wenigen Wochen Flüchtlingskoordinator der Stadt. Sohn Constantin hilft, die Spenden zu verteilen. „Wir helfen allen Flüchtlingen“, sagt Marlen Krause.

Zu Rabiha hat sie einen besonderen Draht. Weil sie Englisch spricht, können sich die beiden Frauen gut unterhalten. Oft geht es dabei um Persönliches. „Rabiha will immer wissen, wie es mir und meiner Familie geht“, sagt Marlen Krause. Sie freut sich über die freundschaftliche Einladung. Bald wollen die Krauses die Yassins in ihrem Zuhause zu einem typisch deutschen Essen empfangen.

Info: Die syrische Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg geflohen. In der MAZ erzählt sie wöchentlich über ihr neues Leben in Deutschland.

Von Anja Meyer

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