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Teltow-Fläming Folge 62: Deutsch wird immer selbstverständlicher
Lokales Teltow-Fläming Folge 62: Deutsch wird immer selbstverständlicher
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18:09 30.10.2018
Mohammad und Rabiaa zeigen die Zeugnisse ihrer bestandenen A2-Prüfungen aus ihren Sprachschulen. Quelle: Foto: Anja Meyer
Ludwigsfelde

Diese 18,3 Punkte auf dem Zeugnis sind Rabiaa sofort ins Auge gesprungen. Bis heute ist diese Zahl ihr ein Dorn im Auge. Nur 18,3 Punkte von 25 möglichen – und das nun ausgerechnet im Hören. Wo sie doch so gut wie alles versteht, wie sie selbst immer sagt. Und was auch diejenigen wahrnehmen, die sich mit Rabiaa auf Deutsch unterhalten. Jetzt sollte ausgerechnet Hören die schlechteste Disziplin in ihrer A2-Prüfung sein? Neben Lesen, Schreiben und Sprechen?

„Ich bin traurig über diese Zahl“, sagt Rabiaa auch noch ein paar Wochen später und zeigt auf das Blatt Papier von der Sprachschule. Halb erzürnt und halb amüsiert hatte sie deshalb gleich nach der Zeugnisausgabe ihre hoch geschätzte Lehrerin Karin zur Seite genommen, erzählt sie. Rabiaa habe die Fragen zum vom Band vorgetragenen Text leider nicht alle richtig beantwortet, hatte die ihr gesagt.

Aber sie könne sich doch darüber freuen, dass sie insgesamt zu den stärksten Schülerinnen der Klasse gehört. Volle Punktzahl im Sprechen, insgesamt 82,5 Punkte von 100. Das entspricht einer glatten Zwei. Und bei der B2-Prüfung will sie dann auf jeden Fall besser im Hören abschneiden. Auch Mohammads A2-Ergebnis ist nicht schlecht ausgefallen: Mit 72 Punkten hat er eine glatte Drei. Trotzdem will er das Ergebnis neben dem seiner Frau fürs Foto dann doch lieber mit den Fingern verdecken.

Bei den Yassins jagt gerade eine Prüfung die andere. Im Sommer A1 für Mohammad und Rabiaa, kürzlich A2 für beide, Ende des Monats hat Mohammad dann auch schon die B1-Prüfung. Sein Kurs ist kürzer als Rabiaas, alles geht im Schnelldurchlauf. Und die Kinder sind sowieso immer am Lernen. Während ihre Eltern an diesem Abend am Küchentisch über deutscher Grammatik brüten, verzweifelt Hala an den Divisions-Aufgaben für die nächste Mathearbeit. Sie will gut sein. Wenn sie eine Eins schreibt, geht ihre Mutter mit ihr allein in Berlin shoppen und sie darf sich etwas für 15 Euro aussuchen. Bei einer Zwei für 10 Euro, danach gibt es keine Belohnung mehr. „Aber es ist so schwer“, sagt Hala und seufzt. Was beim Besuch am Birkengrund auffällt: Alle Familienmitglieder werden immer sicherer im Deutschen. Nur die kleine Meis spricht noch ihre ganz eigene Sprache, die man weder als Arabisch noch als Deutsch identifizieren kann. Aber sie redet ohne Pause, bringt ihre Teddys und Puppen und hört dabei nicht auf, zu erzählen. Noch hat sie keinen Kita-Platz in Ludwigsfelde, dann würde sie sprachlich wahrscheinlich schnell einen großen Schritt nach vorn machen. Bei Hala und ihrem Bruder Rabiee hört man zwar noch einen Akzent und zwischendrin fragen sie immer mal wieder, was dieses oder jenes bedeutet oder wie das deutsche Wort dafür ist. Aber sie müssen nicht mehr überlegen, die deutschen Wörter kommen ganz selbstverständlich aus ihrem Mund.

Und auch bei Rabiaa und Mohammad wird die Sprache strukturierter. Rabiaa redet wie gewohnt viel, da ging grammatikalisch vor ein paar Monaten noch vieles durcheinander. Und auch die Worte waren nicht immer so richtig korrekt, hin und wieder mischte sich da noch ein bisschen Englisch mit hinein. Auch wenn jetzt natürlich noch immer nicht alles richtig ist, wird es immer besser. „Aber ich habe mein Englisch vergessen“, sagt sie. Im Zug hat sie einen Briten kennengelernt, der wie sie jeden Morgen von Ludwigsfelde nach Berlin fährt. Wenn sie mit ihm spreche, fallen ihr die Worte oft nur auf Deutsch ein. Wann ihr Integrationskurs endet, weiß sie noch nicht. Bis zur B1-Prüfung ist auf jeden Fall noch ein bisschen Zeit.

Weil Mohammad das Pensum des Integrationskurses schneller erledigen muss, ist bei ihm auch bald schon der siebte und letzte Abschnitt des Integrationskurses dran: der Orientierungskurs. Dabei geht es um die deutsche Rechtsordnung, Geschichte und Kultur. Themen wie Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und Toleranz spielen in diesem Abschnitt eine wichtige Rolle. Um dafür zu lernen, hat Mohammad sich auch schon eine App aufs Handy geladen, in der typische Fragen gestellt werden: Deutschland ist ein Rechtsstaat, was ist damit gemeint? Wie heißt die deutsche Verfassung? Welches Grundrecht ist in Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland garantiert? Relativ sicher klickt Mohammad die Antworten an, bei jeder Frage ist eine Option aus vier Möglichkeiten richtig. Für den Moment ist das Lernen wieder zur Hauptbeschäftigung bei den Yassins geworden. Das dürfte sich im nächsten Monat ändern. Denn die neue Wohnung hat die Familie schon besichtigt, alle nötigen Formulare sind zusammengesammelt.

Jetzt müssen sie nur noch warten, bis die aktuelle Bewohnerin in ihre neue Wohnung gezogen ist. Dann gibt es für alle mehr Platz – auch zum Lernen.

Von Anja Meyer

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