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Teltow-Fläming Folge 65: In der neuen Wohnung
Lokales Teltow-Fläming Folge 65: In der neuen Wohnung
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18:13 30.10.2018
Die Yassins sind umgezogen. Rabiaa wischt ihre neue Küche sauber. Quelle: Foto: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

An diesem Abend stehen Rabiaa und ihre mittlere Tochter Hala gemeinsam in der Küche. Im Ofen zieht der Auflauf aus Kartoffeln, Gemüse und Fleisch. Ein gewohntes Bild im Alltag der Familie Yassin. Doch etwas hat sich verändert: Während Rabiaa Mandeln in der Pfanne röstet, schneidet Hala den Salat für das Abendessen auf einer neuen Arbeitsfläche.

Arbeitsfläche, das ist ein neuer Begriff im Wortschatz der Yassins. Bis vor kurzem gab es so etwas nicht im deutschen Leben der Familie. Die Küche, in der Rabiaa zwei Jahre lang Essen zubereitete, war vielleicht sechs Quadratmeter groß, es gab einen Tisch, einen Herd und eine Spüle. Aber vor ein paar Tagen sind die Yassins aus dem Heim am Birkengrund in ihre neue Dreizimmerwohnung im Ludwigsfelder Zentrum gezogen, und dort gibt es plötzlich Platz. Neben der mittlerweile so gut wie vollausgestatteten Küche, ist jetzt auch Raum für ein Sofa da, den die Yassins bislang nicht hatten. Dazu ein großer Esstisch mit Sitzbank und Stühlen. Außerdem gibt es ein eigenes Zimmer für die beiden großen Kinder Rabiee und Hala und ein Schlafzimmer für Mohammed, Rabiaa und die kleine Meis.

Es hat lange gedauert, bis die fünf an diesem Punkt angekommen sind. Ziemlich genau zwei Jahre lang haben sie in der kleinen Zweizimmerwohnung im Asylbewerberheim am Birkengrund gelebt. Das Heim war zu einer Art Zuhause geworden, ihr erstes in Deutschland. „Ich hatte eine Träne im Auge, als wir uns verabschiedet haben“, sagt Rabiaa. „Ich nicht!“, ruft Rabiee, als er das hört. Auch Hala ist froh, dass die Zeit dort hinter ihr liegt. Ja, sie habe Freundinnen dort, sagt sie. „Ich will trotzdem nicht mehr dahin zurückgehen, es fehlt mir nicht.“

Rabiaa und Mohammed haben derzeit aber wenig Sinn für Sentimentalitäten, ihnen steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Mohammed laboriert zudem an einer Grippe. Er vergräbt sein Gesicht in den Händen, weil ihm die Augen zufallen.

In den vergangenen zwei Wochen haben sie beide geschuftet wie verrückt. Rabiaa hat neben ihrem Deutschkurs die alte Wohnung ausgeräumt und geputzt, zudem hat sie täglich Stunden damit verbracht, im Internet nach gebrauchten, preiswerten und irgendwie transportablen Möbeln zu schauen. Anschließend hat sie diese besichtigt, hat verhandelt, Abholtermine vereinbart. Mohammed hat die Möbel dann mit Hilfe von Bekannten eingesammelt, in die neue Wohnung geschleppt und aufgebaut.

Seine größte Leistung, das sieht er auch selbst so, ist die Küche. Die Yassins haben sie einer Frau aus Ludwigsfelde abgekauft. Sie war schön und günstig – ein Freundschaftspreis – , aber natürlich passte sie nicht einmal annähernd in den dafür vorgesehenen Raum. Vier Tage lang sägte, kratzte, schraubte, hämmerte und fluchte Mohammed, um sie passend zu machen. Er verschmälerte Schränke, passte Fronten an, setzte eine Arbeitsplatte auf, passte Abluftrohre ein. Er habe leider kein vernünftiges Werkzeug gehabt, sagt er. Deshalb sei es eine Schufterei sondergleichen gewesen. Aber jetzt ist fast alles fertig, Allah sei Dank. Nur die Spülmaschine muss noch angeschlossen werden.

Die Holzschränke der Einbauküche reichen jetzt bis zur Decke, Rabiaa braucht sogar einen Stuhl, um das Geschirr im Schrank zu verstauen. Sie hat sogar einen eigenen Schrank nur für Gewürze. „Mohammed ist sehr intelligent“, sagt sie und strahlt ihn an. Ihr Mann steht daneben und grinst etwas verschämt. Sein Blick verrät, dass er stolz ist wie Bolle.

Natürlich ist die Wohnung ein Zugewinn an Lebensqualität. Sie liegt zentral. Rabiee braucht nur noch ein paar Minuten zur Schule, auch Halas Schulweg ist nicht weit. Zum Bahnhof fährt ein Bus und Kaufland ist auch direkt gegenüber. Besser geht es eigentlich gar nicht.

Ein paar Kleinigkeiten stehen nun noch an. Das Wohnzimmer sieht noch etwas kahl aus, da müssen noch Bilder an die Wände. Außerdem will die Wohnungsgesellschaft Märkische Heimat auch noch einige Schönheitsreparaturen im Bad vornehmen – zur großen Freude von Rabiaa. „Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt sie.

Aber der Löwenanteil ist immerhin geschafft, auch dank einiger Freunde und hilfsbereiter Ludwigsfelder. „Von einer Familie haben wir ein Sofa geschenkt bekommen. Eine Frau hat uns auch Geschirr und andere Sachen gespendet. Sie hat es einfach abgegeben, ich weiß nicht einmal, wer es war“, sagt Rabiaa – und redet gleich wieder über das, was kommt. Die B1-Sprachprüfung, die bald ansteht. Die Ausbildung, die sie gerne machen will. „Vielleicht Apothekerin, ich habe ja Krankenschwester gelernt“, sagt sie. Dann lässt sie Wasser ein, sie muss abwaschen. Geschirr für fünf Leute. Auch für schmutziges Geschirr gibt es jetzt mehr Platz. Das sieht dann nicht mehr so gut aus. „Es wird Zeit, dass die Spülmaschine funktioniert“, sagt sie.

Von Anja Meyer

Bei den Yassins wird dieser Tage viel gelernt: Die Kinder haben verschiedenste Klassenarbeiten in der Schule. Bei Mohammad und Rabiaa jagt im Integrationskurs ein Test den anderen. Kürzlich haben beide die A2-Prüfung erfolgreich bestanden. Jetzt lernt Mohammad schon für B1.

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