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Teltow-Fläming Folge 7: Das Jobangebot
Lokales Teltow-Fläming Folge 7: Das Jobangebot
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18:44 30.10.2018
Die Flüchtlingsfamilie Yassin aus Syrien lebt in einem Übergangswohnheim in Ludwigsfelde. Mohammed (41), Rabiha (40), Sohn Rabi (12), Töchter Hala (9) und Mais (zehn Monate) Quelle: Oliver Fischer
Ludwigsfelde

Arbeiten bei Mercedes. Autos montieren. Das wäre doch was, oder? Wäre das nicht was?Mohammed Yassin schaut, als sei er noch ein bisschen unsicher. Als wisse er nicht, was er von diesen jüngsten Entwicklungen in seinem Leben halten soll. Die Autobauer aus Ludwigsfelde haben ihm vor ein paar Tagen tatsächlich einen Job in Aussicht gestellt. Zwar erstmal nur für drei Monate, die ersten sechs Wochen davon unbezahlt. Aber auf der anderen Seite: Es ist Arbeit beim größten Arbeitgeber der Region. Bei einer Firma mit Weltruf. Und wer weiß, womöglich eröffnen sich danach ja Perspektiven?

Wie Mohammed an das Vorstellungsgespräch kam, weiß er selbst gar nicht so genau. Bei einem der vielen Termine auf einem der vielen Ämter hatte er vor einiger Zeit angegeben, dass er lange als Schiffsmechaniker über die Weltmeere geschippert ist. Die Information muss irgendwie bei der Arbeitsagentur angekommen sein, die mit Daimler kooperiert. Vielleicht hat ihn aber auch die Chefin des Flüchtlingsheims empfohlen, die ihn ja kennt, und die weiß, dass er sich auf Motoren versteht. Jedenfalls stand sie in der vergangenen Woche vor der Tür der Yassins und bat den überraschten Mohammed, sich zu einer bestimmten Uhrzeit im Mercedes-Werk einzufinden.

Dort wurde Mohammed in einen Raum geführt, gemeinsam mit fünf anderen jungen Männern aus Syrien und dem Irak. Ein Herr im Anzug hielt ihnen einen Vortrag über Mercedes-Benz in Ludwigsfelde. Er warf Folien und Tabellen an die Wand. Ein Dolmetscher übersetzte alles auf Arabisch. Es ging um die Tradition des Standortes, darum, wie viele Frauen bei Mercedes arbeiten und wie viele Autos dort vom Band laufen. Alle fünf Minuten wird eins fertig. Mohammed war beeindruckt.

Am Ende ging es auch darum, in welchen Bereichen man bei Mercedes gerne Flüchtlinge einstellen würde. Zur Auswahl standen Rohbau, Lackierung und Fertigung. Morgens würde man arbeiten, nachmittags Deutsch lernen. Oder anders herum. Die Männer waren nett, erzählt Mohammed. Sie sagten, dass sie Wert auf Kontinuität legen, dass sie Leute haben wollen, die eine Zukunft für sich in der Region sehen, und die länger in Ludwigsfelde bleiben als nur ein paar Wochen. Das würde für Mohammed schon passen. Rohbau und Lackierung wären zwar nicht unbedingt sein Fall, sagt er. Damit kennt er sich nicht aus. Aber bei der Montage mitarbeiten, Motoren einsetzen, ja, das könnte schon funktionieren.

Mohammed ist schließlich ein Motorenmann. Maschinenräume von 10 000-Tonnen-Frachtschiffen waren über Jahre sein Wohnzimmer. Während draußen Ozeanwellen an die Bordwände schlugen, wartete und reparierte er unter Deck Schiffsaggregate. Wenn eine der Maschinen muckte, stotterte, wenn Kontrolllämpchen leuchteten, wenn es klapperte, ruckelte oder wenn gar nichts mehr ging, war Mohammed zur Stelle. Er schweißte dann, schraubte, ölte, montierte, tauschte aus, bis die Maschine wieder lief. Natürlich ist ein Schiffsmotor etwas anderes als ein Automotor, sagt er. Ein Schiffsmotor hat 6000 PS und passt wahrscheinlich nicht mal auf die Ladefläche der Transporter, die sie bei Mercedes bauen. Aber Motor ist Motor. Sie funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip. Treibstoff verbrennt, Kolben bewegen sich, etwas wird angetrieben.„Ich schaue mir das an und dann verstehe ich schon, wie es läuft“, sagt Mohammed.

Die ganze Sache hat nur einen Haken. Das Unternehmen hat derzeit nur vier Stellen zu vergeben, eingeladen zum Termin waren aber sechs Flüchtlinge. „Alle um mich herum waren 25 und jünger“, erzählt Mohammed. „Mit meinen 46 Jahren kam ich mir vor wie ein alter Mann.“

Die Männer fragten nach dem Vortrag noch, wer sich die Arbeit vorstellen könne. Alle hoben die Hände. Dann verabschiedete man sich und ging seiner Wege. Am Montag wissen wir mehr, sagt Mohammed. Vielleicht hat er dann einen Job. Vielleicht spricht er dadurch auch bald so gut Deutsch wie sein Sohn Rabi jetzt schon. Vielleicht.

Info: Die syrische Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg geflohen. In der MAZ erzählen die Yassins wöchentlich über ihr neues Leben in Deutschland.

Von Oliver Fischer

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