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„Für viele Menschen ist der Tod eine Erlösung“

Ein Bestatter erzählt aus seinem Alltag „Für viele Menschen ist der Tod eine Erlösung“

Der Tod gehört zu seinem Leben – seit 20 Jahren arbeitet Andreas Kernbach als Bestatter. Der MAZ hat er von seinem Arbeitsalltag erzählt und warum er seinen Job als Berufung versteht. Außerdem sagt er, wie er mit der Trauer seiner Kunden umgeht und wie er sich seine eigene Beerdigung vorstellt.

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Jeder Mensch geht anders mit Trauer um. Ein Bestatter muss darauf eingehen und damit empathisch umgehen.

Quelle: dpa

Königs Wusterhausen. Seit 1997 ist Andreas Kernbach Bestatter. Im MAZ-Fachgespräch erzählt der Selbstständige aus Königs Wusterhausen von seinem Beruf als Berufung, eigener Trauer, Wünschen für ein erfülltes Leben und der idealen Vorstellung seiner eigenen Beerdigung.

Herr Kernbach, Sie sind jeden Tag mit Tod und Trauer konfrontiert. Für Sie ist das Alltag, für Angehörige eine Ausnahmesituation. Was sagen Sie zu Menschen, die gerade jemanden verloren haben?

Andreas Kernbach: Für 80 Prozent der Leute ist der Tod eine Erlösung. Viele haben zum Todeszeitpunkt für sich beschlossen: Ich habe mein Leben gelebt, ich kann es abschließen. Jetzt möchte ich einschlafen und in Frieden ziehen. Als Angehöriger sieht man das aus einer anderen Perspektive: Man verliert einen geliebten Menschen. Ich versuche, das den Hinterbliebenen deutlich zu machen und ihnen nahezubringen, dass sie in ihrer Trauer nicht nur an ihren Verlust, sondern auch an den Toten und seine Erlösung von Leid und Qual denken. Wenn jemand durch einen Unfall aus dem Leben gerissen wird, ist das natürlich eine andere Situation. In jedem Fall muss man behutsam und ruhig mit den Betroffenen umgehen. Alles hat einen gewissen Sinn im Leben, das Universum hat es aus irgendeinem Grund so gewollt, und manchmal muss man seinem Schicksal vertrauen.

Andreas Kernbach, Bestatter in Königs Wusterhausen

Andreas Kernbach, Bestatter in Königs Wusterhausen

Quelle: Christina Koormann

Wie genau sieht die Arbeit eines Bestatters aus?

Ich fahre raus, um Verstorbene abzuholen, ich habe geschulte Mitarbeiter, die auch einzelne Körperteile bergen. Ich reinige die Toten vor der Beisetzung, übernehme die fachliche Beratung und bin natürlich auch Dienstleister. Ich bin nicht der liebe Gott, sondern derjenige, der hinter den Kulissen steht und den letzten Weg eines Menschen begleitet. Andere organisieren eine Hochzeit, ich organisiere eine Bestattung. Man nimmt nur einmal Abschied von diesem Menschen, der gestorben ist, und so wird man ihn in Erinnerung behalten. Ein Maler kann sagen, der Farbton ist nicht gelungen, da male ich noch einmal drüber. Bei einer Bestattung muss alles stimmen.

Was charakterisiert Ihren Job über die Organisation der Bestattung hinaus?

Die Begleitung der Hinterbliebenen steht für mich im Vordergrund, um den Schmerz abzufedern, der auf sie zukommt. Je intensiver die Beziehung ist, desto schmerzvoller ist die Trennung. Trauer ist eine Brücke, auf der man immer wieder hin- und hergeht. Viele Leute müssen mit dem Tod eines Angehörigen eine Krise bewältigen, und wichtig ist, dass sie erkennen, dass sie sich daraus selbst wieder herausholen müssen.

Wie geht das?

Es gibt vier Phasen der Trauer: Zuerst ist da die Schockreaktion. Ihr folgt die Bewegungsphase für den Toten – alles, was man ihm noch Gutes tun kann, will man für ihn möglich machen. Die längste Phase ist die tatsächliche Trauerphase, die dann am schlimmsten wird, wenn die Trauerfeier vorbei ist und man mit der neuen Situation alleine ist. Am Ende steht die Phase der dankbaren Erinnerung, in der man einsieht, dass der eigene Lebensrhythmus weitergeht und sich sagt: „Ich bin froh, dass ich so viel Zeit mit ihm oder ihr verbringen durfte.“ Man durchläuft diese Trauer und nimmt gedanklich Abschied, und manchen tut es gut, wenn sie ihre Gedanken aufschreiben. Jeder hat eine ganz eigene Art, damit umzugehen.

Gefühle bei Beerdigung

Haben Sie schon einmal bei einer Beerdigung geweint?

Ja, bei der Beerdigung meines Bruders. Aber auch, wenn es um Kindstod geht – das ist etwas ganz Schlimmes. Und auch, wenn auf der Trauerfeier sehr gute Worte gesprochen werden, berührt mich das. Ich erinnere mich an einen Fall. Ein junger Mann, dessen Traumberuf es war, Lokführer zu werden, kam beim Rangieren seiner Lok ums Leben. Wir haben seinen Körper für die Beerdigung vorbereitet. Dann legt man die Dinge, die er bei sich trug, auf den Tisch – das Portemonnaie, einen Schlüssel – und guckt den Eltern in die Augen, die ihren Sohn verloren haben. Da muss man tief Luft holen. Als seine Schwester die Trauerrede hielt, musste ich mich richtig zusammenreißen und habe aus dem Fenster geschaut, um nicht loszuweinen. Aber als Bestatter kann ich nicht derjenige sein, der am bittersten weint. Trotzdem: Wir Bestatter sind auch nur Menschen.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie jemanden bestatten müssen, den Sie kennen?

Es ist schwerer, jemanden zu bestatten, dem man nahe- stand, aber ich sehe das auch als „letzten Liebesdienst“ an dieser Person. Dadurch, dass ich den Beruf schon lange mache, kann ich mich in solchen Momenten auch der Mechanismen bedienen, die ich mir angeeignet habe. Die Bestattung meines Bruders wurde hier im Haus organisiert, und ich habe mit meiner Schwägerin den Sarg ausgesucht, der mit einem handgemalten Ostseemotiv verziert war – ich weiß, dass ihm das gefallen hätte.

Die Anfänge

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Toten?

Ja, er war ein alter Mann mit einer sehr liebevollen Frau, der friedlich wie ein Schlafender dalag. 1999 musste ich die erste Jugendliche beerdigen; ein 17-jähriges Mädchen. Sie war in Berlin von einer Brücke gestürzt und dabei ums Leben gekommen. Dem Vater die Nachricht überbringen zu müssen, war schlimm. Meine eigene Tochter war zu diesem Zeitpunkt auch 17 Jahre alt.

Hätten Sie sich schon als Kind vorstellen können, Bestatter zu werden?

Als Kind fand ich Tote gruselig. Meine Mutter hat in einer Kindertagesstätte gearbeitet, die in der gleichen Straße war wie die Pathologie, und manchmal habe ich gesehen, wie dort Leichen unter weißen Tüchern hineingeschoben wurden. Als Kind hat man da Berührungsängste. Beruflich bin ich zuerst auch ganz andere Wege gegangen, ich habe in Mannheim für eine Versicherungsgesellschaft gearbeitet, war Einsatzleiter bei der Straßenreinigung in Königs Wusterhausen und habe mich 1997 auf die Stelle als Leiter des Bestattungsinstitutes Vita Trauerhilfe in Wildau beworben. Nach drei Jahren habe ich das Institut als Selbstständiger übernommen und bin damit ziemlich unbedarft ins kalte Wasser gesprungen.

Weshalb haben Sie sich für diese Richtung entschieden?

Ich glaube, dass der Beruf mich gefunden hat, es ist schon eine Berufung. Ich habe mich nie in einen Beruf gezwängt, von dem ich dachte, dass er nicht zu mir passt. Ich habe erkannt, dass der Beruf des Bestatters ein sehr wichtiger Beruf ist, in dem man Menschen mit richtigen Worten und richtigen Gesten zur Seite stehen kann. Ich habe mich damit gut anfreundet – ich bin das letzte Verbindungsstück zwischen Lebenden und Toten, wie ein Fährmann, der Verstorbene auf ihrem letzten Weg begleitet. Aus meinem vorherigen Arbeitsleben habe ich einiges an Erfahrungen mitgebracht, die mir jetzt helfen. Als ich Versicherungskaufmann war, hatte ich sehr viel Kundenkontakt und habe dabei gelernt, zuzuhören. Und das ist etwas, was meinen jetzigen Beruf zu einem großen Teil ausmacht. Reden ist nicht immer das wichtigste, sondern zuhören.

Die hellen Seiten des Jobs

Was mögen Sie besonders an Ihrem Job?

Ich habe ein Helfersyndrom. Es gibt mir eine innerliche Befriedigung, wenn ich Menschen in einer schwierigen Situation auffangen kann, wenn sie sich bei uns gut aufgehoben fühlen und ich ihnen helfe, nach dem Verlust eines geliebten Menschen gut weiterleben zu können. Da kann die persönliche Abschiednahme helfen. Wir haben dafür extra einen Raum der Stille eingerichtet, wo die Angehörigen gerne auch mehrmals vom aufgebahrten Verstorbenen Abschied nehmen können.

Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie Sie selbst bestattet werden möchten?

Mein persönlicher Favorit ist eine Erdbestattung in Prieros. Dort habe ich meine Kindheit verbracht. Aber mir gefällt auch die Baumbestattung sehr, wie sie etwa in Wildau möglich ist. Dort wird man in einer Urne direkt im Wald beigesetzt, und die Natur bleibt, wie sie ist. Wenn man möchte, kann man auch einen kleinen Stein mit dem Namen, dem Geburts- und dem Todesdatum dort hinstellen. Für die Hinterbliebenen ist das kein großer Pflegeaufwand. Erdbestattungsgräber machen viel Arbeit. Und wenn die Angehörigen weiter weg wohnen, kann sich niemand so richtig gut darum kümmern.

Welche Bestattungsarten werden bevorzugt?

In der Region sind 75 Prozent der Bestattungen Feuerbestattungen. Wichtig ist, dass man auf die Wünsche und Vorstellungen der Angehörigen eingeht und sie gut berät. Ob jemand eine Feuer- oder Seebestattung möchte, ob der Verstorbene einen Anzug tragen soll oder seine Lieblings-Motorradkluft, kann alles ganz individuell besprochen werden. Bei einer Erdbestattung hat man mehr Spielraum, man kann die Kleidung aussuchen, vielleicht noch ein Kuscheltier oder andere Gegenstände mit in den Sarg legen. Aber auch bei Beisetzungen im Krematorium wird auf diese Wünsche Rücksicht genommen. Aus Gründen des Umweltschutzes sehen die Krematorien es gerne, wenn die Kleidung aus einem Bestattungsbedarf genutzt wird. Im Jahr sterben ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung, und das belastet auch die Umwelt. Das sollte man nicht ganz außer Acht lassen.

Was passiert im Bestattungsinstitut mit dem Körper des Toten?

Der Tote soll relativ schnell seine Ruhe finden. Nach der Abholung eines Toten reinigen wir den Körper, bevor wir ihn bestatten. Dafür legen wir ihn auf einen Waschtisch. Es ist gesetzlich festgelegt, dass der Leichnam dabei auf fünf Grad heruntergekühlt sein muss. Wir schließen Augen und den Mund – letzteres möglichst, bevor die Leichenstarre einsetzt. Wenn es gewünscht wird, tönen oder waschen wir die Haare, machen eine Frisur, schminken und lackieren die Fingernägel. Die Angehörigen müssen einer kosmetischen Behandlung aber zustimmen, wir können niemanden ohne diese Einwilligung zurechtmachen. Durch ein Kühlsystem können wir innerhalb einer Minute einen kompletten Luftaustausch machen. Natürlich tragen wir während der Arbeit Gummihandschuhe, Schutzanzüge und einen Mundschutz – ganz wichtig ist die regelmäßige Desinfektion des Raumes.

Wie gehen Sie vor, wenn der Tote entstellt ist?

Kleinere Eingriffe können wir machen, wenn jemand stark entstellt ist, kann man sich an spezielle Einrichtungen wenden. Entscheidend ist: Das Gesicht muss intakt sein. Denn man verabschiedet sich vom Gesicht des Toten und nicht von anderen Körperteilen. Wenn Gesicht oder Kopf größere Schäden erlitten haben, etwa durch einen Unfall, können sie bei einem Thanatologen wieder hergestellt werden, der auf solche Fälle spezialisiert ist. Es gibt aber auch Fälle, in denen ich den Angehörigen davon abrate, den Verstorbenen noch einmal zu sehen.

Wie riecht der Tod?

Frisch Verstorbene riechen überhaupt nicht. Natürlich setzt nach einiger Zeit ein Verwesungsprozess ein, das wird dann sehr unangenehm. Er gehört für uns zu den unschönen Sachen, aber die Toten können nichts dafür. Am stärksten ist er bei Verstorbenen, die tot aufgefunden werden und deren Todesursache noch nicht klar ist. Menschen, die auf natürliche Art sterben, werden im Normalfall schnell abgeholt und entwickeln keinen starken Geruch. Es sei denn, es ist jemand, der zu Lebzeiten viele starke Medikamente zu sich genommen hat. Ist die Todesursache nicht geklärt, dürfen wir den Toten nicht verändern, bis er von der Staatsanwaltschaft freigegeben wird. Bei starkem Geruch können wir den Verstorbenen dann in ein Desinfektionstuch einwickeln, den Körper stark herunterkühlen und ihn auch einige Zeit einfrieren. Für mich ist aber wichtig, dass der Tote eine würdevolle Bestattung bekommt, da ist der Geruch kein großes Thema.

Zum eigenen Schutz

Der Umgang mit Trauernden geht sicher nicht spurlos an Ihnen vorbei. Wie können Sie Abstand zur Arbeit bekommen?

Ich möchte das Leben um mich herum haben, ich möchte es spüren. Zur Entspannung habe ich meine Ventile: Ich gehe gerne zur Massage, entspanne in der Sauna, reise gerne in sonnige Gegenden. Außerdem bin ich gerne draußen, mache viele Spaziergänge und arbeite in meinem Garten.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein. Ich bin der Meinung, dass der Tod nichts Schlimmes ist und bin davon überzeugt, dass die Energie eines Menschen nach dem Tod nicht verloren geht, sondern in irgendeiner Form weiter existiert. Ich habe nur ein bisschen Angst davor, dass ich für meine Lieben nicht mehr da sein kann, wenn ich tot bin. Ich hoffe einfach, dass ich noch einige Jahre die Zeit habe, viel spazieren zu gehen. Menschen, die sterben, bereuen am häufigsten, dass sie zu viel gearbeitet haben, dass sie den Kontakt zu Freunden nicht gehalten haben, dass sie nicht den Mut hatten, sich selbst treu zu bleiben. Und sie wünschen sich, dass sie sich mehr Freude gegönnt hätten. Diese Dinge möchte ich nicht bereuen müssen.

Von Christina Koormann

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