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Der Herr der W50-Ersatzteile

Gerald Fritsche aus Ludwigsfelde Der Herr der W50-Ersatzteile

Die letzte aktive Firma mit dem Kürzel IFA im Namen gehört Gerald Fritsche. Der Ludwigsfelder hat Benzin im Blut und war im Autowerk Ludwigsfelde Hauptabteilungsleiter Ersatzteilhandel Inland. Nach vielen Kämpfen konnte er den Ersatzteilhandel für den DDR-Lkw W50 übernehmen.

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Neben seinem Ersatzteilhandel ist Gerald Fritsche heute einer der Geschäftsführer des Südring-Autoservice in Ludwigsfelde.
 

Quelle: Jutta Abromeit

Ludwigsfelde.  Gerald Fritsche hat Benzin im Blut. Spätestens seit der 8. Klasse, als der heute 54-Jährige sein erstes Moped hatte. Damals war sich der Ludwigsfelder sicher, dass das mit dem Benzin so schnell nicht aufhört. Dass er aber mal derjenige ist, der den IFA-Ersatzteilhandel für den W50, den legendären Laster aus Ludwigsfelde, wieder in seine Geburtsstadt holt, ahnte er nicht.

Die meisten Geschichten über den Lkw des Ostens sind erzählt. Seine Produktion endete nach Mauerfall und Währungsunion; da waren fast 600 000 Exemplare dieses universellen Allradfahrzeugs im IFA-Automobilwerk Ludwigsfelde vom Band gerollt. Der W50 war Exportschlager und wichtigster Devisenbringer der DDR, zwei Drittel der Produktion gingen ins Ausland. Der Lkw fuhr in Sand- und Eiswüsten, in Afrika, auf Kuba, in Sibirien. Es gibt von und mit diesem Fahrzeug Messegeschichten aus Leipzig und Kurioses aus aller Welt. Eine Geschichte geht fast unbemerkt immer noch weiter: die von den Ersatzteilen. Erzählen kann sie Gerald Fritsche. Als ehemaliger Hauptabteilungsleiter Ersatzteilhandel Inland erlebte er viele Etappen selbst. Heute ist er Geschäftsführer der IFA Service & Handels GmbH, der letzten Firma mit diesem Kürzel im Namen. IFA stand in der DDR zuerst für Industrievereinigung, später für Industrieverband Fahrzeugbau, zuletzt vereint im IFA-Kombinat mit Stammsitz in Ludwigsfelde.

 Gerald Fritsche lernt im Autowerk Kfz-Schlosser und landet 1982 in der Abteilung Nacharbeit: „Ich habe bei der Mängelbeseitigung alles nachgerüstet, vom Tacho bis zur Stoßstange.“ Er wird zum Studium der Kfz-Technik delegiert, schreibt seine Diplomarbeit zur „Rechentechnische Umsetzung von Laborversuchen“. Er lacht noch heute bei der Erinnerung: „Wir haben die ersten Computerprogramme ausgedruckt, auf dem Wohnheimflur ausgerollt und sind daran herum- gekrochen.“ Im Dresdener Kaufhaus Prager Straße gibt es damals den ersten DDR-PC, Fritsche kauft ihn sich. Es ist die Zeit, als VW-Motoren in Trabants und Wartburgs eingebaut werden. Fritsche denkt, sein Wissen braucht die EDV im Werk. Doch er kommt in den Inland-Ersatzteilhandel. „Das fünfte Rad am Wagen“, sagt er. Seine Aufgabe: Vertragsbearbeitung.

 Das Autowerk arbeitet noch mit Riesenrechnern, die ganze Büros einnehmen. Fritsche erinnert sich, wie das Werk zu seiner ersten Computeranlage kam: „Die LPG Oberweißbach brauchte ein Fahrerhaus. Und ich wollte für unsere Abteilung Computer haben.“ Der berühmte DDR-Tauschhandel funktioniert. Fritsche holt mit seinem Privat-Wartburg Computertechnik aus Oberweißbach, tippt sämtliche Kundendaten aus -zig Karteikästen in den PC und beeindruckt damit Vorgesetzte: Eine einst Wochen dauernde Vertragsvorbereitung passiert plötzlich auf Knopfdruck.

„Von da an habe ich nur noch analoge Prozesse in digitale umgesetzt“, erzählt der Fahrzeugfreak. 1987 wird er Hauptabteilungsleiter im Ersatzteilhandel Inland. Die Herausforderung: In der DDR wurden jährlich 10 000 Ersatz-Fahrerhäuser gebraucht, von der Produktion blieben aber nur 400 fürs Inland übrig, zuerst für Armeebedarf und Sonderkontingente. „Die LPGs kriegten das Korn nicht vom Acker, sie hatten keine Lkws. Wir als Hersteller mussten nachweisen, dass wir nicht mehr Fahrerhäuser produzieren konnten. Es ging nur noch darum, Schuldfreiheit nachzuweisen“, sagt Gerald Fritsche. „Wöchentlich zweimal war ich in Potsdam beim Gericht, weil der Betrieb verklagt wurde, verklagt werden musste, bevor es irgendwie weiterging.“

Wie es mit dem IFA-Werk weiterging, ist Geschichte: Kombinatsdirektor Lothar Heinzmann lässt sich um den Jahreswechsel 1989/90 auf keines der Angebote von MAN, Iveco oder DAF ein, alle Lkw-Hersteller wollen das Autowerk Ludwigsfelde schleifen. Kurz vor Ablauf der Treuhand-Frist kommt aus Stuttgart das Mercedes-Angebot zu einem Joint Venture für Ludwigsfelde: 75 Prozent Treuhand, 25 Prozent Mercedes. Mit der Währungsunion am 1.Juli 1990 brechen die Aufträge weg, am 17. Dezember rollt der letzte W50 vom Band. Fritsche soll den IFA-Ersatzteilhandel Inland in den Mercedes-Ersatzteilhandel integrieren. Er ist viel unterwegs, kämpft, doch von IFA-Teilen für zehntausende Laster ist keine Rede mehr.

Gerald Fritsche und 160 andere Autowerker werden verkauft. Mit ihnen Lkw-Ersatzteile in einem dreistelligen Millionen-D-Mark-Wert und eine 156 000 Quadratmeter große Halle. „Zwei Typen aus dem Taunus kaufen uns für ganz kleines Geld bei der Treuhand und denken ans große Geschäft“, erinnert sich Fritsche. „Das ging nicht, weil das Produkt, für das die Ersatzteile sind, nicht mehr hergestellt wird. Das haben sie nicht begriffen.“ Und er sagt: „Aber wir wussten, dass der Lkw ein robustes Produkt ist und waren uns sicher, dass auch noch eine Weile Ersatzteile gebraucht werden.” Doch ihr Absatz stagniert, Fritsche fliegt raus. Er steigt bei seinem Sandkasten-Freund und Kfz-Meister Norbert Lange als Partner in dessen Firma ein. Aber er wollte immer auch den Ersatzteilhandel wiederhaben, notfalls auf Kredit. Seine Anläufe scheitern. Die Firma landet bei einem Berliner Immobilienmakler. Der lässt die Halle über Nacht räumen, der Ersatzteilhandel geht an immer neue Firmen über, unter teils abenteuerlichen Namen, darunter sogar mal „Waldschlösschen“. 2009 hat der Berliner keine Lust mehr auf den W50-Ersatzteilhandel und will ihn schließen. Fritsche hört das. Nachts im Urlaub rechnet er Zahlenkolonnen durch, will endlich wieder sein Lieblingsgeschäft betreiben. Sein Angebot zieht, er übernimmt 100 Tonnen Ersatzteile, 14 000 Artikel. Darunter poröse Bremsschläuche aus DDR-Zeiten, die nur noch zum Entsorgen taugen.

 Seine neue Firma nennt er IFA Service & Handels GmbH, kauft das IFA-Warenzeichen zurück, lässt in Deutschland, Ungarn und China produzieren. Nun liefert er weltweit Lkw-Ersatzteile, auch nach Mosambik oder Kolumbien. „Ludwigsfelde ist wieder das welt- größte IFA-Ersatzteillager“, sagt Fritsche. „Das ging nur, weil Gott sei Dank immer alle Aktenschränke mit sämtlichen Zeichnungen die Firmen wechselten“, sagt er. Mit Grit Heise und Gudrun Schulze beschäftigt er zwei ehemalige Autowerk-Damen. Vieles gibt es heute nicht mehr, komplette Motorblöcke, komplette Fahrerhäuser oder Achsen etwa. „Aber in Einzelteilen gibt es alles noch. Oder sogar wieder, hergestellt an Originalproduktionsstätten in Thüringen“, erzählt Fritsche.

 Heute ist er Schirmherr des alle zwei Jahre stattfindenden IFA-Fahrzeugtreffens. Mit anderen IFA-Werkern trifft er sich wöchentlich im Verein Freunde der Industriegeschichte (FIL). In der Freizeit behüten sie den robusten Allradstar nicht nur, sie machen seine Geschichte erlebbar und nachvollziehbar. In der Vereinswerkstatt erzählen sie die 1000 Fahrzeuggeschichten einer Auto-verrückten Stadt. Wie lange die Geschichte der IFA-Ersatzteile noch weitergeht, das weiß auch Gerald Fritsche nicht. „Die halten ja auch wieder eine ganze Weile“, sagt er.

Von Jutta Abromeit

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