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Herr Yassin baut ein Boot

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Herr Yassin baut ein Boot

Familie Yassin lebt im Asylbewerberheim im Ludwigsfelder Birkengrund. Die Kinder gehen mittlerweile zur Schule, die Eltern kümmern sich um ihre jüngste Tochter – und versuchen, ihren Tag sinnvoll zu füllen. Vater Mohamed Yassin hat einen neuen Zeitvertreib für sich entdeckt. Der frühere Schiffsmechaniker baut ein Boot aus Holz.

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Mohamed Yassin baut das Modell eines Segelboots.
 

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde.  Was kann man nicht alles machen, wenn man Zeit hat. Lesen zum Beispiel. Viele Leute lesen in freien Stunden. Oder sie sehen fern. Mohamed würde gern mal wieder fernsehen. Deutsches Fernsehen wäre gut, sagt er. Gut für das Sprachverständnis. Denn nur wer viel Deutsch hört, bekommt ein Gefühl für die Sprache, und ohne Sprachgefühl, das merkt Yassin jeden Tag, ist es schwer mit dem Deutsch lernen. Aber Mohamed Yassin hat keinen Fernseher. Deshalb muss er die freien Stunden am Vormittag, wenn die Kinder in der Schule sind, anders verbringen. Er hat angefangen zu basteln, und zwar ein Boot.

Seit zehn Tagen sitzt er schon dran, jeden Tag ein bis zwei Stunden. Es wird ein Segelschiff, so viel ist schon klar. Den Rumpf hat Mohamed inzwischen fertig. Dafür hat er sich einen Holzscheit besorgt, der draußen auf dem Heimgelände herumlag. Ein bisschen Werkzeug ließ sich auch auftreiben: eine rostige Säge, eine kleine Feile, ein Küchenmesser, eine Nagelschere. Das Handwerkszeug eines Profis sieht natürlich anders aus, aber fürs erste reicht auch die Grundausstattung. Die Säge fürs Grobe, die Feile fürs Feine. Und mit der Nagelschere bohrt er kleine Löcher in die Holzteile. So hat er den Rumpf aus dem Holz geschnitten, ihn zurechtgefeilt, er hat einen Anker gemacht, ein Steuerrad, das sich in der Halterung dreht, eine Reling aus Holzstäben, die es im Kaufland günstig gab und einige andere ziemlich undefinierbare Kleinteile, die später das Schiff komplettieren werden.

Mohamed Yassin ist 20 Jahre lang zur See gefahren

Mohamed Yassin braucht dazu keine Anleitung. Er weiß, wie ein Schiff aussieht, immerhin ist er 20 Jahre lang zur See gefahren. Er war Schiffsmechaniker, hat alle Weltmeere und Gegenden bereist. „Brasilien, England, Somalia“, zählt er auf. Und alle möglichen anderen Orte. Selbst nach Ausbruch des Krieges, als er mit seiner Frau und den Kindern schon im türkischen Exil lebte, sei er noch zweimal auf Tour gewesen. Das bisher letzte Mal vor einem Jahr, nachdem die jüngste Tochter Meis geboren wurde.

Die Arbeit fehle ihm, sagt er. Am liebsten würde er sofort wieder auf ein Schiff steigen. Aber das geht im Moment nicht, und es ist auch unklar, ob er jemals wieder in seinem Beruf arbeiten kann. Denn Mohamed Yassin hat keine Arbeitspapiere mehr. Seine Zeugnisse, die Stempel seiner früheren Arbeitgeber, die Fahrtennachweise – alles ist in der Türkei geblieben.

Persönliche Papiere gingen auf der Flucht verloren

Natürlich wollte er die Papiere mitnehmen, sagt er. Er hatte sie in eine Tasche gepackt, genau wie viele andere wichtige Dinge, und die Tasche sollte mit. Aber dann kam ein Boot dazwischen – ihr Schleuser-Boot nach Lesbos. Das war ein Schlauchboot, wie man sie seit Monaten regelmäßig in den Nachrichten sieht. Eigentlich sind diese Boote zugelassen für vielleicht zehn Mann. Weil sich Schleuser aber nicht für Herstellervorgaben und Sicherheitsbestimmungen interessieren, sind die Boote immer übervoll. Es sei schon ein Kampf gewesen, einen Platz für seine Frau, die drei Kinder und sich selbst zu finden, sagt Mohamed. Spätestens, als er in dunkler Nacht bis zur Brust im Wasser stand und das Boot mit seinen Kindern ohne ihn abzufahren drohte, war ihm die Tasche egal. Als das Boot ablegte, ging sie wohl über Bord. Sie liegt jetzt wahrscheinlich irgendwo im türkischen Sand.

Mohamed Yassins Frau Rabia hat noch Hoffnung, dass sie die Tasche wiederbekommen. Im Internet hat sie den möglichen Finder dazu aufgerufen, ihr doch die Papiere mit der Post zu schicken. „Vielleicht klappt das ja“, sagt sie. Mohamed Yassin aber glaubt nicht daran. An den fraglichen Strandabschnitten werden tausende Taschen im Meer treiben. Und wer dort hingeht, hat einen klaren Auftrag. Man hockt sich in die Büsche, versteckt sich vor der Polizei und wartet auf das Signal eines Schleusers. Wer würde da auf die Idee kommen, fremde Taschen nach Unterlagen zu durchwühlen?

In zehn Tagen soll sein Holzboot fertig sein. Dann wird es einen Platz auf dem Fensterbrett bekommen. Ein Seefahrer hat ein Schiff auf dem Fensterbrett, sagt Mohamed. Das gehört sich so.

Info: Die syrische Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg geflohen. In der MAZ erzählen Sie wöchentlich über ihr neues Leben in Deutschland.

Von Oliver Fischer

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