Volltextsuche über das Angebot:

21°/ 9° Regenschauer

Navigation:
Schwul auf dem Land: So lebt es sich

Diskriminierung Schwul auf dem Land: So lebt es sich

Gemobbt, gemieden, geschubst: Homosexuelle Menschen auf dem Land werden mitunter angefeindet und diskriminiert. Viele suchen Schutz in der Großstadt, kehren Kleinstädten und Dörfern den Rücken. Zwei Schwule aus Königs Wusterhausen und Zeuthen erzählen von ihren unterschiedlichen Erfahrungen – und davon, was ihnen Halt gibt.

Voriger Artikel
Abiturklassen auch am OSZ Ludwigsfelde
Nächster Artikel
Gröbener fordern Radweg

Mitunter sind homosexuelle Paare Diskriminierungen ausgesetzt.

Quelle: dpa

Dahmeland-Fläming. Es ist eine unfassbare Geschichte, die der Fernsehbeitrag des ZDF-Magazins „Mona Lisa“ über Dennis und seinen Kindergartenfreund Markus erzählt. Sie werden fast täglich schief angeschaut, gemobbt, von Mitschülern gemieden und geschubst – weil sie sich in Männer verlieben. Selbst vor laufender Kamera ruft eine Gruppe Jugendlicher Markus Sprüche hinterher. „Oh, ich habe einen Stock im Arsch!“ ist nur eine Beleidigung unter vielen. In einer Umfrage sagen Erwachsene, dass sie mit Homosexuellen nichts zu tun haben wollen.

Der Beitrag heißt „Schwulsein auf dem Land“, ist mehr als vier Jahre alt und spielt in Königs Wusterhausen. Die beiden Protagonisten stammen aus der Stadt und dem nahegelegenen Dorf Bindow. Ihre Schulzeit war ein „endloser Spießrutenlauf“, wie es die Moderatorin nennt. Nun leben beide in Berlin und fühlen sich endlich frei.

„Ich entsprach nicht der Norm“

Dennis Schulz, einer der beiden Männer aus dem Beitrag, sitzt in einem Café und erzählt seine Geschichte. Er ist heute 24 Jahre alt und sagt, er habe viel von seiner Jugend verschenkt. „Ich hatte damals das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen“, sagt er. „Weil ich nicht der Norm entsprach.“ Die Szene, in der sein Kumpel angefeindet wird, verkörpere sein Leben in Königs Wusterhausen, so Schulz. Es war ihm eine Herzensangelegenheit, öffentlich darüber zu sprechen. Deshalb hat er bei der Sendung mitgemacht. Jetzt ist er verhaltener. Zwar redet Dennis offen über das Erlebte, doch er will nicht, dass ein Foto von ihm in der Zeitung erscheint.

Rot  für Liebe und Leben, Orange für Gesundheit, Gelb für die Sonne, Grün für die Natur, Blau für Harmonie und Lila für den Geist

Rot für Liebe und Leben, Orange für Gesundheit, Gelb für die Sonne, Grün für die Natur, Blau für Harmonie und Lila für den Geist: Die Regenbogenfahne als Symbol homo- und transsexueller Bewegungen.

Quelle: dpa

„Mir ist unwohl dabei“, sagt Schulz. In Königs Wusterhausen ist er regelmäßig, besucht seine Familie, zu der er ein enges Verhältnis hat. Immer noch hat er das Gefühl, auf der Straße komisch beäugt zu werden. „In KW würde ich niemals händchenhaltend mit meinem Freund durch die Gegend laufen“, sagt Schulz. Dennoch war seine Heimatstadt auch der Ort, in dem er erstmals mit der schwulen Szene in Kontakt kam. Mit 19 Jahren hörte er vom Gay-Stammtisch-KW, der sich wöchentlich in einer Gaststätte trifft.

„Die Szene im Land ist klein geworden“

Als Dennis Schulz beim Stammtisch endlich Gleichgesinnte kennenlernte, war da sofort ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Mit seinen neuen Bekannten ging er in Berlin schwul feiern und lernte direkt seinen ersten Freund kennen. Zuvor war er, der beste Freund der Mädchen, viel mit seinen Freundinnen auf Dorfpartys in der Region unterwegs. „Da konnte ich ja nur zuschauen, wie die Mädels flirten, plötzlich war ich auch mal dran“, sagt Schulz.

Der Gay-Stammtisch-KW ist in der Region das einzige institutionalisierte Netzwerk für homosexuelle Menschen. Ein paar Leute gründeten es 1998 als „Lesbisch-Schwule Initiative KW“. Ein Streit ums Geld führte dazu, dass die Initiative vier Jahre später schon zerbrach. Im Jahr 2004 fanden sich die ersten Akteure des Gay-Stammtisches wieder zusammen, derzeit zählt er etwa 45 Mitglieder, weniger als zehn gehen regelmäßig zu den wöchentlichen Treffen.

Laut Lars Bergmann, Leiter der Landeskoordinierungsstelle für LesBiSchwule&Trans*-Belange (LKS) in Potsdam, ist der Stammtisch eines der wichtigsten Netzwerke in Brandenburg. Die anderen haben sich in Potsdam, Cottbus und in der Uckermark gebildet. „Die Szene im Land ist klein geworden“, berichtet Bergmann. In den Neunzigern habe es viel mehr Angebote für Lesben, Schwule und Transgender gegeben.

Von dem Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören

Dabei ist das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, außerordentlich wichtig, sagt Bergmann. Für die eigene Emanzipation und um politische Forderungen durchzusetzen. Gerade in ländlichen Regionen fehlen Netzwerke – dort wo sie womöglich am nötigsten sind. Im Jahr 2014 registrierte die LKS 148 Meldungen zu öffentlicher Anfeindung, 132 wegen Mobbing und Bedrohung und 16 zu körperlicher Gewalt. Bergmann schätzt, dass das etwa viermal mehr Taten sind als in Berlin.

Nicht alle homosexuellen Menschen in Brandenburg fühlen sich diskriminiert und sind trotzdem froh, ein Netzwerk Gleichgesinnter zu haben. So geht es Thomas Schäfert, der den Gay-Stammtisch seit sieben Jahren koordiniert. Der 29 Jahre alte Zeuthener kam 2006 zum Stammtisch. Über das Internetportal Gay Romeo war er darauf aufmerksam geworden und hatte sich dort mit einer Online-Bekanntschaft verabredet. An seinen ersten Besuch erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen.

Thomas Schäfert besucht die Ausstellung „Homosexualitäten“ in Berlin

Thomas Schäfert besucht die Ausstellung „Homosexualitäten“ in Berlin.

Quelle: Anja Meyer

„Es war eiskalt, ich stand bestimmt eine Stunde vor der Gaststätte und habe mich nicht reingetraut“, erzählt Thomas Schäfert. Seine Verabredung tauchte nicht auf und so ging er wieder. Über das schwule Internetportal schrieben ihn Leute an, die ihn erkannten. „Mensch, warum bist du denn nicht reingekommen?“ In der nächsten Woche war er dann dabei – und fühlte sich sofort wohl.

Die Frage nach dem Warum

„Klar kommt man auch mit Heterofreunden durchs Leben, aber es ist schon schön, schwule und lesbische Freunde zu haben“, sagt Thomas Schäfert. Da seien andere Gesprächsthemen möglich. Die Gruppe, deren Mitglieder auch extra aus Dahme, Mittenwalde, Zossen oder Senzig anreisen, redet bei ihren Treffen über alles Mögliche. Über Persönliches, Politik, Kultur oder Reisen. Sie gehen zusammen feiern, in Ausstellungen, organisieren ein Sommercamp in der Region und kochen gemeinsam.

Anfeindungen hat Thomas Schäfert nie erfahren. Das gehe den meisten Stammtisch-Mitgliedern so, sagt er. Dass es bei Dennis Schulz und seinem Kumpel anders lief, führt er darauf zurück, dass beide femininer wirken. Schulz wundert das, aber er glaubt den Stammtisch-Freunden. „Ich frage mich nur, warum ich so viel erdulden musste“, sagt er. Seit er in Berlin wohnt, ist er selten beim Stammtisch in Königs Wusterhausen. Doch er verbindet noch viel damit. „Der Stammtisch hat mich auf meinen Weg gebracht“, sagt er. Auch wenn er den nun in Berlin weitergeht.

Von Anja Meyer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Teltow-Fläming
57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

Wer soll das MAZ-EM-Orakel werden?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg