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„Ich bin nicht der letzte Dreck“

MAZ-Interview mit Reinigungskraft „Ich bin nicht der letzte Dreck“

Ailyn Pönisch aus Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) arbeitet seit 20 Jahren als Reinigungskraft. In der MAZ-Interview-Serie „Das Fachgespräch“ erzählt sie von ihrem Arbeitsalltag, spricht über das Image ihres Berufsstandes – und sagt, weshalb sie mal mit einer Klobürste nach einem Bauarbeiter geworfen hat.

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Zitrone für Flächen, Asche für Glas, Chlorreiniger für die Hände: Ailyn Pönisch.

Quelle: Gerlinde Irmscher.

Königs Wusterhausen. Ailyn Pönisch, 40 Jahre alt und aus Königs Wusterhausen, arbeitet seit zwanzig Jahren in der Reinigungsbranche. Eine Zeit lang hatte sie mit ihrem Mann eine Firma, jetzt ist sie bei einem Unternehmen angestellt, das unter anderem für die Raumpflege in der MAZ-Redaktion zuständig ist. Zum Interview – dem ersten Teil der neuen Reihe „Das Fachgespräch“ – erscheint sie nach getaner Arbeit gegen halb sieben abends. Sie ist gut gelaunt.


MAZ:
Frau Pönisch, wie lange haben Sie heute sauber gemacht?

Ailyn Pönisch: Knapp sechs Stunden. Vormittags zwei in einem Betonwerk, dann zu Hause und jetzt noch einmal knapp zwei Stunden hier.

Und wie fühlt man sich nach einem solchen Tag?

Pönisch: Okay. Im Büro habe ich viel Teppich und Fliesen, das putzt sich leicht weg. Schlimmer wäre Linoleum, wo man wischen und bohnern muss. Ich habe mich aber zu Hause auch eine Stunde aufs Ohr gelegt (lacht).

Sie sind kein bisschen geschafft? Oder genervt davon, anderen Leute hinterherwischen zu müssen?

Pönisch: Nö. Ich bin Putzfrau mit Leib und Seele, die Arbeit ist für mich das Normalste der Welt. Wenn ich Dreck auf einem Tisch sehe oder eine unordentliche Küche, kann ich das nicht ertragen. Eine Glastür, die mit Fingerabdrücken übersät ist, da wird mir schlecht. Ich muss das wegwischen. Natürlich gibt es auch Tage, da hat man weniger Lust. Das dürfte allen so gehen. Heute lief es aber gut, die Wohnung hatte ich in eineinhalb Stunden durch.

Daran erkennt man wohl den Profi.

Pönisch: () Man hat halt so seine Handgriffe und Tricks.

Erzählen Sie mal.

Pönisch: Alte Zitronenscheiben statt Scheuermittel. Geht schnell und gibt einen netten Duft. Von Küchenfliesen bekomme ich Bratfett mit einem Silikonspachtel ab. Das ist leicht gemacht, und man sieht den Unterschied. Wenn ich wieder aus der Tür bin, muss man schließlich wissen, dass ich da war.

Für das, was Sie tun, gibt es viele Bezeichnungen. Putzfrau, Reinemachefrau, Raumpfleger, Putze, Reinigungsfachkraft. Welche gefällt Ihnen am besten?

Pönisch: Ich bin Reinigungskraft, ganz einfach.

Wie und vor allem warum wird man das?

Pönisch: Ich bin nach acht Jahren von der Schule abgegangen. Schule hat mich nicht interessiert, ich wollte Geld verdienen. Deshalb habe ich erst Geflügelfleischer gelernt, war in der Aufzucht, dann im Schlachthof. Die Tiere gehen dort durch die Sprühkühlung, das haben meine Knochen nicht mitgemacht. Deshalb bin ich letztlich bei der Industriereinigung gelandet.

Was macht ein Industriereiniger?

Pönisch: Alles, was an Fleisch und Innereien in die Maschinen rutscht, muss da auch wieder raus. Das war mein Job. Niemand will das machen. Man hat mit ätzenden Chemikalien zu tun, die meisten Leute finden es auch einfach ekelhaft. Mein heutiger Mann wollte mich mal abholen, er wäre von dem Geruch fast umgefallen. Mir hat das nie etwas ausgemacht.

Wahrscheinlich ist das auch eine Voraussetzung, um Ihren Job machen zu können, oder?

Pönisch: Ja. Wer das nicht will, der sollte diesen Beruf nicht machen. Menschen sind zum Glück unterschiedlich. Ich könnte nicht den ganzen Tag im Büro sitzen, so wie Sie, und immer nur schreiben. Natürlich ist Putzen auch nicht mein Traumjob. Ich wäre lieber Lkw-Fahrerin geworden. Aber beim Putzen habe ich Abwechslung, ich bewege mich, das ist mir viel wert.

Ekeln Sie sich denn vor gar nichts?

Pönisch: Ich wüsste nicht, wovor. Ich habe in Kneipen geputzt und Erbrochenes und Blut weggewischt. Ich bin in der Hühnermast durch einen Brüher gegangen, wo die Tiere gerupft werden. Das ist ein wirklich beißender Geruch. Auch das war mir egal. Ich könnte den ganzen Tag Toiletten schrubben, selbst damit hätte ich kein Problem. Allerdings habe ich in einer Baufirma einem Mitarbeiter auch schon einmal eine Klobürste hinterhergeschmissen ...

Wie bitte?

Pönisch: Weil er die Toilette nicht in dem Zustand verlassen hat, wie ich sie mir gewünscht hätte. Er kam gerade vom Klo, ich wollte dort sauber machen, habe den Deckel angehoben und dachte nur: So nicht, mein Freund. Aber das war kein Ekel. Ich ärgere mich nur darüber, wenn sich erwachsene Menschen wie Schweine benehmen. Ich putze gerne, ich mache vieles möglich und schaue bei der Arbeit bestimmt nicht auf die Uhr. Aber ich bin nicht der letzte Dreck. Wenn Leute meinen, sie müssten mir ein versifftes Klo hinterlassen oder fünfmal über einen Gang gehen, den ich gerade wische, dann kann ich ungemütlich werden.

Sie haben keine Ausbildung. Wie haben Sie putzen gelernt?

Pönisch: Beim Machen. Vieles habe ich mir abgeschaut.

Ihr wichtigstes Arbeitsmittel?

Pönisch: Der Lappen, der Wischer, der Staubsauger.

Benutzen Sie spezielle Lappen?

Pönisch: () Ja! Am liebsten Mikrofaser. Seit die auf dem Markt sind, nehme ich nichts anderes mehr. Und Wischpads. Mit den Mopps, die wir früher hatten, verteilt man nur den Dreck. Mit den Pads nicht. Man wischt in Achten. Einmal links, einmal rechts (malt Achten auf dem Tisch). Dann sammelt sich der Dreck in der Mitte, und den nimmt man auf. Ich habe auch immer einen feuchten Lappen in der Tasche, damit man immer mal etwas abwischen kann. Ich gehe zur Tür, sehe aus dem Augenwinkel Staub auf dem Fensterbrett, hole den Lappen raus und wische drüber. Putzen ist sehende Arbeit.



Ailyn Pönisch hört auf zu reden. Sie starrt auf den Boden und zeigt auf Krümel, die von der Mittagspause dort liegen. „So etwas nervt mich“, brummt sie. Kurz darauf ist sie wieder bei der Sache.

Benutzen Sie bei der Arbeit Gummihandschuhe?

Pönisch: Wir haben welche, aber ich ziehe sie nie an. Die fliegen nur durch die Gegend. Schon bei der Industriereinigung habe ich die nicht gemocht. Ich bin überall hängen geblieben. Irgendwann habe ich alles mit bloßen Händen gemacht. Ich habe in pures Chlor gefasst. Aber mit Handschuhen hätte ich sicher mehr Arbeitsunfälle gehabt als ohne.

Wie geht es Ihrer Haut heute?

Pönisch: Alles in Ordnung! (). Natürlich muss ich sie eincremen, und ich sehe aus, wie eine Putzfrau eben aussieht. Die Haut ist grau verfärbt, das bekomme ich schwer ab. Zuhause nehme ich Handwaschpaste vom Bau. Oder ich tauche meine Hände in Chlorreiniger. Aber ich bin ohnehin nicht der Typ für künstliche Fingernägel.

Wie viele Putzmittel braucht man im Haushalt wirklich?

Pönisch: Nicht so viele, wie man kaufen kann. Wenn Sie ein Ledersofa reinigen wollen, nehmen Sie Selters. Die Flasche kostet 19 Cent, die Kohlensäure macht die ganze Arbeit. Die Glasscheibe vom Kamin bekommen Sie mit feuchtem Zeitungspapier sauber. Einfach in Asche tunken, putzen, mit klarem Wasser nachwischen. Wasserkocher und Kaffeemaschine entkalken wir mit ausgepressten Zitronen. Zitronenrest rein, mitkochen, fertig. Man muss nur nachspülen. Mein Mann hat gestern die Zitrone in der Kaffeemaschine vergessen, da ist ihm die Milch ausgeflockt.

Benutzen Sie speziellen Toilettenreiniger?

Pönisch: Chlorreiniger. Der ätzt den Urinstein weg, und ich kann später noch die Wäsche damit bleichen. Für Oberflächen mische ich Zitronen- und Limettenkonzen-trat, verdünne mit Wasser und fülle es in eine Sprühflasche. Von Fliesen bekommt man damit alles ab.

Vor welchen Flecken kapitulieren Sie?

Pönisch: () Sie haben in der Redaktion einen Wasserschaden. Den habe ich mit Glasreiniger aufgehellt, ganz raus geht der Fleck aber nicht. Ansonsten – Kakao ist schwierig, da kommt es ganz auf den Stoff an.

Was macht Sie froh in Ihrem Job?

Pönisch: Dass ich arbeiten darf und kann. Dass ich mit Menschen zu tun habe. Ein Lob hin und wieder ist auch nicht verkehrt. Als zu Weihnachten bei einem Kunden eine große Packung „Merci“ für mich auf dem Tisch stand, kamen mir fast die Tränen.

Und was frustriert Sie?

Pönisch: Dass ich oft nicht die Anerkennung bekomme, die ich mir wünsche. Man muss mir nicht jeden Tag danken. Aber wenn ich höre, dass Eltern ihren Kindern Dinge sagen wie: „Pass in der Schule auf, oder willst du etwa Putze werden?“, da platzt mir der Kragen. Die Leute wissen gar nicht, was wir leisten! Wenn es Leute wie mich nicht gäbe, würden alle im Dreck ersticken. Trotzdem musste ich früher für 3,50 Euro die Stunde arbeiten. Manchmal spuckt mir sogar noch einer vor den Schrubber. Ich werde belächelt, muss mir abwertende Sprüche anhören. Das ist verletzend.

Mal angenommen, Sie gewinnen im Lotto. Leisten Sie sich dann eine eigene Putzfrau?

Pönisch: () Niemals!

Warum nicht?

Pönisch: Das wäre eine Vertrauensfrage. Und vor allem: Eine andere Putzfrau könnte es mir nie recht machen.
Interview: Oliver Fischer

Von Oliver Fischer

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