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Im EM-Fieber

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Im EM-Fieber

Die Europameisterschaft beschäftigt nicht nur die Europäer. Bei Familie Yassin läuft der Fernseher seit dem Eröffnungsspiel jeden Tag. Mohammed Yassin sieht alle Spiele, auch seine Frau gesellt sich hin und wieder zu ihm. Wenn sich der Mann für Fußball interessiert, kann das der Frau nicht gleichgültig sein, sagt sie.

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Familie Yassin vor dem Fernseher.

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde. Mohammed Yassin hat sein Puma-Shirt angezogen. Es ist die angemessene Kleidung für den Abend. Der Sportartikel-Hersteller aus Herzogenaurach war schon ein großes Thema bei der Fußball-Europameisterschaft. Den Schweizer Fußballern, von denen Mohammed im Übrigen nicht so viel hält, hingen die Puma-Leibchen im Spiel gegen Frankreich nur noch in Fetzen von den Körpern. Mohammed hat das Spiel natürlich gesehen. Er hat bisher alle Spiele der Europameisterschaft gesehen. Und auch jetzt schaut er.

Es ist Mittwochabend im Wohn- und Schlafzimmer der Yassins. Mohammed sitzt auf einem Holzstuhl und starrt wortlos auf den kleinen Röhrenfernseher, den jemand vor einigen Wochen der Familie geschenkt hat. Rote und mintgrüne Spieler wieseln dort übers Feld, es sind die Mannschaften von Portugal und Ungarn, für die es in diesem Spiel um den Einzug ins Achtelfinale geht. In der Familie Yassin ist man sich einig, wer dieses Spiel besser gewinnen sollte: die Portugal. Sie spielen besser, sie sind technisch gut, sagt Mohammed. Und sie haben Cristiano Ronaldo. Mehr sagt Mohammed erstmal nicht, denn auf dem Bildschirm vor ihm stürmen gerade drei Portugiesen in den ungarischen Strafraum. Ein Tor wäre wichtig für die Portugiesen in diesem Moment. Die Ungarn führen immerhin 3:2, und wenn es so bliebe, hätte die Familie eine Herzensangelegenheit weniger.

 

Mohammeds Frau Rabiha hat es sich auf der Erde bequem gemacht, Tochter Hala, gerade vom Spielen nach oben gekommen, liegt lang auf dem Bett und erkundigt sich nach den bisherigen Erfolgen von „Rolando“, wie sie den Stürmerstar Ronaldo nennt. Die kleine Meis stolpert derweil durch das Zimmer, versperrt allen den Blick und tatscht auf den Bildschirm. „Hat Rolando schon getroffen?“, fragt Hala. Ja, hat er – aber noch nicht oft genug.

Es herrscht Ausnahmezustand in diesen Tagen bei Familie Yassin. Das hat mehrere Gründe. Der Ramadan dauert nun schon mehr als zwei Wochen, er hat das normale Leben fast abgeschaltet. Mohammed bleibt, weil er ausschließlich nachts essen darf, bis drei Uhr morgens wach, verdrückt dann sein Frühstück, um über den Tag zu kommen, und ruht anschließend, wenn es passt, bis in den frühen Nachmittag. Den Rest der Zeit bis zum Sonnenuntergang kämpft er gegen den Hunger und gegen die Nikotinsucht an. An seinem zweiten Boot hat er seit zwei Wochen nicht mehr gebastelt, bei anderen Arbeiten konzentriert er sich auf das Nötigste.

Rabiha Yassin hat sich am Handgelenk verletzt

Zigarettenentzug und Schlafmangel machen auch Rabiha bis zum Sonnenuntergang zu schaffen, aber sie hat noch ein anderes Problem: Sie ist mit dem Fahrrad gestürzt und hat sich dabei ein Handgelenk verstaucht. Die Stunden in der Notaufnahme waren schlimm, die Schmerzen sind schlimmer, sagt sie. Sie kann ihre kleine Tochter kaum anheben, und Kochen für die Familie ist mit nur einer Hand ziemlich kompliziert.

Und dann ist da eben noch die Fußball-Europameisterschaft. „Die Syrer sind verrückt nach Fußball“, sagt Rabiha, auch wenn die syrischen Fußballer in der Vergangenheit nicht allzu viel gewonnen haben. Die Stadien in Homs, Aleppo, Latakia und Damaskus waren vor dem Krieg aber immer voll, und die Fernseher brachten auch internationalen Fußball nach Syrien. Einer ihrer Brüder sei beim bislang letzten brasilianischen WM-Sieg im unkontrollierten Jubeltaumel vom Balkon gestürzt, erzählt Rabiha. Erster Stock nur, es ist nichts passiert. Aber trotzdem.

Real Madrid ist hoch im Kurs

Mohammed war zu Hause Fan vom Hutteen SC, dem Klub aus Latakia. Bevor es Rabiha in seinem Leben gab, sei er oft im Stadion gewesen, sagt er. Und wenn er mit dem Schiff über die Weltmeere fuhr, hatte er einen Fernseher mit Satelliten-Empfang. Er kennt die spanische Liga, die englische Liga, die Bundesliga. Er liebt Real Madrid, den spanischen Fußball generell, bei der EM auch die Franzosen, die Portugiesen. Und die Deutschen? „Jaja, die auch“, sagt er. Sie spielen schön.

Am schönsten aber – da sind sich die Yassins einig – spielt Ronaldo. Der köpft in der 62. Minute das Tor zum erlösenden 3:3. Mohammed ballt die Faust. Er würde jetzt gerne eine rauchen.

Von Oliver Fischer

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