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Teltow-Fläming Folge 59: Im Freibad
Lokales Teltow-Fläming Folge 59: Im Freibad
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18:04 30.10.2018
Adel mit den Yassin-Kindern Rabiee (l.), dessen Schwester Hala und der kleinen Meis. Quelle: Foto: anja Meyer
Ludwigsfelde

Schon auf dem zehnminütigen Fußweg von der U-Bahnstation zum Freibad in Berlin-Neukölln sind Hala und Rabiee so aufgeregt, wie man sie in der Wohnung im Ludwigsfelder Heim nur selten erlebt. „Gibt es da ein Becken nur für Kinder?“, fragt Hala. „Ist das Schwimmbad draußen?“, will Rabiee wissen. Die beiden überschlagen sich mit ihren Fragen und hüpfen dabei mehr, als dass sie gehen: „Wie tief ist das Wasser, kann ich da noch stehen?“, „Gibt es eine Rutsche?“, „Wo kann ich meinen Badeanzug anziehen?“, „Gibt es eine Toilette?“, „Wir haben zwei Bälle mit, können wir die jetzt schon aufpusten?“

Vor dem Freibad angekommen, erwartet uns erst einmal eine lange Schlange. Hala schaut besorgt drein. „Da sind so viele Kinder, kommen wir dann auch noch mit rein? Ist das Schwimmbad groß genug für alle?“ Ja, das ist es. Erleichterung bei Hala.

In ihrer vierten Ferienwoche machen die Yassins den von Hala und Rabiee lange ersehnten Ausflug ins Schwimmbad. Denn sonst bestehen die Höhepunkte in den Ferien vor allem darin, auf dem Innenhof des Wohnheims Fußball zu spielen und Filme auf dem Handy zu gucken. Rabiaa tut es leid, dass die Familie die ganzen sechs Wochen in Ludwigsfelde verbringen muss. „Das ist nicht schön für meine Kinder“, sagt sie. Aber ein längerer Urlaub so wie bei den Mitschülern ist eben einfach nicht drin.

Deshalb ist sie froh, dass Adel – ein Freund aus dem Wohnheim am Birkengrund – angeboten hat, sie mit den drei Kindern ins Schwimmbad zu begleiten. Mohammed hat Zahnschmerzen und muss zum Arzt. Rabiaa selbst kann nicht schwimmen und darf vor den Männern sowieso nicht ins Wasser. Adel hingegen schwimmt, seitdem er sechs Jahre alt ist, er wurde in Syrien von einem Coach unterrichtet und ist jetzt auch in Ludwigsfelde im Verein. Die ideale Begleitung, denn auch Hala und Rabiee sind im Wasser alles andere als sicher unterwegs.

Rabiee kann noch gar nicht schwimmen, Adel will es ihm an diesem Nachmittag beibringen. Hala hat es im vergangenen Schuljahr mit ihrer Klasse in der Kristalltherme in Ludwigsfelde gelernt. Jeden Freitag hatten sie Schwimmunterricht. Wie sie erzählt, sei sie nicht die einzige gewesen, die das Schwimmen dort erst gelernt hat. „Ein paar Kinder konnten das schon“, sagt sie. „Aber nicht alle.“

Als die knappe halbe Stunde in der Warteschlange endlich überstanden ist, rennen die Kinder auf das große Gelände des Freibades. „Da hinten ist die Rutsche“, ruft Hala. „Da will ich hin.“ Nachdem alle umgezogen sind, stürmen sie sofort in Richtung Wasser. Und auch die kleine Meis ist total aufgeregt. Schon sind die beiden Großen im Becken, spritzen sich gegenseitig nass. Meis rennt furchtlos hinterher, Kopf unter Wasser, egal. Fröhlich sitzt sie auf Adels Arm, lacht, kreischt und strampelt mit den Beinen im Wasser.

Rabiee ist genauso angstfrei wie seine jüngste Schwester. Er tobt mit dem Ball herum, er rutscht die lange Wasserrutsche hinunter, er spritzt Adel und seine beiden Schwestern nass. Völlig anders verhält sich Hala. Obwohl sie sich eigentlich am sichersten fühlen müsste, will sie zunächst immer in Adels Nähe bleiben. Schon nach fünf Schwimmzügen steht sie wieder auf dem Boden des Schwimmbeckens und auch auf die Wasserrutsche traut sie sich nur in Begleitung eines Erwachsenen. Mit der Zeit wird sie aber immer sicherer.

Rabiaa geht immer mal wieder um das Becken herum und schaut ihren Kindern interessiert zu, zwischendurch sitzt sie auf dem Rasen und raucht eine Zigarette. „Das ist ein gutes Schwimmbad“, sagt sie kopfnickend. Nachdem sie bemerkt hat, dass in Berlin-Neukölln viele arabische Frauen im Wasser sind, will auch sie sich einen Burkini kaufen und schwimmen lernen. Erst einmal steht jedoch ein anderes, wichtiges Projekt an: die Wohnungssuche.

Vor etwa zwei Wochen hat sich jemand über Halas Lehrerin bei ihr gemeldet. Er suche Nachmieter für eine leerstehende Wohnung im Zentrum von Ludwigsfelde. Drei Zimmer, 90 Quadratmeter, um die 700 Euro Warmmiete. Rabiaa schaute sich die Wohnung sofort mit Hala zusammen an und war begeistert. „Sehr schön, mit einer großen Küche und die Wohnung liegt auch noch im Erdgeschoss“, sagt sie. „Das ist gut für meine kaputten Knie.“ Ob die Familie die Wohnung auch wirklich bekommt, wird sich allerdings erst in den nächsten Wochen herausstellen. Die zuständige Sachbearbeiterin der Wohnungsgesellschaft ist noch im Urlaub. Und dann muss auch das Jobcenter noch zustimmen.

Am Ende des Tages rutscht auch Hala im Freibad allein und Rabiee hat die Schwimmbewegungen gut drauf. Was noch fehlt, ist das Gefühl dafür, sich über Wasser zu halten. Deshalb kann Rabiee jetzt besser tauchen als schwimmen. Adel ist aber zuversichtlich. „Rabiee lernt schnell“, sagt sie. Meis musste am Ende unter Protest aus dem Wasser, weil sie am ganzen Körper zitterte und schon blaue Lippen bekam. „Das war ein schöner Tag“, sagt Hala.

Die syrische Flüchtlingsfamilie Yassin lebt seit Februar vergangenen Jahres im Flüchtlingsheim Am Birkengrund in Ludwigsfelde. Die MAZ berichtet monatlich über ihr Ankommen in Deutschland.

Von Anja Meyer

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