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Immer schön hart zutreten, bitte!

MAZ-Reporterin beim Kickboxen Immer schön hart zutreten, bitte!

Man unterdrückt den Impuls, sich zu entschuldigen, dabei wird man aufgefordert, härter zuzutreten: MAZ-Reporterin Anne-Kathrin Fischer hat sich für einen Selbstversuch unter durchtrainierten Männern beim Kickboxen in der Kampfsportschule Ludwigsfelde behauptet. Ganz ohne Jammern ging es dann aber doch nicht.

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MAZ-Volontärin Anne-Kathrin Fischer wagt den Selbstversuch im Kickboxen.

Quelle: Gudrun Ott

Ludwigsfelde. Schon als Bernd Götz  zu mir sagt: „Einen Mundschutz wirst du wahrscheinlich nicht brauchen“, wird mir etwas mulmig zumute. Ob es wirklich eine gute Idee war, eine Sportart wie das Kickboxen auszuprobieren, bei der man einen Mundschutz trägt? 24 Stunden später befinde ich mich in der Kampfsportschule in Ludwigsfelde, und als Götz mir Schienbeinschoner in die Hand drückt, denke ich:   Es war vielleicht nicht mein schlauester Einfall.

Bernd Götz (63) betreibt die Kampfsportschule Ludwigsfelde  seit 13 Jahren. Hier werden neben Kickboxen auch diverse andere Kampfsportarten wie Tai-Chi, Kung Fu und Ju-Jutsu angeboten. Ich bin schon 20 Minuten vor Kursbeginn dort  und erkundige mich nach den Rahmenbedingungen. Die wohl wichtigste Frage: Tut das weh?  „Nein, aber man kommt an seine Grenzen. Der Kampf mit sich selber ist entscheidend“, sagt Bernd Götz. In dem Kurs seien  zwölf Teilnehmer im Alter von 14 bis 30 Jahren, darunter auch Mädchen, wie er mir versichert.

„Schickimicki musst du jetzt vergessen“

Dann bittet er mich, alles, was mir heilig ist abzulegen: meine Uhr, die Ohrringe, sogar meine Haarspange. Verletzungsgefahr. „Das ganze Schickimicki musst du jetzt vergessen, da drinnen wird geschwitzt“, sagt Götz.  Ich bin nicht begeistert, gehorche aber brav.  Währenddessen betrachte ich die anderen Kursteilnehmer. Sie tragen bunte, mit Drachen oder Flammen verzierte  Seidenhosen  und sind größtenteils tätowiert. Die versprochenen Mädchen kann ich nicht orten.

Die Uhr musste den Handschuhen weichen.

Quelle: Ott

Dann geht es los. Bernd Götz hatte mich schon vorgewarnt, dass die Boxhandschuhe unangenehm riechen können.  Auf den Geruch im Trainingsraum –  purer Schweiß liegt in der Luft – war ich dann aber nicht vorbereitet. Zuvor wurde in dem mit bunten Matten ausgelegten Raum, dessen Wände tibetische Gebetsfahnen zieren, Kung Fu trainiert.

Kickboxer hauen nicht nur drauf

Mir bleibt aber nicht viel Zeit, die Nase zu rümpfen, denn schon ruft Götz uns zu: „Los! Laufen!“ und die Truppe setzt sich  in Bewegung. Klingt als Aufwärmübung ja ganz einfach. Als ich jedoch wenige Sekunden später den  Atem eines jungen Mannes im Nacken spüre, wird mir klar: Ich bin zu langsam. Das ist kein gemütliches Joggen, sondern Sprinten, Springen und Rückwärts-Laufen. Das meinte Götz wohl auch, als er mir erklärte, dass es beim Kampfsport um mehr geht als draufzuhauen – nämlich um Koordination und  Ausdauer.

Beim Kickboxen geht es auch um Koordination und Ausdauer. Hier: Dehnen zum Einstieg.

Quelle: Ott

Nächste Aufgabe: Liegestütze. Es sieht beeindruckend aus, wenn Götz das vorführt und dabei in Sekundenschnelle von links nach rechts fliegt. Wer soll das können, frage ich mich und merke: anscheinend alle anderen. Ich schaffe in der Zeit, in der wir zehn Stück machen sollen, gerade mal einen.

Wandern über durchtrainierte Männer

Als nächstes sollen wir uns  auf den Rücken legen, im Kreis laufen, dabei in den Bauch der anderen treten. „Bei ihr springt ihr bitte nur rüber“, ruft Götz  und deutet dabei auf mich. Leider hat einer der Herren es wohl nicht gehört und tänzelt tatsächlich über meinen Bauch, den ich trotz der Ansage des Trainers  noch immer mit meinen Armen zu schützen versuche. Aber es tut weniger weh als gedacht,  eigentlich ist es nur ein kleiner Kick.  Ich selbst traue mich zunächst  nicht,  auf den Bauch der Boxer zu springen und hüpfe  über sie hinweg, was Götz schnell spitz kriegt: „Richtig rauf da, Anne!“ Nach dem ersten zögerlichen Auftreten geht es schneller, die Jungs sind es ja gewöhnt. Und es gibt Schlimmeres, als über durchtrainierte Männer zu wandern.

Hintergrund

  • Kickboxen ist eine sehr dynamische, wettkampforientierte Kampfsportart, bei der Fitness, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Reaktionsvermögen gleichermaßen wichtig sind.
  • Es gibt verschiedene Disziplinen, die stark dem Boxen beziehungsweise  dem Karate ähneln.
  • Durch die große Vielfalt der körperlichen Anforderungen (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Beweglichkeit) ist Kickboxen im Vergleich mit vielen anderen Sportarten eine hervorragende Möglichkeit, seinen Körper fit und gesund zu halten.
  • Kickboxen entstand während der siebziger Jahre in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Vorläufer  war das Sportkarate. Kickboxen entwickelte sich aus Techniken des Karate (Fußtechniken oder Kicks) und Boxens (Fausttechniken).
  • Seit 1974 gibt es das Kickboxen in Europa als Wettkampfdisziplin.

Jetzt kann der eigentliche Spaß beginnen. Gewappnet mit Boxhandschuhen und permanent rutschenden Schienbeinschonern  stehe ich vor Götz. Einen Fuß nach vorne, leichte Drehung, dann soll ich ihm gegen den Oberschenkel treten. Ich nehme Anlauf, verliere beinahe das Gleichgewicht und stoße zärtlich mit meinem Bein gegen seinen Oberschenkel. „Du kannst schon härter zutreten“, sagt er und muss lachen.  „Übrigens, du bist nicht in Deckung“, heißt es dann und schon  stupst Götz mir leicht mit dem Handschuh ins Gesicht. Auf was soll ich mich alles gleichzeitig konzentrieren?  Nach einigen Versuchen klappt es besser, ich hab den Dreh einigermaßen raus.

Immer an die Deckung denken

Nun soll ich gegen den Oberkörper treten. Ich  komme hart auf den Rippenbögen auf, muss dabei ständig den Impuls unterdrücken, mich zu entschuldigen. Aber das käme wohl nicht so gut an,  wenn ich sehe wie die anderen Kursteilnehmer – zusätzlich mit Kopf- und Mundschutz ausgerüstet – einander anpacken. Dabei atmen sie geräuschvoll aus, es hört sich an, als ob der Raum voller zischender Schlangen ist. Ein Boxhandschuh vor der Nase erinnert mich unsanft daran, dass ich schon wieder nicht an die Deckung gedacht habe.

Einfach mal in den Bauch einer fast fremden Person treten? Nach einigen Versuchen klappt es: Anne-Kathrin Fischer beim Training mit Bernd Götz.

Quelle: Ott

Nächste Aufgabe: Wieder in die Seiten von Götz treten, jedoch zuvor eine Halbdrehung absolvieren. Es wird eher eine misslungene Pirouette und ich trete ein Luftloch vor die  Beine des Trainers  – zum Glück. „Etwas höher, bitte. Das könnte sonst in die Hose gehen“, kommentiert er lakonisch.

Ein letztes Mal bekomme ich die Möglichkeit, meine Unfitness vorzuführen, als wir zum Dehnen kommen. Denn was ich aus meinem Pilates-Unterricht als entspannte Aufgabe kenne, ist hier nur eine abgespeckte Version des Aufwärmens. „Beine durchdrücken, Anne!“, ruft Götz. „Das tut weh!“, jammere ich. „Das muss so sein! Das ist der ständige innere Kampf!“,  kommt es zurück. Ich gebe auf, sobald er wieder wegguckt. Für heute ist es genug.

Von Anne-Kathrin Fischer

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