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Jüterbog: Die Stimmen der Flüchtlinge

Vor Anschlag auf „Turmstube“ Jüterbog: Die Stimmen der Flüchtlinge

Jüterbog, 21. November, eine Woche nach dem Paris-Terror: Ein mutmaßlich rechtsextremer Anschlag zerstört einen Treff für Flüchtlinge. Zuvor ist die Stadt Schauplatz einer NPD-nahen Anti-Asyl-Demo. An der Gegendemo nehmen zu ihrer Sicherheit keine Flüchtlinge teil. Ihre berührenden Worte sind trotzdem zu hören. MAZ dokumentiert.

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Amira (17) aus Palästina hat dieses Bild nach dem Terror von Paris gemalt.

Quelle: Hartmut F. Reck

Jüterbog. Jüterbog am 21. November, eine Woche nach dem Paris-Terror: Ein mutmaßlich rechtsextremer Anschlag zerstörte den kirchlichen Jugendtreff „Turmstube“, in dem sich auch Deutsche und Ausländer zum Weltcafé trafen. Vor der Explosion war die Stadt Schauplatz einer NPD-nahen Anti-Asyl-Demo. An der größeren Gegendemo „Wir lassen uns nicht ausspielen – Jüterbog keine Bühne für Nazis“ nahmen keine Flüchtlinge teil, die Polizei hatte aus Sicherheitsgründen darum gebeten.

Stimmen von Asylbewerbern waren am Freitagabend trotzdem zu hören. Jüterbogs Pfarrerin Mechthild Falk hatte nach den Anschlägen von Paris und Beirut Bewohner der umliegenden Flüchtlingsunterkünfte befragt, wie sie darüber denken und wie es ihnen hier geht. Einige der Aussagen hat die Pfarrerin am Freitagabend in der Jüterboger Nikolaikirche verlesen.

MAZ dokumentiert:

Amira
aus Palästina, 17 Jahre : „Ich liebe Deutschland, ich bin Muslimin, aber ich bin keine Terroristin. Ich will leben, ich will Frieden und an der Liebe zwischen deutschen Menschen und Flüchtlingen teilhaben. Ich liebe alle Menschen, ich bin kein Terrorist, bitte liebt mich doch. Betet, liebt, lebt das Leben, Respekt. Amira“.

18-jährige Palästinenserin aus dem Libanon: „Wir kamen hierher, weil wir uns hier sicher fühlen und Frieden für alle wollen. Wir sind keine Terroristen. Aber wir haben am eigenen Leibe erfahren, was Terrorismus heißt. Vor wenigen Tagen erhielten wir die Nachricht, dass einer aus unserer Familie bei den Angriffen in Beirut getötet wurde. Meine Mutter weint immerzu und keiner kann sie trösten. Von dem langen Laufen bei der Flucht durch Europa hat sie einen ganz kranken dicken Fuß. Ich will einfach keine schlechten Nachrichten mehr hören! Ich bin sehr froh, dass ich seit einer Woche zur Schule gehen kann. Der Direktor und mein Lehrer sind sehr nett. Ich will ganz schnell Deutsch lernen und träume davon, hier Chemie zu studieren. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“

Lehrerin aus Syrien, 27 Jahre: „Wir kamen nach Deutschland, weil wir Frieden lieben. Wir liefen weg vom Krieg. Wir wollten niemanden verletzen oder gar töten. Wir haben so viel Schreckliches gesehen in unserer Stadt. Am 21. März war ein großer kurdischer Feiertag. Die Menschen in unserer Stadt sagten: 5 Jahre lang haben wir es nicht gefeiert, wir haben keine Freude mehr. Und sie beschlossen, das Fest zu feiern, draußen auf der Wiese an einem großen Lagerfeuer. Alle wussten, wie gefährlich das ist. Mein Mann und ich blieben zu Hause, weil wir ein Baby haben. Dann fielen Bomben von Isis mitten auf die Menschen, die tanzten und lachten und fröhlich waren. 115 Menschen starben. Viele wurden verletzt, verloren einen Arm, ein Bein. Es war so schrecklich. Als das Krankenhaus anrief, ahnten wir Schlimmes. Der Vater meines Mannes war unter den Opfern. Unser geliebter Opa. Der beste Opa der Welt, ein toller Französisch-Lehrer. Wir waren sehr verzweifelt. Wir sind jung, wir möchten leben mit unserer kleinen Tochter. Oft wachen wir nachts auf und haben schlimme Träume. Obwohl wir meiner Mutter versprochen hatten, mit dem Baby nicht aufs Meer zu gehen, haben wir es getan. Wir können es nicht begreifen, dass wir am Leben geblieben sind. Jetzt wollen wir alles lernen, was euch wichtig ist, eure Kultur, eure Regeln, eure Sprache. Danke an die vielen hier in Jüterbog, die uns dabei helfen. Ich habe keine Worte, das auszudrücken.“

Mann aus Syrien, 43 Jahre: „Danke an alle Menschen in Jüterbog, weil sie uns hier willkommen heißen. Wir sind Menschen, die den Frieden lieben. Wir reichen euch unsere Hände, um gemeinsam gegen die Terroristen zu stehen.“

Mann aus Syrien, 29 Jahre: „Ich bin ein Muslim. Was in Frankreich geschah, das schmerzt mich und macht mich sehr traurig, so wie Euch. Wir tun unsere Hände in Eure, um gegen den Terrorismus zu kämpfen.“

Mann aus Syrien, 29 Jahre: „Ich danke der Regierung und dem Volk von Deutschland, die die Flüchtlinge aufnehmen.“

Mann aus Syrien, 49 Jahre: „Wir sind aus Syrien vor dem Krieg geflohen, vor genau diesem Terror, der jetzt in Paris so viel Leid brachte. Wir haben nur einen Wunsch: in Frieden und Sicherheit zu leben. Bitte, helft uns, weil wir das Leben lieben. Wir sehnen uns danach, hier zu leben, wo man seine Meinung frei sagen kann und offen ist für fortschrittliches Denken. Und niemand kommt, der uns das verbietet. Danke für alle Hilfe, die wir hier bekommen. Wir werden das nie vergessen.“

Student aus Syrien, 19 Jahre: „Wir sind Menschen, die das Leben lieben. Es stimmt nicht, wenn man sagt, dass wir keine guten Menschen sind. Alle syrischen Menschen legen großen Wert auf Bildung. Wir sind aufgeschlossen für fortschrittliche Gedanken und Kultur. Wir wollen zusammen mit den deutschen Menschen ein modernes Leben führen.“

Syrer, 24 Jahre: „Brief an alle Menschen in Deutschland und die Bürger in Jüterbog! Danke, dass ihr uns aufgenommen habt. Wir wollen gemeinsam mit Euch ein friedliches Leben führen, weil wir den Frieden lieben. Wir respektieren die deutschen Menschen, eure Kultur und Geschichte. Danke, dass Ihr uns respektiert.“

Mann aus Kamerun, 36 Jahre: „Seit einem Jahr lebe ich jetzt in Jüterbog. Ich habe viele Freunde gefunden. Sie helfen mir in meiner schwierigen Lage und unterstützen mich. Das macht mich sehr glücklich. Vielen Dank, Jüterboger!“

Von MAZonline

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