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Jüterbog Der Vater war „Organisator“ des Brandanschlags
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00:19 13.07.2018
Der Brandanschlag im Oktober 2016 verlief glimpflich, weil das Feuer schnell entdeckt und gelöscht wurde. Quelle: Victoria Barnack
Jüterbog/Potsdam

Im Prozess um den Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Jüterbog wurde am Montag das Urteil gesprochen. Angeklagt waren ein 20-jähriger Mittäter und der Vater des bereits verurteilten Chris P. (die MAZ berichtete). Der zum Tatzeitpunkt minderjährige Komplize wurde vom Landgericht Potsdam zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Für den 44-jährigen Dirk P. wurde ein höheres Strafmaß gewählt: Er muss für sechseinhalb Jahre ins Gefängnis.

Gericht: Vater war „Organisator des Brandanschlags

In der Begründung des Urteils hieß es, das Landgericht sei überzeugt, dass er der „Organisator des Brandanschlags" gewesen sei und damit ein „Fanal gegen Ausländer“ habe setzen wollen. Er sei nur deshalb nicht vor Ort gewesen und habe keinen Brandsatz geworfen, weil den Tätern bewusst gewesen sei, dass ihm im Fall der Entdeckung eine Gefängnisstrafe drohen würde. Der 44-Jährige war vorbestraft.

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Die Jüterboger Flüchtlingshilfe begrüßte das am Montag verkündete Urteil. „Die Strafen sind hoch aber gerechtfertigt“, sagte Sprecherin Mechthild Falk gegenüber der MAZ. Die Flüchtlingshelfer verurteilten damals wie heute das „menschenverachtende Handeln“ der Täter.

Die nun verhängten Strafen würden zum Ausdruck bringen, dass Gewalt gegen Deutsche wie Ausländer nicht geduldet und ausländische Mitbürger durch die Rechtssprechung gleichermaßen geschützt werden.

20 Minderjährige lebten in dem Heim

Die drei Männer hatten in der Nacht zum 1. Oktober 2016 gemeinsam den Angriff auf das Heim in der Jüterboger Badergasse mit mehreren selbstgebauten Molotow-Cocktails geplant. Damals lebten 20 alleinstehende, minderjährige Flüchtlinge in der Unterkunft. Verletzt wurde niemand.

Die beiden Brandsätze beschädigten ein unbewohntes Zimmer, das als Abstellraum diente. Der Schaden blieb mit 1500 Euro noch gering, weil ein Mitarbeiter den Brand schnell bemerkte und löschte.

20 minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge lebten im Oktober 2016 in der Unterkunft. Quelle: Victoria Barnack

Inzwischen ist in dem ehemaligen Krankenhausgebäude eine stationäre Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung der Johanniter-Unfall-Hilfe eingezogen. Geflüchtete und deutsche Minderjährige leben mittlerweile gemeinsam in dem Haus.

Täter beteuerte, allein gehandelt zu haben

Mit Hilfe von Videoaufnahmen einer Tankstelle und Zeugenaussagen wurde der zunächst allein angeklagte Chris P. wenige Wochen nach dem Anschlag verhaftet. Gegenüber der Polizei soll er fremdenfeindliche Motive angegeben haben. Bereits am ersten Prozesstag gestand er die Tat. Er beteuerte jedoch lange Zeit, den Angriff allein geplant und ausgeübt zu haben. Als Grund gab er vor Gericht an, kurz zuvor von einem Flüchtling bestohlen worden zu sein. „Ich war sauer und betrunken“, hatte der junge Mann ausgesagt.

Erst eine Zeugin brachte die Wende in dem Prozess: „Ich weiß, dass Chris gemeinsam mit seinem Freund F. und einer weiteren Person mitten in der Nacht daran beteiligt war“, hatte die 20-jährige Freundin von P. unter Tränen vor dem Landgericht in Potsdam ausgesagt. Sie bezichtigte später den Vater von Chris P. als Anstifter der Tat.

Mutter trennte sich wegen rechter Gesinnung vor vielen Jahren

Auch die Mutter des jungen Täters stützte damals in einer spontanen Zeugenaussage die Vorwürfe gegen Dirk P. Laut eigenen Angaben hatte sie sich vor mehreren Jahren von ihm getrennt, unter anderen wegen seiner rechtsradikalen Gesinnung.

Der Sohn des nun verurteilten Dirk P. (44) war bereits im November vergangenen Jahres zu zwei Jahren Jugendhaft auf Bewährung und 200 Sozialstunden verurteilt worden. Die Arbeitsleistungen, die grundsätzlich für gemeinnützige Zwecke zu erbringen sind, soll der 21-Jährige laut Urteil vorzugsweise in der Flüchtlingshilfe ableisten.

Noch läuft in diesem Fall die Revision der Staatsanwaltschaft. Sie hatte in ihrer Anklage gegen Chris P. auf versuchten Mord plädiert und viereinhalb Jahre Haft gefordert.

Vater lieferte Idee und Brandsätze

Entscheidend für das dennoch geringe Strafmaß für den Jugendlichen war bereits in diesem ersten Prozess die besondere Rolle des Vaters. Das Gericht betonte im Urteil gegen den Sohn, dass Dirk P. in der Tatnacht nicht nur die Brandsätze und die Idee zur Tat, sondern auch das zweite Motiv lieferte: Für den Stolz und die Anerkennung seines Vaters nahm Chris P. billigend in Kauf, dass bei der Tat Menschen hätten sterben können.

Weil bei ihm allerdings das Jugendstrafrecht angewendet wurde, durfte eine abschreckende Wirkung durch harte Strafen damals noch keine Berücksichtigung finden.

 

Von Victoria Barnack

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