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Jugendwehren sind gut aufgestellt

Dahmeland-Fläming Jugendwehren sind gut aufgestellt

Gruppenfahrt, Zeltlager, Löschangriff nass: Die Jugendfeuerwehren der Region bemühen sich seit Jahren mit großem Aufwand um den Nachwuchs – und das mit Erfolg. Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming sind Vorreiter bei der Gewinnung junger Feuerwehrleute. Aber damit sind längst nicht alle Probleme gelöst.

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Bei den Jugendfeuerwehren wird geübt, bis die Handgriffe für spätere Einsätze sitzen.

Quelle: Stephan Laude

Dahmeland-Fläming. Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) konnte sich vor einigen Tagen mal wieder von seiner spendablen Seite zeigen, was Politiker bekanntlich gerne tun. Er gab 1900 Euro aus Lottomitteln frei. Das Geld geht an die Jugendfeuerwehr Niedergörsdorf. 35 Parka sollen gekauft werden, damit in Niedergörsdorf künftig schon die Sechs- bis Zehnjährigen bei kälteren Temperaturen draußen Feuerwehr spielen können. „Wir wollen die Kinder früh einbinden“, sagt der Jugendwart der Niedergörsdorfer Feuerwehr, Martin Münch. Der Innenminister drückte es in seiner Mitteilung etwas anders aus, im Grunde meinte er dasselbe: „Um die Leistungsfähigkeit des freiwilligen Hilfesystems auch für die Zukunft zu sichern, ist es ganz wichtig, Kinder und Jugendliche frühzeitig an das Ehrenamt im Brand- und Katastrophenschutz heranzuführen.“

Tatsächlich ruhen auf den Kinder- und Jugendfeuerwehren die Hoffnungen der gesamten Brandschutz-Branche. Die jungen Mitglieder, die jetzt ihre Dienste noch vornehmlich mit Bastelstunden, Sportwettkämpfen oder Fahrzeugkunde verbringen, sollen, wenn sie groß genug sind, möglichst aktive Feuerwehrleute werden und somit die Existenz der Freiwilligen Feuerwehren sichern. Das klingt selbstverständlich, ist es aber längst nicht mehr.

Alles änderte sich mit der Wende

Früher, als die Dorfgemeinschaften stabil waren, mag das ein Selbstgänger gewesen sein. „Die Kinder sind damals mit den Eltern und den Großeltern in die Feuerwehr reingewachsen. Die Wehren haben damals auch das Gemeindeleben ganz anders beeinflusst, und wer auf dem Dorf aufgewachsen ist, er bliebt auch dort. Deshalb hatte man keine Nachwuchsprobleme“, sagt Mathias Liebe, Geschäftsführer des Kreisfeuerwehrverbandes Dahme-Spreewald.

Das änderte sich mit der Wende. Erst verschwanden Arbeitsplätze, dann junge Familien, schließlich die Schulabgänger. Und selbst für die noch vorhandenen Kinder war die Feuerwehr irgendwann nicht mehr die wichtigste Anlaufstelle im Ort – es gab andere Freizeitmöglichkeiten: Sportvereine, Schul- AGs, später Online-Spiele.

Hintergrund

Die Jugendfeuerwehr ist die Jugendabteilung in einer Freiwilligen Feuerwehr. Die Mitglieder sind in der Regel zwischen sechs und 16 Jahren alt. Sie erhalten eine altersgerechte theoretische und praktische Ausbildung, sie dürfen allerdings nicht in tatsächlichen Feuerwehreinsetzen eingesetzt werden.


Der brandenburgische Dachverband dieser Jugendfeuerwehren feiert dieser Tage sein 25-jähriges Bestehen.

Jugendabteilungen gibt es in Feuerwehren aber schon deutlich länger. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hatten einzelne Ortswehren eine Feuerwehrjugend.

In der DDR wurde im Jahr 1964 die Arbeitsgemeinschaft „Junge Brandschutzhelfer“ ins Leben gerufen. Sie sollte Kindern außerhalb der Schule Grundlagen des Brandschutzes beibringen. Geleitet wurden diese Arbeitsgemeinschaften im Allgemeinen von Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr. Nach der Wende ging die Arbeitsgemeinschaft in die Jugendfeuerwehren über.

Das Mitgliedsalter in den Jugendfeuerwehren lag üblicherweise bei zehn bis 16 Jahren. Um bereits zu einem früheren Zeitpunkt mit der Nachwuchsförderung beginnen zu können, wurde vor einigen Jahren gesetzlich der Eintritt in Kinderfeuerwehren ab sechs Jahren ermöglicht.

Weil altgediente Feuerwehrleute aufhörten, weitere Kameraden ihr berufliches Heil andernorts suchten und die Jugend sich anderen Betätigungsfeldern widmete, bluteten die Feuerwehren aus. Es brauchte Jahre, bis man diesem Trend mit neuer Nachwuchsarbeit effektiv entgegensteuern konnte, aber jetzt sei man auf einem guten Weg, besonders in Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald, sagt Jan von Bergen, stellvertretender Jugendfeuerwehrwart des Landes Brandenburg. „Das sind zwei wirklich starke Landkreise, die sehr engagiert und federführend in der Jugendarbeit sind“, urteilt Jan von Bergen.

Tatsächlich gehören die Kinder- und Jugendfeuerwehren beider Landkreise inzwischen zu den mitgliederstärksten in Brandenburg. In Teltow-Fläming unterhalten derzeit 76 der rund 200 Ortswehren eigene Kinder- und Jugendabteilungen. Insgesamt zählt der Landkreis fast 1000 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren, die regelmäßig eine Feuerwehruniform anziehen. In Dahme-Spreewald sind es sogar 1400, Tendenz weiter steigend. So viele gibt es sonst nur noch in Potsdam-Mittelmark, das aber fast 50 000 Einwohner mehr hat.

Im Norden mehr Mitglieder als im Süden

Freilich sind die Mitgliederzahlen im Norden höher als im Süden. Während Wehren wie Rangsdorf, Wünsdorf oder Wildau inzwischen schon Kinder und Jugendliche abweisen müssen, weil die Kapazitäten erschöpft sind, sieht es in Lieberose oder im Niederen Fläming noch teilweise mau aus. Aber der flächendeckende Mitgliederrückgang konnte in beiden Kreisen weitgehend abgefangen werden. „Wir haben gut und kreativ gearbeitet, nicht nur in der Jugendarbeit, aber auch und vor allem dort“, sagt Mathias Liebe.

In Teltow-Fläming ist der Verband mit seinem Brandschutzmobil präsent, man wirbt offensiv in den Dörfern, der Landkreis macht Brandschutzerziehung in den Kitas. „Nicht ohne Hintergedanken“, wie Kreisjugendwartin Meike Roschner einräumt. In Dahme-Spreewald startete man schon vor einigen Jahren die Kampagne „Werd auch du ein Superstar“, deren Slogan inzwischen selbst auf Bussen und auf elektronischen Fahrkarten prangt. Man hat die Außendarstellung professionalisiert und eine eigene Internetseite für die Jugendfeuerwehr eingerichtet.

Es gibt ein Jugendforum, in dem junge Feuerwehrleute viermal im Jahr über fachliche und politische Themen diskutieren. Das Kinderbrandschutzzentrum in Heidesee strahlt landesweit aus. Und zuletzt hat sich der zuständige Fachbereich schon wieder etwas Neues überlegt: einen „Kinderfeuerwehrkoffer“, mit dessen Inhalt auch Kindergärtnerinnen oder Eltern zu Betreuern werden können. „Wenn man viele junge Nachwuchskräfte geworben hat, kommt natürlich das nächste Problem“, berichtet Mathias Liebe. „Wir brauchen Betreuer“, sagt er.

Familie und Job lassen wenig Zeit

Davon kann auch Meike Roschner in Teltow-Fläming ein Lied singen. Erst vor wenigen Tagen hat sie eine Mail von einem Bekannten bekommen, einem engagierten Jugendwart. Er müsse sich schweren Herzens abmelden, schrieb er. Familie und Job lassen ihm zu wenig Freiräume für die Feuerwehr. „Die Nachwuchswerbung haben wir inzwischen gut im Griff. Betreuer sind unser größtes Problem“, sagt Meike Roschner. „Wir veranstalten gerne Jugendlager oder Fahrten. Aber dafür müssen sich Erwachsene fünf Tage Urlaub nehmen. Wenn man selbst Familie hat, fällt das schwer.“

Ein weitere Schwachstelle ist der Übergang von der Jugendwehr zur Erwachsenenwehr. Da gehen die meisten verloren, sagt Landesjugendwart Jan von Bergen. „Von zehn Jugendlichen, die übertreten, halten wir am Ende vielleicht drei. Viele ziehen des Jobs wegen weg. Andere, die das Spielerische in der Jugendwehr mochten, werden abgeschreckt vom teils rauen Ton, der in den Einsatzabteilungen herrscht.“

Lobbyarbeit bei Bürgermeistern und Unternehmern

Mathias Liebe hat deshalb längst erkannt, dass er über die Nachwuchswerbung hinaus denken muss. Er muss auch für Perspektiven sorgen. Als Geschäftsführer des Feuerwehrverbandes Dahme-Spreewald redet er an Stammtischen mit Unternehmensvertretern und Bürgermeistern, er betreibt Lobbyarbeit für Feuerwehrleute und wirbt dafür, dass Betriebe und Kommunen bevorzugt seine Kameraden einstellen. „Natürlich höre ich dann immer, dass es schwierig ist mit Feuerwehrleuten, weil sie alles stehen und liegen lassen müssen, wenn der Pieper geht“, sagt Liebe. „Aber ich frage dann, wie die Unternehmer es fänden, wenn es bei ihnen brennt und es dauert eine halbe Stunde, bis die Feuerwehr da ist.“ Die Gefahr bestehe nämlich, wenn Feuerwehrleute auf dem Land keine Arbeit mehr finden, die ihnen ihr Ehrenamt ermöglicht.

„Wir sind auf die Unternehmen angewiesen. Ohne sie können wir unsere Nachwuchskräfte nicht halten, und dann nützt die ganze Nachwuchswerbung nichts“, sagt Liebe.

Meike Roschner hat dieses natürliche Ausdünnen selbst als Jugendliche in Baruth erlebt. „Wir waren damals eine starke Mädelstruppe“, sagt sie. „Übrig geblieben bin nur ich.“ Auch von den Jungs sind viele gegangen. Es sind aber auch einige geblieben. Einer ist jetzt Ortswehrführer – und Meike Roschners Mann. Sein Stellvertreter war damals auch bei der Jugendfeuerwehr. Wenn das keine Perspektiven sind.

Von Oliver Fischer

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