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Junger Syrer hospitiert in Jüterboger Apotheke

Flüchtlinge in Teltow-Fläming Junger Syrer hospitiert in Jüterboger Apotheke

So geht Integration: Die Strapazen der Flucht will der junge Apotheker Mohammad Alsaied endlich hinter sich lassen. Er lernt Deutsch – doch das reicht ihm nicht. Alsaied will so schnell wie möglich arbeiten und seinen deutschen Uni-Abschluss nachholen. Zur Vorbereitung hospitiert er mehrere Stunden in der Woche als Praktikant in der Jüterboger Mohren-Apotheke.

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Mohammad Alsaied will bald wieder arbeiten. Derzeit macht der syrische Pharmazeut ein Praktikum in der Jüterboger Mohren-Apotheke.

Quelle: Foto: J. Sack

Jüterbog. Einfach nur rumsitzen und abwarten, das ist nichts für Mohammad Alsaied. Mehr als drei Monate ist es nun her, dass der junge Syrer aus Homs nach Deutschland einreiste. Seit November 2015 lebt er mit seiner 14-jährigen Schwester und einem Onkel in Jüterbog im Wohnheim in der Großen Straße .

Die Strapazen der Flucht, dann die Behördengänge, Deutsch lernen, der Schwester bei den Schulaufgaben helfen, die Stadt kennenlernen – nach den vergangenen Wochen hätte sich der 23-jährige Alsaied wirklich eine Pause verdient. Doch statt in Ruhe anzukommen, stürzte er sich direkt ins nächste Projekt. Seit Dezember hospitiert der Syrer ein paar Stunden in der Woche in der Mohren-Apotheke am Marktplatz.

Vermittelt hat das Praktikum Pfarrerin Mechthild Falk, als sie erfuhr, dass Mohammad Alsaied studierter Pharmazeut ist. Nur mit Mühe habe er das Studium in seiner Heimat beenden können, erzählt er im Gespräch mit der MAZ. In Syrien herrscht seit 2011 Bürgerkrieg. Mehr als vier Millionen Menschen haben seither das Land verlassen. Besonders dramatisch ist die Situation in der Millionenstadt Homs, wo Alsaied groß geworden ist und bis zur Flucht in der Apotheke seines Onkels arbeitete.

„Jeden Tag fielen Bomben und Attentäter sprengten sich in die Luft. Es gab Straßenkontrollen und ich konnte nicht mehr zur Uni, sondern habe zu Hause gelernt. Draußen war es einfach nicht mehr sicher“, erinnert sich Alsaied. „Hier ist alles so geordnet, nicht so chaotisch wie zuletzt in meiner Heimat“, ergänzt er in perfektem Englisch. Der Syrer stammt aus einer Akademikerfamilie. Seine Eltern, die sich noch in Syrien aufhalten, sind Englischlehrer, Alsaieds Onkel ist ebenfalls Apotheker, ein anderer Arzt.

„Mohammad hat ein super Examen, er besitzt ein sehr gutes pharmazeutisches Basiswissen“, bestätigt Ute Matz, Filialleiterin der Mohren-Apotheke. Als die Anfrage kam, habe sie keinen Moment gezögert, dem geflohenen Syrer die Chance auf einen Praktikumsplatz zu ermöglichen. Auch Inhaber Marko Hill, der neben der Mohren-Apotheke noch die Dammtor-Apotheke betreibt, habe direkt seine Unterstützung zugesagt. „Trotz oder gerade wegen der Vorbehalte, die leider viele hier haben, haben wir gesagt: Wir preschen voran und unterstützen die Flüchtlinge“, so Matz.

Ihre Bilanz nach den ersten Wochen der Zusammenarbeit: „Durchweg positiv“, sagt die Apothekerin und strahlt. Vor allem ist sie begeistert, wie schnell ihr syrischer Praktikant Deutsch gelernt hat. „Nach zwei Wochen hat er schon in ganzen Sätzen geantwortet“, sagt sie. Fünf Stunden pro Woche hat Mohammad Alsaied Deutschunterricht und übt auch in seiner Freizeit weiter. Durch das Praktikum in der Mohren-Apotheke erhofft er sich, möglichst schnell die deutschen Fachbegriffe und Namen der Medikamente und Wirkstoffe zu lernen.

Ansonsten hilft der Syrer beim Einräumen der Medikamente und hört aufmerksam zu, wenn seine Kolleginnen Patienten beraten. Auch wenn die Aufgaben in der deutschen Apotheke denen in Syrien ähneln, so gibt es doch einen wesentlichen Unterschied: „In der Apotheke meines Onkels gab es mehr Medikamente ohne Rezept“, sagt Alsaied und erklärt: „Wegen des Kriegs fehlte vielen das Geld für den Arzt, die Leute kamen einfach direkt zu uns.“

Ohne Genehmigung darf der junge Apotheker vorerst keine Medikamente herausgeben. Dennoch ist er optimistisch, dass er eines Tages wieder hinter dem Tresen steht und Patienten berät. Dafür will er weiter Deutsch lernen – auch um seinen deutschen Uni-Abschluss nachzuholen. „Ich will arbeiten und teilhaben und so Deutschland, das mir und meiner Schwester geholfen hat, etwas zurückgeben“, sagt er. Dass er seinen Weg finden wird, daran lässt der umtriebige Syrer keinen Zweifel.

Von Josefine Sack

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