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Keiner schreit so schön wie ich

„MAZ macht mit“ beim Stadtchor Jüterbog Keiner schreit so schön wie ich

In der Serie „MAZ macht mit“ wagt der Redakteur und Karaoke-Fan Peter Degener eine Probe im Stadtchor Jüterbog, der für sein hohes Niveau bekannt ist. Mit seinen Erinnerungen an traumatisches Vorsingen vor der Grundschulklasse hat der gemeinsame Abend der Besucherkrähe mit den Nachtigallen aus dem Chor allerdings nichts zu tun.

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Gute Laune verbreitet sich bei so einer Chorprobe wie von selbst.

Jüterbog. Ich kann zwar nicht singen, doch tue ich es trotzdem leidenschaftlich gerne, vor allem im Auto und bei Karaoke-Abenden mit Freunden. „Keiner schreit so schön wie Du“, wurde ich erst kürzlich gelobt, nachdem ich im Duett einen Klassiker aus meinem Rockmusik-Repertoire am Mikrofonständer hängend intoniert habe. Mein Publikum hatte sicher seine Freude an mir, aber ich weiß, dass mein Gesang statt Gänsehaut auch Schmerz in den Ohren verursachen kann.

Die Anfrage des Jüterboger Stadtchors, doch einmal bei einer Probe mitzuwirken, ließ mich deshalb ganz nervös werden. Ich hatte Lampenfieber wie vor einem Auftritt in einem gefüllten Konzerthaus, als ich an einem Montagabend in den Probensaal im Jüterboger Kulturquartier Mönchen-kloster kam. Böse Erinnerungen an meine ersten Schuljahre, als das Vorsingen noch zu meinem Musikunterricht gehörte, ließen meinen Magen rumoren. Ich kann tiefe Töne halten, aber keine Melodie singen – schon gar nicht in Hörweite von kritischen Musiklehrern.

Das Proben in Pantoffeln schützt den Boden und entspannt

Das Proben in Pantoffeln schützt den Boden und entspannt.

Quelle: Uwe Klemens

36 geübte Ohrenpaare erwarten mich im Probenraum, allen voran Chorleiter Peter Stettler, der den 1992 gegründeten Chor seit 2004 auf ein hohes Niveau gehoben hat. Wie ich im Verlauf der Probe höre, können die Mitglieder auch vielstimmige Choralgesänge aus der Renaissance singen. Die erste Lektion für mich: Schuhe ausziehen, damit der Boden nicht leidet. Ich bekomme Pantoffeln gestellt, die mich gleich etwas entspannen. Wir singen uns ein und bewegen uns dabei frei im Raum. Stettler hat eine neue Übung für alle parat. Mit geschlossenen Augen summen wir und versuchen, einen zu uns passenden anderen Summer zu finden. Als ich nach einigem Wandern und Brummen die Augen öffne, sehe ich den ganze Chor sehr dicht beieinander stehen - ich dagegen bin im Abseits. „Das zeigt, unser Chor ist eine Einheit“, freut sich Stettler. Danach verkündet er eine Nachricht, die auch in meinen Ohren gut klingt: „Heute singen wir Schlager!“ Vielleicht kenne ich ja schon Text und Melodie, hoffe ich.

Die Noten für „Wochenend’ und Sonnenschein“ werden mir in die Hand gedrückt. Der fröhliche und etwas frivole Text aus dem Jahr 1930 ist zwar von den Comedian Harmonists populär gemacht worden, mir aber vollkommen unbekannt. „Das Lied ist voller Temposchwankungen“, warnt Stettler sogar die Profis vor ihm und es zeigt sich, dass nicht nur ich damit Probleme habe. „Singt nicht immer so deutsch, das ist kein Marsch“, mahnt der Chorleiter zu Lockerheit. Niemand wird von ihm geschont. „Mit künstlerischer Kritik hält er nicht zurück“, wird mir gesagt. Er wird aber gerade für seine Kenntnisse und Führung geschätzt.

Die Angst vor dem Vorsingen verpufft allmählich

Wir sollen die Stimmung des Textes mitsingen. So manche Zeile ist nicht ganz ernst, sondern eher schlüpfrig gemeint. Wir singen: „Tief im Wald nur ich und du, der Herrgott drückt ein Auge zu“. Danach geht es im Lied um den Sonntag, der eigentlich Ruhetag sein soll, aber „wir haben auch am siebten Tag zu tun.“ Den Text interpretieren wir mit überdeutlicher Mimik. Solche verschmitzten Grimassen liegen mir und ich bekomme dafür sogar Lob. Außerdem merke ich, dass bei einer Chorprobe viel miteinander gelacht wird. Die Angst vor dem Vorsingen verpufft.

Noch bevor ich übermütig werde und meine Mikrofon-Attitüde durchschlägt, rät mir Stettler, dass ich mit der Stimme runtergehen und genau hören soll, was die anderen machen. „Sie müssen lernen, den Ton ,abzunehmen’, den die anderen singen“, sagt mein Nachbar. Das sei das erste, was man im Chor lernen muss. So lausche ich und singe leise mit, statt mich hervorzutun. Leider habe ich einen ungünstigen Platz erwischt, denn als wäre ich in einem zweiten Stimmbruch, stehe ich genau zwischen Tenor und Bassgruppe und weiß nicht, welche Lage mir besser liegt. Quasi nebenbei verzweifle ich fast an der Notation der Lieder. Anders als bei der Karaoke-Maschine läuft der Text nicht in jeder Wiederholung mit. Man muss den Anschluss auf den Notenblättern suchen, wenn es vom Refrain wieder zurück in die nächste Strophe springt oder nach der Wiederholung einer Passage an ganz anderer Stelle weitergesungen wird.

Ein, zwei Abende in der Woche üben viele der Chormitglieder auch zu Hause. „Man muss sich hinsetzen und die Lieder lernen“, sagt Kerstin Bochin, die seit knapp zwei Jahren Mitglied ist. Sie hatte zuletzt in der Schule gesungen. Nach vielen Jahren Gesangspause hatte sie ein neues, geselliges Hobby gesucht und dann das Singen im Stadtchor ausprobiert. „Ich habe zuerst getestet, ob ich geeignet bin und der Chorleiter hat gemeint, dass ich eine ausbaufähige Stimme habe“, sagt Bochin, die im Sopran singt. Der Lohn für die Mühen? Neben der Freude am Singen und der Verbesserung des eigenen Könnens sind es natürlich die Auftritte. „Dann steht man auf der Bühne und ist froh, das Geprobte zu präsentieren und auch ein wenig stolz“, sagt Bochin. Schließlich ist da auch der Applaus, wenn alles vorüber ist.

 Der Stadtchor Jüterbog unter Leitung von Peter Stettler

Der Stadtchor Jüterbog unter Leitung von Peter Stettler.

Quelle: Uwe Klemens

Die Frühlings- und Weihnachtskonzerte des Jüterboger Stadtchors müssen längst nicht mehr groß beworben werden, das Interesse an den Auftritten ist groß. „Aber der fehlende Nachwuchs ist ein Problem“, sagt Doreen Jannek, die Vorsitzende des Vereins hinter dem Chor. Zwischen 35 und 81 Jahre alt sind die Mitglieder. Man sei als der „alte Chor“ bekannt. Dabei ist das Repertoire durch Peter Stettler längst von den alten Meistern und den traditionellen Liedern der Romantik mit Schlagern und Popsongs der letzten Jahrzehnte modernisiert worden.

Wäre auch Platz für einen wie mich? Bin ich nur der beste Schreihals, wie meine Karaoke-Freundin mir versichert, oder schlummert auch ein bislang unentdeckter Singvogel in meiner Brust? Am Ende der Probe frage ich Tenor Ulf Seifert neben mir. Er singt seit neun Jahren im Stadtchor und hat mich trotz meiner Zurückhaltung die ganze Zeit am besten gehört. Sein Fazit: „Sie haben eine wunderbare Stimme. Da sage ich, dass das was werden kann. Aber auch: daraus muss erst noch etwas werden.“

Von Peter Degener

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