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Teltow-Fläming „Kita-Zeit ist wichtig für die Sprachentwicklung“
Lokales Teltow-Fläming „Kita-Zeit ist wichtig für die Sprachentwicklung“
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21:59 19.10.2017
Jeannette Schreiber (l.) und Brigitte Nixdorf arbeiten gemeinsam in einer Zeuthener Logopädie-Praxis. Kleine Kinder mit Sprachstörungen machen einen Großteil ihrer Patientenschaft aus. Quelle: Anja Meyer
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Zeuthen

Jeannette Schreiber und Brigitte Nixdorf arbeiten als Logopädinnen in der Praxis von Jeannette Schreiber in Zeuthen. Im Doppel-Interview sprechen sie darüber, wodurch Sprachdefizite bei Kindern entstehen können, in welchem Alter sie am effektivsten zu therapieren sind und welche Gefahren sich bei nicht behandelten Sprachstörungen in der weiteren Entwicklung von Kindern entwickeln können.

Frau Nixdorf, Frau Schreiber, einer Studie zufolge ist der Anteil von Kita-Kindern mit Sprachproblemen seit 2010 um 5,6 Prozent gesunken. Haben Sie jetzt weniger kleine Patienten mit Sprachproblemen?

Jeannette Schreiber:
Ich merke ehrlich gesagt nicht, dass es weniger kleine Kinder mit Sprachdefiziten gibt.

Wie viel Prozent der Patienten machen Kinder in Ihrer Praxis aus?

Schreiber:
Bei uns sind rund 60 Prozent aller Patienten Kinder und Jugendliche. Die anderen 40 Prozent sind erwachsene Patienten mit neurologischen Krankheiten.

Brigitte Nixdorf:
Ein Großteil der Kinder ist im Vorschulalter, also im Alter von vier bis sechs Jahren. Dazu kommen vermehrt jüngere Kinder mit Saug- und Schluckstörungen in die Praxis. Und auch Zweijährige, die bis dahin noch keine 50 Wörter und keine Zwei-Wortkombinationen sprechen. Dennoch gibt es leider auch Kinder, bei denen nicht alle Sprachdefizite bis zur Einschulung behoben sind.

Was sind die häufigsten Sprachdefizite, die kleine Kinder aufweisen?

Nixdorf:
Die meisten Kinder haben Aussprachestörungen, die weithin bekannteste ist das Lispeln. Dabei sind Zischlaute betroffen. Ebenso können Artikulationsstörungen auftreten, bei denen zum Beispiel der Laut „d“ durch „g“ oder „t“ durch „k“ ersetzt wird oder umgekehrt. Kinder mit solchen Lautbildungsfehlern sagen zum Beispiel „dut“ statt „gut“ oder „Gach“ statt „Dach“. Ein typischer Satz ist: „Ich dehe in den Tinderdarten.“

Schreiber:
Bei einer Sprachentwicklungsverzögerung oder -störung kann auch eine fehlerhafte Grammatik, ein geringer Wortschatz, eine erschwerte Wortfindung oder ein beeinträchtigtes Sprachverständnis auftreten. Vor allem Kinder, die Sprache nicht richtig verstehen, fallen manchmal nicht so schnell auf. Etwa weil sie als unaufmerksam, abgelenkt oder uninteressiert gelten. Hinzu kommen Kinder mit Auffälligkeiten der Stimme, des Redeflusses oder Störungen der Muskulatur im Mund- und Gesichtsbereich.

Welche Ursachen haben diese frühkindlichen Sprachprobleme?

Schreiber:
Die Ursachen zu benennen, ist eine komplexe Angelegenheit. In manchen Fällen ist eine organische Ursache für die Störung bekannt – wie bei angeborenen Hörstörungen oder einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Meistens kann man die Ursachen jedoch gar nicht eindeutig benennen. So können sich zum Beispiel häufige Mittelohrentzündungen oder Belüftungsstörungen bei häufigen Erkältungen nachteilig auf die Sprachentwicklung auswirken. Es kann sein, dass das Kind dadurch mehrere Wochen nur gedämpft, wie in Watte gepackt, hört und somit wichtige Schritte während dieser Entwicklungsphase versäumt. Ein pädaudiologischer Hörtest kann hier Klarheit bringen.

Nixdorf:
Jedes Kind hat sogenannte Entwicklungsfenster für bestimmte Entwicklungsschritte. Während dieser Zeit fällt es dem Kind leicht, bestimmte Sprachinhalte zu lernen. Wenn jedoch während einer sprachsensiblen Phase ein Problem wie zum Beispiel schlechtes Hören vorliegt, ist es aufwendiger, diesen Entwicklungsschritt später aufzuholen.

Was sollten Kinder bis zum Schulalter sprachlich können?

Schreiber:
In den ersten drei Lebensjahren hat das Kind alle wesentlichen Sprachentwicklungsprozesse durchlaufen. Es kann sich in Sätzen verständlich machen und Sprache verstehen, es kommt in dieser Zeit zu einer Art Wortschatzexplosion, in der das Kind pro Tag fünf bis zehn neue Wörter erlernt. Die Kinder können in dieser Lebensphase Fragen stellen und einfache Geschichten verstehen. Im dritten Lebensjahr sinkt die Fehlerquote in der Artikulation unter zehn Prozent. Bis zum Ende des sechsten Lebensjahres verdichten sich die Sprachfähigkeiten und sind dann im Normalfall komplett entwickelt.

Was ist das Gefährliche daran, wenn Kinder mit Sprachdefiziten in die Schule kommen? Können diese Lautfehlbildungen oder andere Störungen ab einem gewissen Alter nicht mehr korrigiert werden?

Schreiber:
Doch, das kann man auch bei älteren Kindern noch behandeln und korrigieren. Auch hier gilt: Je früher eine Sprachentwicklungsverzögerung erkannt wird, desto eher kann sie behoben werden. Kinder, die fast unverständlich sprechen, können große, emotionale Krisen durchlaufen. Das kann psychisch sehr belastend für sie sein. Deshalb ist es am besten, Sprachstörungen so früh wie möglich zu erkennen und dann auch logopädisch zu behandeln.

Nixdorf:
Das große Problem bei Kindern, die mit Sprachdefiziten eingeschult werden, ist das Lesen- und Schreiben-Lernen – worauf in der Grundschule zunächst das Augenmerk liegt. Wenn ein Kind bestimmte Laute nicht unterscheiden kann, hat es dafür keine guten Vorläuferfähigkeiten. Deshalb besteht bei Kindern mit einer unbehandelten Aussprachestörung ein hohes Risiko für eine spätere Lese-Rechtschreib-Störung.

Was raten Sie Eltern, deren Kinder sprachliche Störungen aufweisen?

Nixdorf:
Sehr wichtig ist es, die Sprechfreude zu unterstützen. Denn die Sprechfreude gilt als der entscheidende Motor der Sprachentwicklung. Das Nachsprechenlassen von schwierigen Wörtern kann bei Kindern hingegen das Gegenteil bewirken. Wenn Eltern Sprachauffälligkeiten bemerken, sollten sie diese in Ruhe mit dem Kinderarzt besprechen. Sprachentwicklung verläuft sehr variabel. Meistens haben Eltern ein gutes Gespür dafür, wann ihr Kind ein echtes Problem entwickelt.

Und bei kleineren Kindern?

Nixdorf:
Das Betrachten von Bilderbüchern regt die Fantasie und das Denken des Kindes an, dabei gibt es drei Möglichkeiten: das Vorlesen, Erzählen oder das Gespräch. Eltern sollten beim gemeinsamen Anschauen von Büchern nicht vorwiegend abfragen, sondern auf Lautmalereien wie „au“ oder „i“ eingehen, indem sie sagen „au, na was ist denn da passiert“, kurz abwarten und dann vielleicht sagen „au, der hat sich aber weh getan“. Sie sollten das Gesagte in kindgemäßem Tonfall wiederholen und die Äußerung des Kindes ergänzen. Hierbei geht es darum, dass sich das Kind verstanden und abgeholt fühlt. In der heutigen, schnelllebigen Zeit kann es gut tun, wenn Eltern das Ritual haben, eine Viertelstunde am Tag mit dem Kind ein Buch anzuschauen. Die Qualität liegt darin, dass es keine Störungen durch Handy, Fernseher, Radio oder sonstiges gibt.

In Studien wird auch immer wieder herausgehoben, dass Kita-Kinder weniger Sprachdefizite aufweisen, als Kinder, die Zuhause betreut werden. Können Sie das bestätigen?

Schreiber:

Die Kita-Zeit ist wichtig für die Sprachentwicklung von Kindern, weil der Kontakt zu Gleichaltrigen oft einen Kommunikationsschub bewirkt. In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Sprachförderprogramme entwickelt, die in den Kitas intervallmäßig angeboten werden. Von unserer Praxis aus bieten wir die „Sprachreich“-Fortbildung an, ein logopädisch fundiertes Konzept zur Förderung der Sprache im Alltag. Es ist überall einsetzbar, insbesondere in Kindertagesstätten. Dabei werden vor allem Erzieher darin fortgebildet, kindliche Sprachentwicklung besser einzuschätzen und somit Defizite zu entdecken.


Von Anja Meyer

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