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Brandenburgerin erfüllt Latex-Fantasien

Königs Wusterhausen Brandenburgerin erfüllt Latex-Fantasien

Eigentlich träumte Alla Stritz von einer normalen Karriere als Schneiderin und Modedesignerin. Dann aber kam das Leben dazwischen – und Latex. Seit 15 Jahren fertigt sie mit ihrer Firma in Königs Wusterhausen Fetischmode, und die Kunden rennen ihr die Bude ein. Teilweise nackt.

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Alla Stritz schneidert in ihrem Atelier in Niederlehme Fetischmode aus Latex. Ihre Firma heißt LatexAS.

Niederlehme. Am liebsten wäre Alla Stritz heute zu Hause geblieben. Sie fühlt sich nicht, eine Erkältung ist im Anmarsch, ein Tag Ruhe täte ihr gut. Aber Ruhe kann sie sich nicht leisten, an normalen Tagen nicht und so kurz vor Weihnachten schon gar nicht. Die Bestellungen stapeln sich in ihrem Büro. Es scheint, als wollen alle Ihrer Kunden zum Fest noch etwas Neues zum Anziehen haben.

Ein halbes Dutzend schwarze Anzüge muss Alla Stritz bis Heiligabend noch kleben: Druckknöpfe vorne, Reißverschluss hinten, der Klassiker. Dazu Oberteile, Höschen und Masken. Und dann noch die Festtagskleidung. Rot soll sie sein, gerne mit passender Mütze. Die „Besinnlichkeit“, die die Kunden damit heraufbeschwören möchten, ist freilich etwas speziell. Und von Kindern sollten sie sich in diesem Weihnachtsaufzug auch fernhalten. Denn was Alla Stritz da in ihrer Werkstatt schneidert, ist nichts für Minderjährige.

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Früher hat Alla Stritz Uniformen für sowjetische Offiziere geschneidert. Seit 15 Jahren produziert sie mit ihrer eigenen Firma Fetischmode aus Latex – und verkauft sie an Gummi-Enthusiasten und Gummiliebhaber weltweit. Hier einige Eindrücke.

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Die 53 Jahre alte Königs Wusterhausenerin mit den blonden Haaren und dem russischen Akzent betreibt in Niederlehme ein Latexatelier, das zu den angesagten Adressen in der Fetischszene gehört. Zwischen Autowerkstätten und Lackierereien hat sie eine kleine Fabriketage mit Büro, Schneideraum und Kleberaum gemietet, wo sie alles fertigt, was sich Gummi-Enthusiasten wünschen.

Reißverschlüsse und Löcher, Klappen und Öffnungen

Der Schneideraum sieht dabei kaum anders aus als eine herkömmliche Schneiderei. Auf großen Tischen liegen dort Latexbahnen. An den Wänden hängen Schablonen, mit deren Hilfe Alla Stritz Beine, Ärmel, Schürzen, Rückenteile und Bauchteile ausschneidet und anschließend zusammenfügt. Nur dass die Anzüge, die Alla Stritz schneidert, eben aus Gummi sind. Sie sitzen hauteng, sie glänzen und glitzern, wenn sie poliert sind, und sie haben überall dort Reißverschlüsse und Löcher, wo die Kunden sie haben wollen. Und das ist meistens untenrum, sagt Alla Stritz.

Für unbedarfte Ohren mag das seltsam klingen, für einige sogar verstörend. Alla Stritz aber zuckt nur mit den Schultern, wenn sie über die verschiedenen Öffnungen, Ringe, Klappen und Verschlüsse redet, die sich ihre Kunden bei ihr einbauen lassen. „Ich muss es nicht tragen, ich muss es nur machen“, sagt sie. Und nach 20 Jahren in der Branche, hat man irgendwann auch alles gesehen und gehört, was sich in fremden Betten so abspielt.

Früher, als sie noch im sowjetischen Leningrad lebte, hätte sie eine solche Abgeklärtheit allerdings wohl kaum aufgebracht. Sie wollte damals Schneiderin werden, hatte eine Lehre absolviert und Modedesign studiert. Für stilbewusste Frauen nähte sie Mäntel und Oberteile, die sich von der realsozialistischen Stangenware abhoben. Das hätte es sein können, das Leben.

Als Offiziersfrau nach Wünsdorf

Aber 1986 wurde ihr Mann, ein Offizier, in die DDR nach Wünsdorf versetzt, und Alla Stritz zog mit. „Das war für jeden Offizier eine Ehre“, sagt sie. Und auch in „Klein Moskau“, wie die abgeriegelte Armeestadt damals genannt wurde, konnte man Schneiderinnen gut brauchen. Immerhin lebten rund 30 000 Soldaten dort, der Bedarf an Uniformen war hoch. Die Kleidung der unteren Dienstgrade wurde zwar aus der Sowjetunion eingeflogen. Die der Offiziere aber musste vor Ort maßgeschneidert werden.

„Wenn ein Hauptmann zum Major befördert wurde, ein Major zum Oberstleutnant oder ein Oberst zum Generalmajor, dann brauchte er fünf neue Uniformen für verschiedene Anlässe, und zwar sofort“, sagt Alla Stritz. Sieben Frauen waren in der Schneiderei angestellt, sie arbeiteten wie am Fließband. Eine nahm Maß, eine machte Ärmel, eine Rückenteile, eine fertigte aus Gold die Eichenblätter und Schnüre für die Kragenspiegel. Sogar wenn Matwei Burlakow, der Oberkommandierende der Sowjetischen Streitkräfte in der DDR, zwei Kilo zugelegt hatte und neue Uniformen brauchte, gingen die Brust- und Rückenteile durch Alla Stritz’ Hände. Beschwerden habe es nie gegeben. „Wir waren die Besten“, sagt sie.

Auch heute klebt sie noch Uniformen, nur ist die Herstellung eine gänzlich andere. „Früher mussten sie locker sitzen, das dürfen sie heute nicht mehr.“

Dass sie überhaupt noch mit Schnitten und Kleidung zu tun hat, war nicht selbstverständlich. Als sie 1991 aus Wünsdorf in die Sowjetunion zurückkehrte, stand sie vor dem Nichts. Ihre Ehe zerbrach, sie ging wieder nach Deutschland, diesmal allein, und arbeitete in irgendwelchen Jobs, bis eine Bekannte sie schließlich an eine an eine Berliner Firma für Fetisch-Kleidung vermittelte. Dort stellte man sie nach einem Probetag sofort ein. „Sie fanden mich offenbar gut, auch wenn ich alles neu lernen musste“, sagt sie.

Neues Material, neue Kunden

Alla Stritz musste sich nicht nur an das neue Material gewöhnen, sie musste plötzlich auch kleben statt nähen, ihre Anzüge mussten sich perfekt an die Körperform anpassen aber ohne zu drücken, zu kneifen oder an empfindlichen Stellen einzuschneiden. Das alles lief aber so problemlos, dass sie sich nach fünf Jahren mit einer eigenen Firma selbstständig machte. Und die Kunden rannten ihr sofort die Bude ein. Schon nach wenigen Monaten war ihr Kelleratelier zu klein. Sie stellte Mitarbeiter um Mitarbeiter ein, zwischenzeitlich klebten sie zu zehnt Gummihöschen und Latexanzüge.

Inzwischen hat sie die Mitarbeiterzahl wieder zurückgefahren. „Es wurde mir alles zu viel“, sagt sie, zumal sie mit ihrem heutigen Mann auch noch eine Gaststätte in Königs Wusterhausen betreibt. Trotzdem beliefert Alla Stritz mit ihren Fetischklamotten immer noch Geschäfte in ganz Europa, in Las Vegas und bald auch in Gran Canaria.

Der Verkauf läuft gut, sie kennt die Bedürfnisse und Gewohnheiten ihrer Kunden. Neun von zehn seien Männer, fast alle schwul, sagt sie. Viele davon kommen persönlich vorbei. Sie lassen Maß nehmen, entledigen sich dabei auch oft genug der Unterhose, obwohl sie das nicht müssen, sie reden mit Alla Stritz über ihre Vorlieben und bringen auch Ideen mit, die die Designerin für ihre eigene Kollektion auch gerne übernimmt.

Darth Vader mit Gummibrüsten und Eingriff

Das Angebot in ihrem Online-Shop ist deshalb breit gefächert, es umfasst Dirndl, Radlerhosen und Polizeiuniformen aber auch reilich skurriles wie ein Darth-Vader-Kostüm mit Gummibrüsten und Eingriff. Alla Stritz verkauft auch Gummisocken für Leute, die auf Fußschweiß stehen, oder aufblasbare Masken, die den kompletten Kopf verhüllen. Eine Nonnenkluft für Männer ist auch im Angebot.

Wobei Frauenkleider für männliche Kunden die größte Herausforderung sind, sagt Alla Stritz. „Frauen mit großer Oberweite haben auch ausladende Hüften. Männer kaufen sich Gummibrüste, untenrum ist aber nichts. Das passt nicht zusammen.“ Manchmal ist untenrum aber zu viel da. Letztens wollte ein Kunde einen transparenten Anzug haben, was an sich nichts Ungewöhnliches ist. Der Mann hatte aber einen Taillenumfang von knapp zwei Metern. „Und er wollte, dass es alle sehen“, sagt Alla Stritz.

Was Alla Stritz im Job zu sehen oder zu hören bekommt, entspricht nicht immer ihrer eigenen Vorstellung von Erotik, aber der Kunde ist im Latexatelier von Alla Stritz König. Er lässt sich seine Wünsche schließlich auch einiges kosten. Ein normaler Ganzkörperanzug etwa kostet rund 300 Euro. Maßanfertigungen gehen schnell in den vierstelligen Bereich. Einmal zahlte ein Kunde knapp 2000 Euro für einen Dalmatiner-Anzug. „Da habe ich ewig dran geklebt, die Punkte mussten ja alle unterschiedlich groß sein“, sagt Alla Stritz.

Wie das ganze dann später in Benutzung aussieht, erfährt Alla Stritz oft auch. Viele Kunden schicken ihr Fotos, zuweilen auch recht explizit. Das sei nett, sagt sie. „Aber ich brauche das nicht unbedingt.“

Von Oliver Fischer

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