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Krebse aussetzen: (K)eine gute Idee

Behörden über Bürgeridee entsetzt Krebse aussetzen: (K)eine gute Idee

Hartmut Fischer aus Schönefeld (Teltwo-Fläming) hat eine Idee: Er würde gerne, gemeinsam mit Kindergartenkindern, Krebse in den Gewässern um Luckenwalde aussetzen, weil es seiner Meinung nach kaum noch Krebse in der Region gibt. Die Naturschutzbehörden reagieren allerdings entsetzt – was Hartmut Fischer nicht verstehen kann.

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Vom Aussterben bedroht und nicht zu ersetzen: der deutsche Edelkrebs.

Quelle: dpa

Schönefeld. Wenn Hartmut Fischer sich an seine Kindheit erinnert, dann denkt er an die Stunden, die er an den heimischen Gewässern zugebracht hat, den Seen rings um Luckenwalde oder an der Nuthe. Er erinnert sich an die Tiere, die er dort beobachtet hat. Tiere, die es seiner Einschätzung nach heute dort kaum mehr gibt. Krebse etwa.

Als Fischer, der heute im Dorf Schönefeld in der Gemeinde Nuthe-Urstromtal lebt, im April davon hörte, dass der Landesanglerverband der Stadt Luckenwalde zum Jubiläum 800 Bachforellen gespendet hat, reifte in ihm deshalb eine Idee: Er würde gerne auch gerne etwas spenden, und zwar Flusskrebse für die heimischen Gewässer wie den Königsgraben oder das Nuthefließ.

Am liebsten würde er sie gemeinsam mit Kindergartenkindern aussetzen, sagt er. „Das wäre doch schön. Die Kinder könnten die Tiere anfassen, sich von ihnen auch mal in den Finger zwicken lassen, eine Art Patenschaft übernehmen.“ Es wäre eine Art von Naturerfahrung, wie sie Kinder heute anders kaum noch bekämen, schon gar nicht in Bezug auf Flusskrebse, sagt Hartmut Fischer. Und: Die Tiere würden eine wichtige Funktion in den Gewässern übernehmen. „Sie wirken wie ein Reinigungsschwamm“, sagt Fischer. Sogar eine Bezugsquelle habe er, von der er die Tiere relativ günstig bekommen könnte. Umso erstaunter war er, dass sein Projekt auf wenig Gegenliebe stieß. Weder beim Kreisanglerverband noch bei der Stadt Luckenwalde noch bei der Kreisverwaltung hielt man seinen Vorschlag für eine gute Idee.

Behörden haben ein Problem

Die Behörden haben damit vor allem ein Problem: Die Krebse, die Hartmut Fischer gerne aussetzen würde, sind amerikanische Flusskrebse, die ursprünglich westlich der Rocky Mountains beheimatet waren. Rein optisch sind sie vom heimischen Edelkrebs kaum zu unterscheiden. „Deshalb verstehe ich den Widerwillen der Behörden nicht. Die Tiere würden die Lücke füllen, die der Edelkrebs hinterlassen hat. Sie sehen genauso aus und übernehmen die gleichen Aufgaben“, so Fischer.

Aber ganz so einfach ist die Sache aus Sicht der Fachleute nicht.

Uwe Brämick ist Direktor des In­stituts für Binnenfischerei in Sa­crow, er hat einen guten Überblick über die Krebsbestände der Region und er sagt, dass es keine Anzeichen für einen Rückgang der Population gibt – bedauerlicherweise. Ihm und den Naturschutzbehörden wäre ein eine Ausdünnung der Krebsbestände nicht unrecht, denn die Krustentiere, die sich in nahezu allen märkischen Fließgewässern breitgemacht haben, sind Eindringlinge – und zwar eben jene amerikanischen Flusskrebse, die Hartmut Fischer gerne aussetzen würde.

Hartmut Fischer sagt

Hartmut Fischer sagt: „Die Kinder könnten die Tiere anfassen, sich von ihnen auch mal in den Finger zwicken lassen.“

Quelle: MAZ

Die Amerikaner – vor allem Signalkrebse und Kamberkrebse – seien Ende des 19. Jahrhunderts importiert worden, zum Teil mit dem selben Ansinnen, dass auch Hartmut Fischer antreibt. „Man dachte damals, dass der amerikanische Flusskrebs die Bestände dort vergrößern könnte, wo sich der einheimische Edelkrebs zurückgezogen hatte, weil ihm die veränderten Uferstrukturen nicht mehr passten. Man glaubte, der amerikanische Flusskrebs könnte für einen Ausgleich sorgen“, sagt Brämick. Das passierte auch, aber weniger als ein Ausgleich, sondern vielmehr als eine Verdrängung erster Güte.

Angst vor Krebspest

Die amerikanischen Flusskrebse schleppten eine hoch ansteckende Pilzkrankheit ein – die Krebspest – gegen die sie selbst immun sind, die einheimischen Krebsarten aber nicht. „Das Ergebnis war das Gegenteil dessen, was man beabsichtigt hatte“, sagt Uwe Brämick. Die Bestände des Edelkrebses gingen massiv zurück. Die Signalkrebse und Kamberkrebse dagegen – die deutlich aggressiver zu Werke gehen und sich schneller vermehren als ihre europäischen Artgenossen – breiteten sich rasch aus.

Heute seien deshalb nur noch in einer Hand voll märkischer Fließgewässer deutsche Edelkrebse anzutreffen, unter anderem an ein oder zwei Stellen im Fläming, sagt Brämick. Dabei handelt es sich vor allem um Flüsschen, die keine Verbindung zu großen Gewässern haben. In der Nuthe dagegen – einem Nebenfluss der Havel – haben die amerikanischen Flusskrebse längst die Kontrolle übernommen.

Das Paradoxe daran: Einen großen Schaden würde man wohl gar nicht mehr anrichten, wenn man dort weitere amerikanische Flusskrebse aussetzen würde. Dass die Tiere aber eine Stellvertreterrolle für den fast eliminierten Edelkrebs übernehmen könnte, sei eine Illusion, sagt Uwe Brämick. „Fremde Arten füllen nicht eins zu eins die Nische des Edelkrebses aus. Man erzielt viele unerwünschte Effekte, bestimmte Tiere und Wasserpflanzen werden zurückgedrängt. Diese Verschiebungen kann man schwerlich wieder einfangen.“

Liste veröffentlicht

Das hat man inzwischen auch mehrere Etagen höher erkannt. Im Juli hat die Europäische Kommission erstmals eine „Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung“ veröffentlicht. Auf dieser Liste stehen 37 unerwünschten Tier- und Pflanzenarten, die nach Europa eingeführt wurden und sich nun mit teils verheerenden Auswirkungen verbreiten. Mit der Veröffentlichung verpflichten sich alle EU-Staaten, dass sie die Zucht, den Handel und vor allem das weitere Aussetzen dieser Arten verhindern. Neben dem Waschbär, dem Grauhörnchen und dem Nutria finden sich auf der Liste auch der Kamberkrebs und der Signalkrebs. Beim Landkreis Teltow-Fläming hat man deshalb schon signalisiert, dass man eine Ansiedlung weiterer amerikanischer Krebse in heimischen Gewässern auf keinen Fall genehmigen würde.

Den deutschen Edelkrebs auszusetzen, ergibt laut Uwe Brämick allerdings auch wenig Sinn. „Solange in den Gewässern amerikanische Krebse leben, hat der Edelkrebs keine Chance. Er wird mit der Krebspest infiziert und stirbt.“

Hartmut Fischer ist von all diesen Argumenten wenig überzeugt. Er überlegt nun aber, den Kindern wenigstens ein paar Krebse in Aquarien zu überlassen.

Von Oliver Fischer

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