Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming Folge 51: Kurz vor der Anhörung
Lokales Teltow-Fläming Folge 51: Kurz vor der Anhörung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:51 30.10.2018
Anwalt Benjamin Düsberg (l.) geht mit Mohammed und Rabiha Yassin noch einmal alles Details ihrer Flucht durch. Quelle: Foto: Anja Meyer
Berlin

Nach mehr als drei Stunden kann Rabiha einfach nicht mehr. Sie steht auf, zieht sich die Jacke an und schaut ihren Anwalt fast schon entschuldigend an. Sie muss jetzt erst einmal nach draußen und eine Zigarette rauchen. Die Konzentration ist weg, die Luft im kleinen Anwaltsbüro dünn und die detaillierte Schilderung ihres mittlerweile knapp fünf Jahre zurückliegenden Fluchtbeginns stresst Rabiha mehr, als sie dachte. Alle am Tisch atmen auf. Eine kleine Pause ist jetzt genau das richtige, das Treffen wird noch eine Weile dauern, Mohammed hat ja bislang noch gar nichts gesagt.

Rabiha und Mohammed treffen sich in dieser Woche mit ihrem Berliner Anwalt Benjamin Düsberg, um die Ende Februar anstehende Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vorzubereiten. Die Anhörung ist der wichtigste Schritt im Asylverfahren von Geflüchteten. Sicher ist: Rabiha und Mohammed könnten sie wie so viele andere auch alleine wuppen. Doch sie wollen auf Nummer sicher gehen. Es gibt ja nur diese eine Chance, da darf nichts schiefgehen. Das wird noch einmal deutlich, als Benjamin Düsberg die Yassins zu Beginn über den Sinn und Zweck der Anhörung aufklärt.

Prinzipiell wird derzeit kein Syrer in den Bürgerkrieg im Heimatland abgeschoben. Dennoch gibt es zwei verschiedene Aufenthaltstitel, die Syrer bekommen können: Der subsidiäre Schutz, der jährlich erneuert werden muss oder der Flüchtlingsstatus für drei Jahre. Wer im Heimatland aus politischen Gründen verfolgt wird, bekommt den Flüchtlingsstatus, der eine größere Sicherheit bietet. Die Glaubhaftigkeit der persönlichen Geschichte ist ausschlaggebend. „Die Anhörung wird ein bis drei Stunden pro Person dauern“, sagt Benjamin Düsberg. „Was dann ins Protokoll kommt, das steht fest und kann nicht mehr geändert werden.“

Natürlich kann ihnen ihr Anwalt das Gespräch nicht abnehmen, aber er kann den Yassins sagen, worauf es ankommt. „Sie müssen genau und so detailliert wie möglich erklären, warum sie damals aus Syrien geflohen sind“, sagt er. „Und nichts dramatischer machen, als es in Wirklichkeit war.“ Bei der Wahrheit bleiben, nur die Sachen erzählen, an die sie sich genau erinnern können. Alles andere würden die Entscheider, wie die Anhörer beim BAMF heißen, sowieso schnell erkennen.

Das ist eigentlich logisch und doch ist es wichtig, nun alles noch einmal durchzugehen. Denn manche Fakten aus ihrer Geschichte, die Mohammed und Rabiha als selbstverständlich und nachvollziehbar erscheinen, müssen Außenstehenden noch genauer erklärt werden. Und so hat Rabiha in den vergangenen drei Stunden mit Hilfe der Übersetzung von Mohammeds Cousin, der schon seit Jahren in Berlin lebt und perfekt Deutsch spricht, noch einmal ganz von vorne angefangen.

Von dem 5. Juni 2012. Der Tag, an dem ihr Dorf Al-Haffa bei Latakia von Flugzeugen aus bombardiert und acht Tage belagert wurde. Etwa 80 Menschen kamen dabei ums Leben, Rabiha und Mohammed flohen gleich am zweiten Tag der Belagerung mit ihren Kindern Hala und Rabi über die Nebenstraßen nach Latakia zu Mohammeds Eltern. Oder von der Zeit, in der Rabiha in Latakia den nach den Bombardements obdachlos gewordenen Familien eine Unterkunft vermittelte und plötzlich von der Polizei gesucht wurde – die ihr unterstellte, die Opposition zu unterstützen. Ihr Bruder wurde zwei Tage zuvor verhaftet. Oder davon, wie die Familie von Freunden in die Türkei gebracht wurde und sie sich für eine internationale Organisation zur Beseitigung von Landminen einsetzte. Wieder wurde sie von der syrischen Regierung gesucht. Rabiha zittert. „Beim Erzählen kommen so viele Erinnerungen in mir hoch“, sagt sie. Und sie ist froh, als sie irgendwann endlich fertig ist.

Nach der Pause ist Mohammed dran. Er soll nun seine eigene Sicht auf die Flucht schildern. Davon berichten, wie er zum Militärdienst einberufen wurde und für Präsident Assad kämpfen sollte, dessen Politik er nicht unterstützte. Und wie er auf das eigene Volk schießen sollte und wenn er es nicht getan hätte, im Gefängnis gelandet wäre.

Mohammed Yassin fällt es sichtlich schwerer, von sich zu reden, als seiner Ehefrau. Er ist eher der wortkarge Typ. Die Geschichte habe er doch auch schon erzählt, es wüssten doch jetzt sowieso alle Bescheid, sagt er. Die Ausrede zählt jetzt nicht. „Bei der Anhörung werden sie auch alleine erzählen müssen“, sagt der Anwalt. Zögerlich fängt Mohammed schließlich damit an. Er wird noch weitere zwei Stunden dauern, bis er mit seiner Geschichte fertig ist.

Die Familie Yassin ist wegen des Bürgerkriegs aus Syrien geflohen. Die Eltern Rabiha und Mohammed leben mit ihren Kindern Hala, Rabi und Meis in dem Flüchtlingsheim am Ludwigsfelder Birkengrund. Die MAZ begleitet die Familie seit einem Jahr und berichtet wöchentlich über ihr Leben in der neuen Heimat.

Von Anja Meyer

Teltow-Fläming MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ - Folge 47: Der Kürbis und der Kalk

Rabiha will ein neues Rezept ausprobieren: Kürbismarmelade nach syrischem Spezialrezept. Der Einzelhandel macht ihr allerdings einen Strich durch die Rechnung. Die deutschen Verkäufer haben von einer wichtigen Zutat noch nie etwas gehört, und auch die arabischen winken ab.

30.10.2018

Weihnachten ist nicht nur ein christliches Fest, sondern vor allem ein populäres. Es wird in den verschiedensten Ländern und Kulturkreisen gefeiert. So auch bei Muslimen in Syrien, mit Tannenbaum und Weihnachtsmann. Rabiha erzählt von ihren Weihnachtserinnerungen aus dem Nahen Osten.

01.11.2018
Teltow-Fläming MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ - Folge 35: Fitness mit Mohammed

Mohammed Yassin war sein ganzes Leben nicht der Typ Mann, der Bauchspeck ansetzt oder kräftige Oberarme bekommt. Er war immer schlank, auch ohne Sport. Aber jetzt hat ihn der Ehrgeiz gepackt. Seit zwei Wochen geht er täglich ins Fitness-Studio. Er verfolgt einen Plan.

30.10.2018