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Leben mit Alzheimer

Schulzendorf Leben mit Alzheimer

2014 bekam der Ehemann von Christel Heidebluth die Diagnose Alzheimer. Seitdem pflegt ihn die 79-Jährige zuhause und erlebt täglich auf schmerzliche Weise, wie sich ihr Mann mehr und mehr verändert. „Es ist ein langsamer Abschied“, sagt die gebürtige Berlinerin.

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Christel Heidebluth in ihrem Garten in Schulzendorf. Hier verbringt sie gerne Zeit, pflegt die Blumen und genießt die frische Luft.

Quelle: Christina Koormann

Schulzendorf. Seit 57 Jahren ist Christel Heidebluth mit ihrem Mann verheiratet. Im Alter von 81 Jahren wurde bei ihm Demenz diagnostiziert. Das hat das Leben des Ehepaares komplett verändert – doch Christel Heidebluth mobilisiert all ihre Kräfte, um ihren Mann so lange wie möglich zuhause pflegen zu können.

Frau Heidebluth, seit drei Jahren pflegen Sie Ihren kranken Mann. Wie haben Sie gemerkt, dass er dement sein könnte?

Christel Heidebluth: Es gab mehrere Anzeichen. Besonders deutlich wurde es mir aber in dieser Situation: Er hatte ein Ekzem an der Lippe, mit dem ich ihn zum Arzt geschickt habe. Er war gerade zur Tür raus, da kam er zurück und hat mich gefragt: „Wohin wollte ich gehen?“ Ich habe wiederholt, was er tun sollte, und dann ist er zum Arzt nach Eichwalde gefahren – hat sich dort aber etwas gegen Rückenschmerzen verschreiben lassen. Weil er nicht mehr wusste, weshalb er überhaupt zum Arzt gegangen war. Es sind dann immer wieder solche Dinge passiert, und ich fand das sehr verdächtig. Meine Mutter war auch dement, deshalb hatte ich beizeiten den Verdacht.

Wann hatten sie Gewissheit?

In der Charité Berlin wurde 2014 eine Rückenmarkuntersuchung gemacht. Dabei kam heraus, dass mein Mann an Alzheimer erkrankt ist. Die Diagnose hat mich nicht so sehr erschreckt, weil ich es ja schon vermutet hatte. Mein Mann hat das sehr locker aufgenommen, und ich habe gewusst, was auf mich zukommt. Zum Zeitpunkt der Diagnose war er 81 Jahre alt. Vom Neurologen hat er gleich Tabletten verschrieben bekommen, aber eine Heilung gibt es nicht. Die Tabletten helfen nur, das Voranschreiten der Krankheit zu verzögern. Ob die Medikamente helfen, kann ich nur schwer beurteilen. Die Krankheit schreitet voran, daran geht kein Weg vorbei.

Die Diagnose muss ein großer Einschnitt in Ihrem Leben gewesen sein. Wie haben Ihre Kinder auf die Erkrankung Ihres Mannes reagiert?

Natürlich war es keine angenehme Nachricht für sie. Meine Tochter lebt in England, mein Sohn in Berlin. Sie waren aber nicht besonders überrascht, hatten es schon vermutet. Mein Sohn kommt oft vorbei, und mein Mann erkennt ihn meistens. Er ist eine große Hilfe, erledigt viel für uns.

Wie ist die Krankheit ihres Mannes seitdem vorangeschritten?

Es ging stetig bergab. Am Anfang versagte sein Kurzzeitgedächtnis, er hat sofort vergessen, was er gerade gesagt hat. Heute hat er Mühe, mich zu erkennen, er hat auch schon einmal „Sie“ zu mir gesagt. Er braucht meine Hilfe beim An- und Ausziehen, ich kann ihn eigentlich keine Minute alleine lassen. Er ist unberechenbar, wie ein Kind. Einmal war er im Bad, ich habe mit ihm geredet. Als er nicht mehr antwortete, sah ich nach ihm. Da hatte er durch die Hintertür das Haus verlassen und war schon am Ende der Straße. Seitdem achte ich darauf, dass ich die Türen verschließe.

Wie sah Ihr Leben vor der Erkrankung Ihres Mannes aus?

Wir waren von ganz jung an zusammen und haben 1960 geheiratet. Lange Jahre haben wir in Berlin gewohnt. Unser Haus in Schulzendorf haben wir zu DDR-Zeiten gebaut. Hier haben wir die Ruhe im Grünen genossen. Als wir beide Rentner wurden, haben wir den Garten gemacht, uns nach getaner Arbeit auf die Terrasse gesetzt, er hat eine Zigarre geraucht und wir haben mit einem Kräuterlikör angestoßen. Immer haben wir alles zusammen gemacht.

Merkt Ihr Mann selbst, dass er sich verändert?

Er lebt mittlerweile ganz in seiner eigenen Welt – das ist für mich furchtbar. Ich komme nicht mehr an ihn heran, und er kann sich nichts merken. Wenn ich Wäsche waschen gehe, sage ich ihm, wo ich hinwill, aber wenn ich das Zimmer verlassen habe, denkt er sofort, dass ich verschwunden bin. Dann wird er nervös und ruft nach mir. Es ist nicht einfach zu sehen, wie der Mensch, mit dem man ein Leben lang alles zusammen gemacht, geteilt und entschieden hat, sich so verändert. Ich muss jetzt alle Entscheidungen alleine treffen, und in manchen Momenten realisiert er, dass ihm seine Verantwortung weggenommen wird. Dann wird er wütend und sagt: „Es wird so gemacht, wie ich das will!“ Aber er ist gar nicht mehr in der Lage, Entscheidungen zu treffen.

In welchen Momenten ist er Ihnen fremd?

Manchmal wird er aggressiv, wenn etwas anders läuft als er will. Er hat auch schon einmal mit erhobener Faust vor mir gestanden, das war ein ganz blödes Gefühl. Denn das hat er früher nie getan, er war immer ein sehr friedlicher Mann. Ich kann damit umgehen, aber ich habe nicht immer die Nerven, mich mit ihm auseinanderzusetzen.

Erleben Sie Zeiten, in denen er ganz klar im Kopf ist?

Ja, die gibt es. Dann ist er auf einmal wieder so, wie man ihn kennt. Ich stelle es mir vor wie ein Prisma in seinem Kopf, alles wird durcheinander geschüttelt und plötzlich ist da ein Bild. Neulich sagte er zu mir: „Gut, dass ich dich habe, das ist ein wahres Glück.“ Ein anderes Mal sagte er: „Du kannst mich tot machen.“

Was hilft Ihnen, Kraft für die Situation zu behalten?

Zum Zeitpunkt der Diagnose war mein Mann ja schon 81 Jahre alt. Das war mein großer Trost. Wir haben unser Leben hinter uns, sind seit 57 Jahren verheiratet, haben unser Leben gelebt. Er war immer für mich da, wir waren immer glücklich. Damit kann ich mich trösten.

Wie verläuft Ihr Tag?

Morgens ist es immer stressig, bevor er zur Tagespflege abgeholt wird, denn beim Anziehen und Waschen macht er nicht das, was er machen soll. Heute morgen war ich nur kurz im Garten, und als ich zurückkam, hatte er sich den ganzen Kaffee über seine Kleidung geschüttet. Dreimal die Woche ist er von neun bis 16 Uhr in der Tagespflege, aber es erschöpft ihn, die ganze Zeit mit anderen Menschen zusammen zu sein. Ich gehe in der Zwischenzeit einkaufen, zum Arzt oder bin mit unserem Garten beschäftigt, das macht mir viel Freude.

Geht es Ihnen gesundheitlich gut?

Eigentlich müsste ich eine Knie-OP haben, das Laufen fällt mir schwer. Mein Mann könnte so lange in einer Verhinderungspflege untergebracht werden – aber was wäre dann? Mit einem künstlichen Knie kann ich ihn nicht mehr heben, und ich will ihn nicht in ein Heim geben, so lange es noch geht.

Welche Unterstützung bekommen Sie?

Der Pflegedienst kommt einmal die Woche vorbei und duscht meinen Mann, es kommt auch jemand zum Saubermachen. Der häusliche Pflegedienst ist 24 Stunden in Rufbereitschaft. Das beruhigt. Auch meine Nachbarn stehen mir sehr zur Seite und unterstützen uns. Stefanie Jainz von der VS Bürgerhilfe ist mir auch eine große Hilfe. Es ist ein angenehmes Gefühl, wenn man nicht so alleine ist, aber ich versuche auch, das nicht zu sehr zu strapazieren.

Gibt es Dinge, die Sie noch mit Ihrem Mann unternehmen können?

Im vergangenen Jahr waren wir noch in England bei unserer Tochter, da war er körperlich noch fit. Aber er hat die Eindrücke nicht verarbeiten können, das war ein furchtbarer Stress. Heute machen wir keine großen Ausflüge mehr, gehen aber mal ein kleines Stück, zum Postkasten etwa. Er ist furchtbar schlapp, weil er sich insgesamt wenig bewegt. Einen Rollator lehnt er ab, er sagt, er sei ja kein alter Mann. Abends schauen wir zusammen die Tagesthemen, aber das mag er oft nicht, weil er es nicht mehr versteht. Doch ich bestehe darauf, das haben wir immer so gemacht.

Können Sie trotz allem manchmal lachen?

Das passiert immer mal wieder. Vor einiger Zeit hat er mich gefragt: „Hast du einen Mann?“ Daraufhin habe ich gesagt, ja, dich! Und er antwortete: „Ha! Das hättest du wohl gern!“ Ein anderes Mal fragte er mich, ob ich denn noch vorhabe, mir Kinder anzuschaffen. Da habe ich gesagt, mit 79 könnte ich langsam mal darüber nachdenken.

Wie schaffen Sie es, weiterzumachen?

Ich bin sehr dankbar, dass wir viele schöne Jahre hatten, und jetzt sind eben die nicht so schönen Jahre. Bei der Hochzeit haben wir uns geschworen: „In guten wie in schlechten Zeiten.“ Und die guten Zeiten sind vorbei. Damit muss man sich abfinden. Als meine Mutter in den 80ern an Alzheimer erkrankte, gab es für sie keine Unterstützung. Die Krankheit war damals ein absolutes Tabu. Um sie hat sich niemand richtig gekümmert, man hat sie in einem Heim ins Bett gesteckt, in dem sie liegen bleiben sollte, bis sie irgendwann nicht mehr aufstehen konnte. Heute wird viel mehr gemacht, es gibt Betreuung, gute Versorgung und die Patienten werden gefordert und beschäftigt. Trotzdem würde es mir sehr schwer fallen, meinen Mann in ein Heim zu geben. So lange ich ihn noch versorgen kann und genug Kraft habe, ihn anzuheben, soll er bei mir bleiben. Wenn er aber bettlägerig wird, schaffe ich das nicht mehr.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass es noch recht lange so weitergeht, obwohl beide Kinder sagen, dass ich mich übernehme. Aber den Abschied von ihm stelle ich mir so schwer vor, das möchte ich so lange wie möglich hinauszögern.


Von Christina Koormann

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