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Löchrige drei mal fünf Meter

Thyrow Löchrige drei mal fünf Meter

Dass die Restauration des Teppichs so aufwendig sein würde, hatte Anita Gerlach nicht gedacht. Sie hatte zuvor ein kleineres Exemplar in ihrer Werkstatt aufgearbeitet und wat der Ansicht, dieser wäre in ähnlichem Zustand. Doch da hatte sie sich geirrt. Als sie ihn das erste Mal aufrollte, sah sie das ganze Ausmaß der Schäden. Jetzt nach drei Jahren ist er fertig.

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Anita Gerlach fühlt sich in ihrer Werkstatt sehr wohl. Die Vorrichtung um Teppiche abzulegen, hat ihr inzwischen verstorbener Mann gebaut.

Quelle: Margrit Hahn

Thyrow. Anita Gerlach hat es geschafft. Drei Jahre restaurierte sie einen Teppich von 1685. Um sich das fertige Werk komplett anschauen zu können, musste sie ihr halbes Wohnzimmer ausräumen, denn das gute Stück aus Wolle und Seide ist drei mal fünf Meter groß. Zu diesem Wandteppich gehört noch ein kleinerer, den Anita Gerlach zuvor restauriert hatte. Sie war davon ausgegangen, dass die Schäden ähnlich seien. Doch als sie das große Teil komplett ausgerollt hatte, wurde das Ausmaß der Schäden sichtbar. Überall Löcher, die im Laufe der Jahrhunderte unfachmännisch ausgebessert wurden. Jetzt, nachdem die Thyrowerin in mühevoller Kleinarbeit alles in Ordnung gebracht hat, springen die Rehe wieder durch den Wald und das Schloss im Hintergrund präsentiert sich in voller Schönheit.

Anita Gerlach erforscht die Geschichte

Die Aufträge für die beiden Teppiche erhielt sie von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Längst gibt sich Anita Gerlach nicht damit zufrieden, die alten Stücke zu restaurieren. Sie interessiert sich auch für deren Herkunft und erforscht die Geschichte. Dafür wälzt sie so lange kunsthistorische Bücher, bis sie Antworten auf ihre Fragen findet. Der Teppich aus dem Jahr 1685 stammt aus dem Besitz der Familie zu Dohna in Ostpreußen. Das Schloss in Schlobitten war einst voller Kunstschätze. 1945, als die Familie vertrieben wurde, wollte der Fürst so viel wie möglich retten. Sein Hab und Gut wurde auf 33 Pferdefuhrwerke verladen. Der Weg war hart. Da so viele Brücken gesprengt waren, mussten etliche Umwege in Kauf genommen werden. Mehr als 1000 Kilometer legte er mit dem Pferdetreck zurück.

In einem Berliner Flakturm, der beschossen wurde, waren die Teppich untergebracht. Die Russen legten die Wandteppiche auf den Fußboden und stellten Möbel rauf, die hin und hergeschoben wurden. Dadurch wurde das Material, das durch Beschuss und Brand eh schon gelitten hatte, richtig aufgewulstet. „Hinzu kommt, dass die Werkstatt, die den Teppich hergestellt hatte, nicht gerade für gute Qualität bekannt war“, sagt Anita Gerlach. Von den 98 Teppichen, die im Flakturm untergebracht waren, blieben nur zwei übrig. Beide hat Anita Gerlach restauriert. Für sie war dieser Auftrag eine echte Herausforderung, der ihr alles abverlangte.

Den Beruf von der Pike auf gelernt

Seit 1987 ist sie selbstständig, davor arbeitete sie zehn Jahre im Museum für Deutsche Geschichte in Berlin Unter den Linden. Die Handwebmeisterin hat ihren Beruf von der Pike auf gelernt. Sie hat nach dem Abitur in Thyrow eine Ausbildung begonnen und später ihren Handwerksmeister gemacht. Ihr Brautkleid hat sie selbst gewebt.„Eins steht fest, wenn ich wieder auf die Welt komme, dann als Handwebmeisterin, Das ist genau mein Ding“, so die Mutter zweier Tochter und Oma von vier Enkeln. Jahrelang war sie im Verband Bildender Künstler. Nach der Wende gab es nur noch 150 Textilrestauratoren in ganz Deutschland.

In ihrer Werkstatt hat sie alles was sie braucht – selbst einen Webstuhl und ein Spinnrad. Ihr Mann Klaus, der vor sieben Jahren verstarb, baute ihr eine Vorrichtung, um ihr die Arbeit zu erleichtern. Die 74-Jährige ist froh, dass sie selbst entscheiden kann, wann sie in die Werkstatt geht. An manchen Tagen gar nicht, dafür manchmal auch sonntags. Sie überlässt nichts dem Zufall. Jetzt, da der riesige Wandteppich fertig ist, hängt sie ihn in Schloss Schönhausen auch selbst auf. Bisher fand man dort lediglich eine freie Wand mit einem Zettelchen und dem Hinweis für die Besucher, dass das gute Stück restauriert wird. „Das Aufhängen ist eine Wissenschaft für sich“, sagt Anita Gerlach. Sie rechnet sich vorher alles genau aus, um ihn so aufzuhängen, dass er nicht wellig wird.

Teppiche werden ohne Chemie gereinigt

Bleibt zu hoffen, dass die Besucher, die sich das Schmuckstück im Schloss ansehen, das unermüdliche Engagement der Textilrestauratorin erkennen. Sie hat den Teppich mit Seifenkraut gewaschen, getrocknet, mit Wollfett eingerieben, alle ehemaligen Flickereien abgetrennt und dann in der Werkstatt nach und nach Loch für Loch fachmännisch ausgebessert. Wobei sie bei der Arbeit am liebsten klassische Musik hört.

Jetzt legt sie eine Pause ein – was allerdings nicht bedeutet, dass sie die Hände in den Schoß legt. Sobald ein Teppich fertig ist, beginnt sie mit der Dokumentation. Alles muss in Bild und Text festgehalten werden. Bis Weihnachten hat sie damit auf jeden Fall zu tun. In den vergangenen drei Jahren bekam sie oft Besuch, darunter auch vom amtierenden Fürsten zu Dohna, der Schloss Schlobitten noch kennenlernte und sich an die Einrichtung samt Teppichen erinnert. Auch Vertreter vom Förderverein des Schlosses Schönhausen und Fach-Kollegen kamen, um ihr bei der Arbeit über die Schulter zu sehen. Insgesamt 28 Besucher zählte sie in dieser Zeit – und jedes Mal hatte sie Pflaumenkuchen gebacken.

Von Margrit Hahn

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