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Finanzgenie aus Luckenwalde

Franz Urbig war einst Deutsche-Bank-Chef Finanzgenie aus Luckenwalde

Einst hatte ein Luckenwalder den Vorsitz im Aufsichtsrat der Deutschen Bank – sein Name: Franz Urbig. Ab 1933 versuchten die Nazis nach und nach das Heft in die Hand nehmen und jüdische Mitarbeiter wurden aus der Bank gedrängt. Doch Urbig stellte sich quer und versuchte die Nazis im Vorstand der Bank zu verhindern.

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Franz Urbig

Quelle: MAZ

Luckenwalde. Franz Urbig wurde 1864 als Sohn eines Tuchmachergesellen in Luckenwalde geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste er seine Schulausbildung abbrechen und fand 1878 eine Anstellung als Schreiber am Landgericht in der Lindenallee. Kritisch beäugte er die Entlohnung der Arbeiter, Urbig sah Fabrikstädte wie Luckenwalde als Geburtsstätte der Sozialdemokratie an, wobei er anmerkte dass die „sozialen Forderungen der Masse den Möglichkeiten ihrer Befriedigung ständig vorauseilen“.

Für vorwärts strebende, geistig Regsame sah Franz Urbig in Luckenwalde keine Entfaltungsmöglichkeit. So bewarb er sich 1884 bei dem bedeutendsten deutschen Bankunternehmen seiner Zeit – der Disconto-Gesellschaft in Berlin. Beim Eintritt Urbigs zählte die Bank weniger als 400 Mitarbeiter. Nach einem Jahr bedrückte Urbig die mangelnde Aussicht auf eine anregende Tätigkeit und er wandte sich an den Personalchef, nicht ohne Bedenken, als anmaßend zu gelten.

Von einer Erzieherin, mit der er in derselben Familie als Untermieter wohnte, lernte Urbig Englisch und Französisch. Er konnte nach zwei Jahren auf die Frage nach Fremdsprachenkenntnissen mit gutem Gewissen positiv antworten und errang einen Arbeitsplatz im Chef-Kabinett der Geschäftsinhaber. 1894 wurde Urbig in Shanghai Prokurist der unter Beteiligung der Disconto-Gesellschaft 1890 gegründeten Deutsch-Asiatischen Bank und übernahm ein Jahr später die Leitung der Filiale im chinesischen Tientsin.

Als wohl erster Luckenwalder machte er 1896 eine sechswöchige Reise nach Japan, die er als eine der reizvollsten seines Lebens beschrieb. Danach ging es für ihn nach Kalkutta, Hongkong und London, wo er stellvertretender Leiter der Filiale der Disconto-Gesellschaft wurde. Dann kehrte er zurück zum Hauptsitz der Bank nach Berlin.

Angebote anderer Banken lehnte Franz Urbig stets ab, da er sich der Disconto-Gesellschaft und seinen Förderern verbunden fühlte, die ihm erst diesen Aufstieg ermöglichten. 1902 wurde er in den exklusiven Kreis der Geschäftsinhaber der Disconto-Gesellschaft aufgenommen.

Auch an geschichtsträchtigen Ereignissen konnte Urbig mitwirken: So war er bei den Verhandlungen des Versailler Vertrages (1919) als Sachverständiger tätig – aber er legte sein Mandat nieder, mit dem Hinweis, dass die von den Siegermächten vorgeschlagenen Bedingungen nie die Grundlage für einen dauernden Frieden sein könnten. Einen weiteren Karrieresprung machte der gebürtige Luckenwalder im Jahr 1929. Nach der Fusion der Disconto-Gesellschaft mit der Deutschen Bank wechselte er in den Aufsichtsrat des zusammengeschlossenen Instituts. 1930 wurde er deren Vorsitzender.

Ab 1933 mussten Mitarbeiter jüdischen Glaubens die Bank verlassen. Dadurch verloren sowohl Vorstandsmitglieder, die mehr als zwei Jahrzehnte dem Gremium angehörten als auch der Sohn einer der Geschäftsinhaber der Disconto-Gesellschaft ihre Posten. Die Bank konnte nach eigenen Angaben bis 1943 verhindern, dass ein politisch bestimmtes Mitglied in den Vorstand eintrat. Franz Urbig hatte sich schriftlich gegen solche Männer ausgesprochen. Im Aufsichtsrat zogen aber bereits 1933 Vertreter der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation ein.

Obwohl Franz Urbig in seinem Leben viel unterwegs war, blieb er mit seiner Familie in Luckenwalde in Kontakt. Mit seinem Neffen, Walter Urbig, der Sohn seines älteren Bruders Otto, Malermeister in der Lindenallee 2, fühlte er sich besonders verbunden. Sein Neffe fiel jedoch im Ersten Weltkrieg, wie aus dem Jahresbericht der Friedrichschule Luckenwalde über das Schuljahr 1914/15 hervorgeht. Der Kriegsfreiwillige Walter Urbig fiel im November 1914 als 19-Jähriger in Frankreich.
Franz Urbig, der selber auch Gedichte schrieb, veröffentlichte 1915 einen Gedichtband seines Neffen unter dem Titel „Aus jungem Herzen“. Im gleichen Jahr beauftragte Franz Urbig den jungen Architekten Mies van der Rohe mit dem Bau einer Villa in Potsdam. Dort starb Franz Urbig im September 1944. Noch heute gibt es das Haus in Babelsberg. Die Villa befindet sich mittlerweile im Besitz des SAP- Gründers Hasso Plattner.

Die Historische Gesellschaft der Deutschen Bank plant zum 150.Geburtstag des Luckenwalders Franz Urbig eine Broschüre mit seinen Lebenserinnerungen zu veröffentlichen.

Geld und Politik

Franz Urbig war 1919 als Sachverständiger bei den Verhandlungen des Versailler Vertrags beteiligt, legte sein Mandat jedoch nieder.

Geld und Politik

Im Jahr 1922 lehnte er das Angebot für das Amt des Währungskommissars ab, trat aber in den Verwaltungsrat der neugegründeten Rentenbank ein.

Geld und Politik

1923 übernahm Urbig den Vorsitz des eingesetzten Ausschusses für Währungsfragen und dem Generalrat der Reichsbank.

Von Ralph Eyssen

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