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"Nur zu Hause zerbricht man"

Unterstützung für Angehörige von Demenz-Erkrankten "Nur zu Hause zerbricht man"

Die Demenzerkrankung ihrer Liebsten stellt viele Angehörige vor eine schwere Aufgabe. Wer dement ist, muss viel betreut werden. Da bleibt wenig Zeit zur Erholung. In Luckenwalde unterstützt die Volkssolidarität Angehörige. In einer Gruppe werden Demenzkranke betreut. Für das Ehepaar Exner ist die Gruppe eine spürbare Entlastung.

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Das Ehepaar Exner.

Quelle: Aglaja Adam

Luckenwalde. Gerda Exner kann sich erinnern, wann sie zum ersten Mal stutzig wurde. Ihr Mann Paul Exner lag im Krankenhaus und bat sie, jeden Tag zu kommen, um den Speiseplan auszufüllen: „Das konnte er plötzlich nicht mehr alleine.“ Vergesslichkeit kam hinzu. Die Namen von Bekannten fielen dem 81-Jährigen nicht mehr ein, er verwechselte Farben. Zuerst wollte es die 74-jährige Luckenwalderin nicht wahrhaben. Doch ihre Schwiegertochter schlug Alarm. Der Hausarzt schickte das Ehepaar zum Neurologen. Diagnose: Demenz. „Das war ein Schock“, sagt Gerda Exner.

Eineinhalb Jahre sind seitdem vergangen. Das Leben hat sich für die beiden verändert. Paul Exner, der früher viel unter Leuten war, aktiv Handball spielte, die Damen trainierte und das Vereinsleben genoss, mag nicht mehr so gerne raus. „Ihm ist das oft alles zu viel“, sagt seine Frau. Still ist er geworden. Wenn das Telefon klingelt, geht er nicht ran. Aus Angst, den Anrufer am anderen Ende nicht zu erkennen. Viel ist er auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. Sie macht den Haushalt, kocht, wäscht, kauft ein, kümmert sich um den Papierkram. Manchmal werde es schon viel für sie, sagt Gerda Exner. Seit der Diagnose habe sie acht Kilo abgenommen, könne nachts nicht mehr schlafen.

Doch Gerda Exner ist keine Frau, die den Kopf in den Sand steckt. Sie hat sich Hilfe gesucht. Die „Angebote zur Demenz“ der Volkssolidarität Regionalverband Fläming-Elster in Luckenwalde sind ihr Rettungsanker geworden. Seit 2008 ist der Wohltätigkeitsverband anerkannter Träger dieser speziellen Angebote. Das Jubiläum ist in dieser Woche gefeiert worden.

Jeden Mittwoch und Freitag besucht Paul Exner die Betreuungsgruppe für Menschen mit Demenz. Anfangs begleitete ihn seine Frau, inzwischen nutzt sie die Zeit, um einzukaufen oder einfach mal ein bisschen frei zu haben. Die Entlastung der Angehörigen sei sehr wichtig, sagt Steffen Große, Regionalgeschäftsführer der Volkssolidarität: „Oft gehen sie an ihre Grenzen.“ Gerda Exner lacht bei solchen Worten. Die 74-Jährige lacht überhaupt sehr viel. Sie sei ein optimistischer Mensch: „Man muss alles so nehmen, wie es kommt, mit Humor, nützt ja nüscht.“

Ursula Jädicke lernt viele Angehörige von Menschen mit Demenz kennen. Die Leiterin der Demenzgruppe der Volkssolidarität weiß, wie schwer es vielen fällt, Hilfe anzunehmen: „Die Scham ist oft groß.“ Der erste Schritt sei häufig eine Einzelberatung. Die Fachkräfte der Volkssolidarität helfen am Telefon oder fahren auch zu den Betroffenen nach Hause. Meist werde viel geweint, die Angehörigen fühlten sich überfordert oder hätten Schuldgefühle, weil sie gegenüber des Betroffenen auch mal die Nerven verlieren, sagt Jädicke.

„Es ist außergewöhnlich, wie offen und locker Frau Exner mit der Situation umgeht“, sagt Jädicke. Diese Lockerheit habe sie auch lernen müssen, sagt Gerda Exner. Für sie sei der Austausch mit anderen wichtig. „Wenn man den ganzen Tag zu Hause bleibt, dann zerbricht man“, ist sie überzeugt. Genau in dieses Schicksal schliddern viele, sagt Jädicke. Die Demenzkranken ziehen sich meist zurück, und damit auch ihre Angehörigen. „Viele besuchen etwa kein Restaurant mehr, weil die betroffene Person auch auf die Toilette begleitet werden muss und da schauen die Leute dann komisch“, nennt Jädicke ein Beispiel. Auch die Angst, der demente Mensch könnte den Herd einschalten oder sich anders zu Hause gefährden, führe dazu, dass viele die eigenen vier Wände kaum noch verlassen.

Dabei genießen die Menschen mit Demenz sichtlich die Unterhaltung in der betreuten Gruppe. „Ich spiele gerne Mensch-ärgere-dich-nicht“, sagt Paul Exner. Auch bei den Koordinationsspielen und beim Singen macht er begeistert mit. An diesem Mittwoch sind zehn Menschen mit Demenz gekommen. Betreut werden sie von drei ehrenamtlichen Helferinnen. Sie alle haben eine Schulung bei der Alzheimer-Gesellschaft hinter sich. „Die machen das ganz toll“, sagt Gerda Exner. Sie lässt ihren Mann mit gutem Gefühl in der Gruppe – und genießt die wenigen Stunden ohne der großen Verantwortung für ihren Mann, mit dem sie seit 53 Jahren verheiratet ist und den sie über alles liebt.

Von Aglaja Adam

Alle Infos zur Demenzgruppe der Volkssolidarität

Die Volkssolidarität Regionalverband Fläming-Elster ist seit fünf Jahren anerkannter Träger für Angebote für Menschen mit Demenz und für ihre Angehörige in Luckenwalde.
Telefonische Beratung kann unter 03371/615967 in Anspruch genommen werden.

Die Fachkräfte machen auch Hausbesuche. Bei der stundenweisen Betreuung wird vorgelesenen oder die Helfer begleiten zu Ärzten oder Behörden. Die Angehörigen werden dadurch entlastet.

Jeden Mittwoch und Freitag findet von 10 bis 14 Uhr eine Betreuungsgruppe in der Carl-Drinkwitz-Straße 2 in Luckenwalde statt. Dieses Angebot gibt es seit drei Jahren. Neben Musik und Singen stehen Gesellschaftsspiele, gymnastische Übungen und Erzählen auf dem Programm.

Jeden zweiten Montag im Monat können sich die pflegenden Angehörigen in den Räumen ab 17Uhr untereinander austauschen.

Das Angebot der Volkssolidarität lebt vom Engangement ehrenamtlicher Helfer. Derzeit sind zehn Ehrenamtliche regelmäßig aktiv.

Bei der Jubiläumsfeier bedankte sich der Geschäftsführer der Volkssolidarität Regionalverband Fläming-Elster, Steffen Große, bei den Frauen. „Sie sind unbezahlbar“, sagte er. Doch die Ehrenamtlichen erhalten nur eine kleine Aufwandsentschädigung.

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