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Ludwigsfelde „Lokaljournalismus im besten Sinne“
Lokales Teltow-Fläming Ludwigsfelde „Lokaljournalismus im besten Sinne“
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16:02 31.10.2018
Der erste Preis für Oliver Fischer, Anja Meyer und Martin Küper beim „Langen Atem 2018“. Quelle: Sabine Gudath/JVBB
Berlin

Rund 70 Geschichten aus dem Leben der syrischen Flüchtlingsfamilie Yassin sind in der MAZ erschienen– recherchiert und aufgeschrieben von den drei Journalisten Anja Meyer (34), Oliver Fischer (43) und Martin Küper (35). Dafür haben sie diese Woche den renommiertesten Journalistenpreis in Berlin-Brandenburg erhalten, den 1. Platz beim „Langen Atem“, ausgelobt vom Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB), ausgewählt von einer Jury aus Chefredakteuren vom RBB über die taz bis zum Tagesspiegel.

„Journalismus, der nah ran geht, ohne zu entblößen“

„Lokaljournalismus im besten Sinne“ nannte Laudatorin Dagmar Rosenfeld, stellvertretende Chefredakteurin der „Welt“, am Montagabend beim Festakt in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz die Arbeit des Trios aus dem MAZ-Regionalverlag Dahmeland-Fläming. In der Serie aus Reportagen und Porträts, die seit Herbst 2015 ein Jahr lang wöchentlich, später monatlich erschien und mittlerweile einen zwei-Monats-Rhythmus gefunden hat, hätten die Autoren „die Auswirkungen der großen Weltpolitik auf das Leben einer fünfköpfigen syrischen Familie und einer 26000-Einwohner-Stadt erzählt, ohne sich zum Weltenerklärer aufschwingen zu wollen“. Rosenfeld sprach von einem „Journalismus, der nicht bewertet, sondern beschreibt“ und der „nah ran geht, ohne zu entblößen“. Die Serie gebe „den Yassins ihre Biografien zurück“, so die Welt-Journalistin.

Das war in der Tat der Anspruch, den sich die Redaktion unter dem gerade in Ruhestand gegangenen Leiter Lothar Mahrla, viele Jahre stellvertretender Chefredakteur dieser Zeitung, in den Tagen und Monaten wachsenden Flüchtlingszustroms gestellt hatte: Wegkommen von den bloßen Zahlen, dem summarischen Abhandeln von Schicksalen, Verständnis schaffen, statt Angst aufzubauen.

So saßen die Journalisten erstmals im Frühjahr 2016 im Zehn-Quadratmeter-Zimmer der Familie Yassin in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming). Anja Meyer hatte den Kontakt hergestellt – sie hatte im Jahr zuvor über den Ramadan im Flüchtlingsheim berichtet. Drei Jahre nach dem Start der Serie sieht Laudatorin Rosenfeld die Yassins auf dem Weg, „Normalos zu werden – die syrischen Beimers“, wie sie in Anspielung auf die TV-Serie „Lindenstraße“ sagte.

Reporter als Teil der Familie

Die übliche professionelle journalistische Distanz zu wahren, ist nach der langen Zeit immer schwieriger geworden. So platzte mitten in ein Interview die Nachricht, der Sohn der Familie sei von einem Auto angefahren worden. Reporter Oliver Fischer setzte die weinende und betende Mutter in seinen Wagen und fuhr mit ihr ins Krankenhaus – der Junge hatte sich das Bein gebrochen. „Wir gehören längst alle zum erweiterten Familienkreis, wir helfen bei Problemen, machen Hausaufgaben mit den Kindern, werden im großen Stil bekocht“, erzählt Fischer.

Die Reporter erlebten gleichfalls quälende Monate des Stillstands – das aus verschiedenen Gründen komplizierte Asylverfahren zog sich ein Jahr hin. „Wir dachten im Herbst 2015, wir würden die Eltern 2016 schon in Arbeit sehen und sie würden die Sprache beherrschen“, sagt Fischer. Stattdessen passierte gar nichts. Lethargie machte sich breit, doch die Reporter kamen Woche für Woche wieder, kauten auf ihren Stiften herum, hörten zu.

Sie sahen sich im Heim um, lernten die Zimmernachbarn kennen, den Alltag zwischen all den Heimatlosen, trafen Helfer und verschafften so den MAZ-Lesern ein realistisches, ungeschöntes Bild von den Auswirkungen des Flüchtlingsdramas, ohne sich mit irgendeiner Seite gemein zu machen. „Hätte es mehr Action gegeben, hätten wir viele Einsichten ins Leben der Flüchtlinge nie erlangt“, sagt Journalist Fischer. Man erfährt eben viel, wenn man stundenlang neben einem syrischen Schiffsoffizier sitzt, der im Kampf gegen den Heimkoller ein Modellboot bastelt.

Ein Enddatum für die Serie ist nicht geplant. Warum auch? Die Yassins sind gerade erst richtig angekommen in Ludwigsfelde.

Einem weiteren journalistischen Langstreckenläufer der MAZ zollte die „Lange-Atem“-Jury Respekt. Jury-Sprecherin Ilka Brecht, Leiterin des Investigativ-Magazins „Frontal 21“ vom ZDF, hob Volkmar Krause als besonderes Beispiel für sehr guten regionalen Journalismus hervor. Krause ist seit Jahren einer der wenigen Berichterstatter im Land, die beim Thema „Altanschließer“ durchsieht und die komplizierte Materie so in der Öffentlichkeit hält. „Es geht um Leute, die es nicht so dicke haben und die zornig und tief enttäuscht sind“, sagte Krause, der für den Preis nominiert war. Es gehe um nichts Geringeres als ein Stück Wiedervereinigungs-Gerechtigkeit, das noch ausstehe – und für manche Witwe auf dem Dorf um Zehntausende Euro.

Die Laudatio für die MAZ-Preisträger im Wortlaut – von Dagmar Rosenfeld

Diese Laudatio beginnt mit zwei Fernsehserien, mit Mad Man und mit der Lindenstraße. Die Lindenstraße ist wie ein Lagerfeuer, zwischenmenschliches Knistern, wärmende Familienbande und schmerzliches Schicksalslodern, eben das ganz normale, alltägliche Leben der Helga Beimers und ihrer Hansemänner. Und Mad Man ist die Serie, in der so anschaulich genussvoll geraucht und getrunken wird, dass man als Zuschauer den Whiskeygeschmack auf der Zunge und den Zigarettenrauch in der Nase hat.

Die Recherche, die wir heute mit dem ersten Preis auszeichnen, ist wie eine mad-manhafte Lindenstraße: was dort die Zigaretten sind, ist hier das Essen. Geschmacksintensiv beschriebene Speisen auf üppig gedeckten Tischen, in einer Lebenswirklichkeit, die alles andere als üppig ist. Es die Lebenswirklichkeit der syrischen Flüchtlingsfamilie Yassin, die die Autoren Oliver Fischer, Martin Küper und Anja Meyer fernsehseriengleich aufgeschrieben haben: man will immer wieder einschalten.

Seit 2016 hat das Autoren-Trio der Märkischen Allgemeinen Zeitung die Yassins begleitet. Schon die Zeitspanne qualifiziert für einen Preis, der sich langer Atem nennt. Das allein ist es aber nicht, was die Jury dazu bewogen hat, diese Berichterstattung auszuzeichnen. Es ist der Lokaljournalismus im besten Sinne, der für uns preiswürdig ist. Journalismus, der von den Auswirkungen der großen Weltpolitik auf das Leben einer fünfköpfigen syrischen Familie und einer 26.000-Einwohner-Stadt erzählt – ohne sich zum Weltenerklärer aufschwingen zu wollen. Journalismus, der vor Ort ist – und der vor Ort bleibt. Journalismus, der nah ran geht – ohne zu entblößen. Journalismus, der nicht bewertet, sondern beschreibt. Journalismus, der an der Geschichte einer Familie teilhat ¬– ohne selbst Teil der Geschichte zu werden.

„Flüchtling, dieses Wort klingt so schrecklich. Die Leute sehen mich dadurch als eine ganz andere Person“, sagt Mutter Yassin einmal. Das Flüchtlings-Sein ist die Folie vor der das MAZ-Autorentrio über die Yassins berichtet, aber in dem Wie und dem Was, das es in seinen Geschichten erzählt, erhalten die Yassins ihre Biografien zurück. Sie werden zu Normalos, zu den syrischen Beimers, wenn Sie so wollen. Und ein Stück Normalität auf dem Weg, Teil unserer Gesellschaft zu werden, können nicht nur die Yassins gut vertragen.

Wenn ich Ihnen, liebe Frau Meyer, lieber Herr Fischer und lieber Herr Küper, jetzt sage, dass ich am zweiten der beiden Abende, an denen ich Ihre Serie gelesen habe, das kinogleich mit Popcorn auf der Couch getan habe, dann meine ich das als Kompliment. All Ihre Geschichten hintereinander zu lesen, war wie ein Daumenkino des prallen Lebens. Des Lebens einer Familie, die als Fremde gekommen und durch Ihre Berichterstattung für uns Leser zu guten Bekannten geworden sind.

Gratulation zu Ihrem langen Atem!

Von Ulrich Wangemann

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