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Ludwigsfelde Dieser Mann hat die meisten der in der DDR gepressten Platten
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00:21 15.03.2019
Diese Litera-Scheibe mit den Abenteuern des braven Soldaten Schwejk hat der Ludwigsfelder Schallplatten-Sammler Ralf Haase in drei Versionen. Quelle: Jutta Abromeit
Ludwigsfelde

Er hat’s mit Platten, und das in jeder Beziehung: Ralf Haase wohnt in einer Platte – in Ludwigsfelde Nord – und er sammelt Platten – und zwar alles, was in der DDR gepresst wurde. „Wenn schon, dann richtig“, sagt der 55-Jährige und lacht.

Nebenbei blättert er in seinem „Archiv“, einer seit 1980 handgeschriebenen Blattsammlung, fortlaufend nummeriert. Vorläufig endet sie bei 15.005. Er vermutet, dass er damit rund drei Viertel des Katalogs der in der DDR gepressten Schallplatten hat.

So sieht sie aus, die handschriftliche Archivierung seikner bisher 15005 Platten. Quelle: Jutta Abromeit

„Aber wie viele Schallplatten genau in der DDR insgesamt mal erschienen sind, das weiß ja niemand“, sagt er. Selbst die damaligen Amiga-Chefs würden die genaue Zahl nicht kennen.

Der leidenschaftliche Sammler erklärt, warum es diese Zahl kaum geben kann: „Bei Amiga kam zum Beispiel 1966 eine Jazz-Platte vom Blues-Musiker Stefan Diestelmann heraus, seine dritte LP. Die Auflage war gerade gepresst, da ist er abgehauen. Also wurde sie eingestampft.“ Wie viele dieser Platten übrig blieben, weiß eben niemand. Für Ralf Haase ist das eine Rarität, die ihm fehlt.

Ralf Haase mag die Geschichten zu den Platten  

Ansonsten hat jede Menge Raritäten und kann jede Menge Geschichten erzählen. Zum Beispiel die von von seiner allerersten Platte. „Das war die 1978 von der Gruppe Karat, die hatte übrigens noch gar keinen Namen“, sagt er. Dann kamen Lizenz-Platten aus dem Ungarischen und dem Polnischen Kulturzentrum in Berlin dazu.

„Danach wurde es richtig schlimm bei mir mit dem Sammeln“, erzählt er. Für die Vier-Platten-Box von Mike Oldfield habe er damals ein kleines Vermögen hingeblättert, 400 Ostmark. Irgendwann wurde ihm klar: Alles geht nicht. Deshalb habe er sich auf das inzwischen abgeschlossene Thema DDR-Platten beschränkt.

Das älteste Stück der Sammlung

Vorsichtig nimmt er seine älteste Platte in die Hand: eine Schellack-Scheibe aus dem Gründungsjahr von Amiga, 1947, in gelblich gewordener Papierhülle mit blauer Schrift „Lied der Zeit“, gepresst mit 78er Spur: „Was Klassisches, da sind Ausschnitte aus der Egmont-Ouvertüre drauf.“

Ralf Haases ältestes Stück in seiner Platten-Sammlung: eine Schellack-Scheibe von 1947. Quelle: Jutta Abromeit

Und er zeigt den Rand alter Klassik-Plattenhüllen: „Hier, die ersten Raritäten hatten noch aufwendig genähte Ränder. Und anfangs gab es zu jeder Platte außerdem eine extra Papiertüte mit Henkel.“ Auch davon hat er natürlich Exemplare.

Beim staatlichen Platten-Hersteller der DDR gab es die Marken Amiga für aktuelle Unterhaltungsmusik, Eterna – beide 1947 von Ernst Busch gegründet – fürs kulturelle Erbe, in den 1960er Jahren Litera für Sprech-Aufnahmen, Nova für zeitgenössische „ernste“ Musik, Aurora für Arbeiterlieder und Produktionen von Ernst Bush und Schola, darauf für Unterrichtszwecke aufgearbeitete Ausgaben aller Genres.

Und dann sind da in Ralf Haases Riesensammlung einfarbig lilafarbene, blaue oder gelbe Hüllen, ohne jegliche Schrift. „Die sind nicht selbst gebastelt“, wieder lacht Haase. „Das waren ,unverkäufliche Musterplatten’ aus dem Presswerk in Babelsberg“, erzählt der Sammler.

Der Ludwigsfelder Ralf Haase hat die meisten der in der DDR erschienenen Schallplatten Quelle: Jutta Abromeit

Die hatten vor allem auch Discotheker, konnten sie so doch Musik von George Michael, den Pet Shop Boys oder anderen aktuellen internationalen Stars spielen. Ralf Haase hat einige dieser Raritäten in einfarbigen Buntpapier-Hüllen, auch von Michael Jackson oder Depeche Mode.

Doch nicht immer ist auf den schwarzen Scheiben aus dem volkseigenen Betrieb „VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR“ auch drin, was außen drauf steht. Ralf Haase legt eine Lizenzplatte von Joan Baez auf den Tisch. „Die hat sich nicht so gut verkauft“, erzählt er. Heraus holt er eine Platte mit dem runden Aufdruck „Peter Alexander“. „Es gab Lizenzen für bestimmte Auflagen, die waren begrenzt. Und Peter Alexander verkaufte sich eben viel besser als Joan Baez.“ So versuchte der VEB Schallplatte, Devisen zu sparen. Die Lizenz für Kölschrockband BAP gab es eine Lizenz für 15.000 Platten, gepresst wurden 50.000. „Doch das flog auf. Für solche Tricks hat Amiga dann richtig viel Strafe zahlen müssen“, erzählt der Platten-Liebhaber.

So sahen die Extra-Tüten für erste Amiga- und Eterna-Platten aus. Quelle: Jutta Abromeit

Egal, auf welches Musik-Thema der Einzelhandelskaufmann zu sprechen kommt – er geht zu einem der vielen Regale, die bis unter die Decke voller Platten stehen, und greift gezielt nach den gesuchten Scheiben. Da steht eine Eterna-Platte mit der letzten Rede des chilenischen Präsidenten Salvador Allende, der „Amiga-Express 1957/58“ oder eine Platte des sowjetischen Geigers David Oistrach, der Werke von Tschaikowsky spielt. Dazu gibt es wieder eine Geschichte hinter der Platte, die Haase so liebt: „Hier“, sagt er, und zieht vier Oistrach-Scheiben aus ihren Eterna-Hüllen, „jedes Mal ein anderes Cover“.

Von dieser Oistrach-Platte hat Ralf Haase vier Versionen Quelle: Jutta Abromeit

Oder Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler, eines der berühmten DDR-Schlager-Paare. „Die erschienen bei Amiga und mit genau denselben Liedern als Lizenz auch im Westen bei Teldec. Wenn ich sie bekomme, nehme ich natürlich beide“, sagt Haase. So kann es von ein und derselben Platte bis zu acht Varianten geben.

Auf der Jagd nach ihnen ist Haase nicht mehr bei Händlern, eher auf Trödelmärkten. „Aber auch da habe ich schon ziemlich alles abgegrast“, sagt er. Und erklärt, warum er ungern im Internet sucht: „Das, wonach man als bekannter Sammler sucht, wird einem dann plötzlich sehr viel teurer angeboten, als wenn man irgend jemand ist“, sagt er. Deshalb lässt er fehlende Liebhaber-Stücke gern von Freunden oder Bekannten suchen und bezahlen.

Ein Sammler sammelt. Aber hört er seine Platten auch noch? „Na klar“, sagt Ralf Haase, „sehr viel sogar.“ Zum Beispiel starb der Dresdener Opernsänger Theo Adam Anfang des Jahres. „Da habe ich mir seine Platten rausgesucht und sie mir in Ruhe noch mal angehört.“ Und natürlich hat er Lieblingsplatten: „Die 1989 bei Amiga produzierte und herausgegebene Karrussell-Platte und die Amiga-Doppel-LP mit Liedern des kleinen Prinzen, gesungen von Kurt Demmler.“

Der Sammler mag auch Live-Konzerte

Trotz aller Leidenschaft für das Platten-Sammeln geht der bekennende Single Ralf Haase auch gern zu Live-Konzerten. Oder er schnappt noch immer neue Geschichten über Schallplatten auf. „Zum Beispiel habe ich René Büttner kennengelernt, der war von 1983 bis 1989 Chef der Marke Amiga. Neben dem saß ich zufällig mal bei einem Fußballspiel von Union Berlin.“

Von Jutta Abromeit

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