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Ludwigsfelde Wie geht’s denn der Familie Yassin in Ludwigsfelde?
Lokales Teltow-Fläming Ludwigsfelde Wie geht’s denn der Familie Yassin in Ludwigsfelde?
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00:20 03.11.2018
Jetzt zuhause in Ludwigsfelde: Rabiee Yassin, Mohammad Yassin, Meis Yassin, Rabiaa Yassin, Hala Yassin. Foto: Friedrich Bungert
Ludwigsfelde

Es ist schön, wenn jemand noch Träume hat, sagt man. Rabiaa Ghomaira aber könnte auf ihre Träume gut verzichten. Sie kommen fast jede Nacht, und sie sind nie gut.

Manchmal träumt sie von Al Haffah, dem Dorf, aus dem sie stammt. Ihre Eltern und Geschwister tauchen in den Träumen auf, es geht viel um Sehnsucht und manchmal um Tod. In anderen Nächten sieht sie sich wieder im Schlauchboot: eingezwängt, Stoßgebete wimmernd. Die Gischt spritzt, ihr Kind weint, ihr Mann Mohammad hält ihre Hand und schaut auf den Horizont.

Und dann gibt es Nächte, in denen sie die Zukunft in Deutschland vor sich sieht. Es ist eine bleierne Zukunft. Rabiaa träumt dann vom Scheitern, von Arbeitslosigkeit, von Angst. Dann wacht sie auf und – ja, was dann?

Drei Jahre ist es her, dass Rabiaa, ihr Mann Mohammad Yassin und ihre Kinder Hala, Rabiee und Meis am Bonner Hauptbahnhof aus einem Zug stiegen und zum ersten Mal deutschen Boden betraten. Eine von Zehntausenden Familien, die in diesem Sommer aus Krisengebieten kamen. Und wie bei den meisten wird dieser Tag, es war der 14. September 2015, ihre Biografie für immer teilen: in ein davor und ein danach.

3000 Kilometer liegen zwischen Syrien und Ludwigsfelde

Das Davor war ihr altes Leben in Syrien. Kindheit, Freunde, Familie. Der Beruf, die Sonne, die reifen Granatäpfel, das hübsche Haus gleich neben den Eltern. Dieses Leben lag längst in Trümmern an jenem 14. September.

3000 Kilometer hatten die Yassins zwischen sich und die Vergangenheit gebracht. Der Weg war gefährlich und mühsam, aber als sie in Bonn ausstiegen, war er wenigstens zu Ende. Der Weg, der sich anschloss, das wissen die Yassins heute, ist weit weniger gefährlich. Aber dafür ist er schier endlos und mindestens ebenso mühsam.

Mohammad und Rabiaa zeigen ihre bestandenen A2-Prüfungen. Quelle: Anja Meyer

Dieser Weg besteht aus Monaten des Nichtstuns, aus Bescheiden und Behördengängen, aus Kursen und Praktika, aus Hoffnungen und Rückschlägen. Es sind viele kleine Schritte, die scheinbar nie zum Ziel führen. Und doch sind sie nötig, damit die Integration irgendwann gelingt. Vielleicht.

Den Großteil dieses Weges haben die Yassins in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) zurückgelegt, einer schmucklosen Industriestadt in Brandenburg, in der sie heute noch lebt. Nach einer Odyssee durch Deutschland und Belgien waren sie im Februar 2016 in der Flüchtlingsunterkunft im Birkengrund gelandet. Neuankömmlinge wurden damals fast nur noch in provisorischen Hallen untergebracht. Die Yassins aber bekamen ein Zwei-Zimmer-Appartement für sich. 50 Quadratmeter für fünf Personen, Privatsphäre. Das war Glück.

Journalistenpreis „Langer Atem“ für MAZ-Reporter

Die MAZ hat die Familie dort oft besucht und sie begleitet – seit mehr als zwei Jahren. Erst wöchentlich, dann monatlich für die Lokalausgaben im Regionalverlag Dahmeland-Fläming der MAZdafür wurden die Reporter jetzt mit dem 1. Platz des Journalistenpreises „Langer Atem 2018“ für Berlin/Brandenburg ausgezeichnet. Sogar bei der Anhörung beim Bamf in Eisenhüttenstadt durften MAZ-Reporter dabei sein, als die Yassins stundenlang zu ihrer Geschichte befragt wurden. Lange erzählten sie von den Demonstrationen, bei denen Rabiaa mitmarschiert war, von den Milizen, die Mohammad einziehen wollten und auch von dem Tag, als Mohammad verhaftet wurde. Viele wurden damals von der Straße gefischt, einige tauchten nie wieder auf. Über Beziehungen erwirkte Rabiaa die Freilassung ihres Mannes. Danach verließen sie Syrien. Sie sprachen auch von den drei Jahren in der Türkei und der Bedrohung, die besonders Rabiaa dort empfand. Schließlich bekamen sie Asyl. Das war im Frühjahr 2017, da war ein Jahr bereits verloren.

Später sagte Rabiaa oft, dass dieses erste Jahr furchtbar war. Purer Stillstand. Ein Dublin-Verfahren hatte alles auf Eis gelegt. Sie durften keine Kurse besuchen, nicht einmal Hilfsjobs annehmen. Vom Frühling bis zum Winter saßen die Yassins in ihrer Unterkunft und warteten. Viele um sie herum begannen in dieser Zeit Deutsch zu lernen. Manche zogen in eigene Wohnungen. Die Yassins verzweifelten derweil über Bescheiden. Ihre Kinder besuchten eine deutsche Schule, sie konnten ihnen nicht einmal bei den Hausaufgaben helfen.

Seither hat sich einiges getan. Die Familie lebt heute in einem sechsstöckigen Wohnblock in der Ludwigsfelder Innenstadt. Drei Zimmer, 75 Quadratmeter, das ist noch immer nicht viel. Aber andere Familien aus ihrem Heim mussten ins 30 Kilometer entfernte Luckenwalde ziehen, weil sie in Ludwigsfelde keine passende Wohnung fanden. Das blieb den Yassins erspart.

Wenn man Rabiaa und Mohammad heute fragt, was sie an Deutschland schätzen, dann fallen ihnen viele Dinge ein. Vor allem: die Freiheit. Seinen Weg gehen zu können, ganz gleich welcher Religion oder Partei man angehört. Frei von Angst zu sein, sich nicht vor dem Staat verbiegen zu müssen. Allein dafür habe es sich gelohnt, sagt Rabiaa.

„Halt die Fresse“ – auch Beschimpfungen kommen vor

Aber dann erzählt sie von einer Zugfahrt vor wenigen Tagen. Ein Mann habe sie beschimpft. Er sagte „Halt die Fresse“ und andere Unflätigkeiten, die sie vor Kurzem noch gar nicht verstanden hätte. Auch das ist Integration. Und es bedeutet, sich immer wieder erklären zu müssen. Unlängst erst habe ein deutscher Bekannter gefragt, ob es in Syrien Radio gab. Rabiaa hat tief Luft geholt. Ja, sie hatten Radio. Es habe nur kaum jemand gehört, weil Breitband- und Mobilfunknetze besser waren als in Deutschland.

Familie Yassin zu Besuch in Berlin. Einkaufsbummel vor dem Zuckerfest 2016. Quelle: Anja Meyer

Dieses Missverständnis ist eines von vielen in der „Wir schaffen das“-Geschichte. Deutsche glauben oft, alle Syrer seien ausgebombte und bettelarme Hinterwäldler. Tatsächlich war und ist der Lebensstandard hoch – und es flohen vor allem diejenigen, die es sich leisten konnten. Allein die Küche ihres Hauses sei fast so groß gewesen, wie ihre Zwei-Zimmer-Wohnung im Heim, erzählte Rabiaa einmal. Die Fenster aus Bronze, die Arbeitsplatte aus Marmor, zehn Meter lang. Bei der Wohnungssuche hat Rabiaa zwei Wohnungen abgelehnt, zum Entsetzen einiger Helfer.

 Die dritte Wohnung nahm sie nur zögerlich. Sie ist gut, sagt sie heute. Aber die Wohnung ist ganz sicher nicht die Erfüllung ihrer Träume. Genauso wenig wie die Sozialleistungen, die die Familie noch vom Staat kassiert. „Ich will endlich arbeiten und mir Dinge leisten“, sagt Rabiaa. Aber dafür fehlt es immer noch an der Sprache. Denn wer sich in Deutschland um einen Job bewirbt, sollte mindestens das sogenannte B2-Niveau nachweisen. Das haben weder Rabiaa noch Mohammad bislang.

Lernen war früher leichter

Für ihre Kinder wird das kein Problem sein. Sohn Rabiee besucht gerade die 8. Klasse. Er bekommt Zweien in Mathe, es läuft ganz gut. Hala, die große Tochter, wird elf und spricht fast akzentfrei deutsch. Die kleine Meis wächst zweisprachig auf. Rabiaa aber ist 42. Das Lernen ist ihr früher leichter gefallen. Und Mohammad hat im Frühjahr sogar seine B1-Prüfung vermasselt. Er musste wieder von vorn beginnen, Artikel, Verbformen, Redewendungen pauken. Dabei weiß er nicht einmal genau wofür.

Er ist sein halbes Leben lang zur See gefahren, war Erster Offizier im Maschinenraum. Es war sein Traumjob. Aber alle Nachweise, die er darüber hat, liegen auf dem Grund des Mittelmeeres. Zur See wird er womöglich nie wieder fahren. Vielleicht könne er ja Binnenschiffer werden, sagte eine Frau in der Berufsberatung. Aber auch dafür muss er Abschlüsse vorweisen. Sprache. Integration. Fachliche Weiterbildung. Er ist jetzt 48. Inzwischen wäre er schon mit einem Job als Schweißer zufrieden, sagt er. Ihm läuft die Zeit davon.

Früher, als er noch zur See fuhr, hat Mohammad fast jede Nacht von den Wellen geträumt. Das Boot lag immer so schief im Wasser, dass es zu kentern drohte. Diese Träume sind verschwunden. Es ist seltsam. Mohammads Nächte sind in Ludwigsfelde einfach schwarz.

Von Oliver Fischer

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