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Teltow-Fläming Die Yassins machen Urlaub
Lokales Teltow-Fläming Die Yassins machen Urlaub
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00:22 13.09.2018
Rabiaa, Mohammad und Rabiee Yassin in ihrer Strandburg an der Ostsee. Quelle: privat
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Ludwigsfelde/Swinemünde

Ein sonniger Tag Anfang August im polnischen Ostseebad Swinemünde. Der Sommer ist in vollem Gange, aber während in Brandenburg die Menschen vor der Hitze in ihre Häuser und Wohnungen flüchten, hat die Küstenluft den Dauerfön hier etwas heruntergekühlt. Es sind 25 Grad, am Vortag hat es sogar geregnet. Man kann es aushalten.

Entsprechend viele Touristen sind an diesem Tag auf der Promenade des grenznahen Ostseebades unterwegs: Erwachsene, die stramm in Richtung Strand marschieren. Kleinkinder, die ihre Finger und Gesichter mit Zuckerwatte und Schokoladeneis verkleben. Heranwachsende, die auf einer dafür eingerichteten Asphaltfläche Runden auf Skateboards, Hoverboards und Fahrrädern drehen.

Die einzige Muslima weit und breit

Am Rand dieser Asphaltfläche steht eine Frau und schaut ihnen zu. Sie trägt Sonnenbrille und Mütze. Sie ist die einzige Muslima weit und breit, die einzige Syrerin unter zahllosen deutschen und osteuropäischen Touristen. Deshalb hat sie sich gegen das Kopftuch entschieden. Man müsse ja nicht unnötig die Aufmerksamkeit auf sich lenken, sagt sie. Die Frau ist Rabiaa Ghomaira, Frau von Mohammad Yassin. Sie blinzelt in die Sonne und grinst. Das hier ist ihr Urlaub, der erste seit Jahren.

Die Yassins leben seit zweieinhalb Jahren in Ludwigsfelde, und aus ihrem Wohnort sind sie in dieser Zeit kaum herausgekommen. Sie fahren nach Berlin, das ja. Aber dort besuchen sie die Schule und kaufen ein, das ist kein Urlaub. Wenn es sie mal nach Luckenwalde verschlägt, dann wegen des Jobcenters. Einmal verbrachten sie ein paar Tage in Halle/Saale bei Freunden. Weiter weg ging es nie.

Das Geld reichte nicht

Eigentlich hätte Rabiaa schon im vorigen Jahr gerne Urlaub gemacht. Im Sommer träumte sie von Südeuropa, über Weihnachten wäre sie auch gerne weggefahren. Aber das Gesparte reichte nicht. Im Jahr davor war an Urlaub sowieso nicht zu denken, auch während ihrer Zeit in der Türkei ergab sich nie die Gelegenheit. Die letzte gemeinsame Reise – abseits der Flüchtlingsroute – liegt Jahre zurück. Schon im Frühling drängte Rabiaa deshalb auf den Urlaub. Sie sei erschöpft vom letzten Jahr, vom Deutsch-Unterricht, vom Familienmanagement, sagte sie.

Die Kinder wollten auch. Wer mag schon die ganzen Sommerferien zu Hause verbringen? Und dass es ans Wasser gehen sollte, war selbstredend. Ihre Heimatstadt Latakia liegt am Mittelmeer, abendliche Spaziergänge an der Promenade gehörten früher zum familiären Standard. Mohammad, der frühere Schiffsmaschinist, denkt ohnehin unaufhörlich an die See.

Ostsee, Nordsee, wo alle hinfahren

Dass sie in Polen landen würden, war freilich nicht der ursprüngliche Plan. Die Yassins wollten in Deutschland bleiben. Ostsee, Nordsee, wo alle hinfahren. Aber sie wollten auch ein Hotel, es sollte günstig sein, eine gute Anbindung war Bedingung. Das war in Deutschland nicht zu bekommen. Vor allem nicht günstig. Auf den Rat von Freunden wichen sie deshalb ins Nachbarland aus.

Kurz vor der Abfahrt währe der Urlaub fast noch geplatzt. Es kamen schlechte Nachrichten aus Syrien. Rabiaas Mutter ist krank. Krebs. Die beiden haben sich seit sieben Jahren nicht gesehen. Rabiaa wollte die Reise absagen. „Ich brauche das Geld doch, um ihr zu helfen oder sie wenigstens zu sehen“, sagte sie. Aber dann fuhren die Yassins doch. Ein paar Tage raus und den Kopf frei bekommen, das sei genauso wichtig, sagte Mohammad.

Anreise mit Hindernissen

Bei der Anreise ging alles drunter und drüber. Fähre nicht da, Anschlusszug verpasst, Unterkunft verschlossen, Rezeption nicht mehr besetzt. Eine hilflose Polin riet ihnen, den Schlüssel am nächsten Morgen abzuholen. Sie bekamen ihn letztlich, aber nach diesem Tag, sagt Rabiaa hinterher, sei ein Urlaub wirklich nötig gewesen.

Die Fotos, die die Yassins von den folgenden Tagen aufnahmen, zeigen vor allem: Strandleben. Den Sonnenschirm, den Rabiaa kaufte. Den Windschutz, den Mohammad jeden Tag aus neue in den Strand hämmerte. Die Kinder, eingegraben im Sand. Wenn jemand polnisch mit ihnen sprach, verstanden sie kein Wort, aber das kam selten vor. „Da waren ja überall Deutsche“, sagt Rabiaa.

„Flüchtling?“

Am vorletzten Tag machte Rabiaa sogar eine neue Bekanntschaft. Bei den skatenden Jugendlichen war eine Frau auf sie aufmerksam geworden. Sie kam aus Hamburg und wunderte sich über den seltenen arabischen Gast. „Flüchtling?“, frage sie. Die beiden tauschten Telefonnummern aus. Man könne sich ja mal besuchen, sagte die Frau. Oder zumindest mal länger reden. „Gerne“, sagte Rabiaa.

Dazu kam es dann nicht. Einer der Jugendlichen verlor auf seinem Hoverboard das Gleichgewicht, stürzte und brach sich das Handgelenk. Es war ihr Sohn Rabiee. So viel zum Urlaub.

Von Oliver Fischer

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