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Männer, die auf Wolken starren

Faszination Wetter Männer, die auf Wolken starren

Windhosen, Starkregen, Sonnenschein: Kein Wetterereignis bleibt unbeobachtet. Dafür sorgen Wetter-Enthusiasten, die hunderte Euro in Ausrüstung investieren und sich teils mehrere Stunden am Tag mit Niederschlagshöhen und Windstärken befassen. Wir haben uns mit einem über faszinierendes Wetter unterhalten.

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Ein Anblick, der das Herz von Wetterbeobachtern höher schlagen lässt.

Quelle: Gabriel Opitz

Dahmeland-Fläming. Das Klima gibt sich an diesem Mittwoch keine Mühe, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Graue Wolken hängen bleischwer über dem Zossener Wohngebiet Johnepark, klamme Kälte kriecht Fußgängern erst in die Schuhe und dann in die restliche Kleidung, Sprühregen tut sein Übriges. Eine Meinungsumfrage zum Wetter ergäbe als häufigste Antwort todsicher: „Es ist Scheißwetter.“ Karl-Heinz Krebs aber denkt nicht in solchen Dimensionen.

Der 58-Jährige sitzt an einem Computertisch in der Ecke seines Wohnzimmers im Johnepark und klickt sich durch seine eigene Internetseite. Um ihn herum liegen bündelweise Kabel, die zusammengesteckt wahrscheinlich von Zossen bis zum Alexanderplatz reichen würden. Der Bildschirm vor ihm zeigt Kurven, Diagramme, Linien – es sind die Daten, die Krebs’ Wetterstation in den vergangenen Stunden gesammelt hat. „7,7 Grad, bedeckter Himmel, diesig, leichter Regen, 91 Prozent Luftfeuchtigkeit, relativ hoher Luftdruck“, resümiert Krebs. „Der Wind fehlt ein bisschen. Aber alles in allem schönes Wetter. Wie es sich gehört für den Herbst.“

Karl-Heinz Krebs vor seinem Windmesser

Karl-Heinz Krebs vor seinem Windmesser.

Quelle: Oliver Fischer

Während andere nur schwitzen, frieren oder über Wasser fluchen, das in den Kragen läuft, sieht Karl-Heinz Krebs das Wetter anders. Er sieht die Daten, die Zahlen, das große Ganze. Krebs ist Wetterbeobachter, man könnte sagen Hobbymeteorologe, auch wenn er sich weniger um eine wissenschaftliche Erklärung der Wetterphänomene über seinem Haus bemüht. Er misst einfach, vergleicht die Werte und freut sich daran.

Das Wetter habe ihn schon als Kind interessiert, sagt er. Die Eltern gingen oft mit ihm auf Bootstour, da war es von Vorteil, wenn man wusste, ob sich ein Regengebiet nähert. Irgendwann in den Achtzigern hängte Krebs sich eine hölzerne Wetterstation an die Wand mit einem Hygro-, einem Baro- und einem Thermometer. Er schaute täglich drauf, für mehr hatte er keine Zeit, er arbeitete bei der Polizei in Schönefeld.

Extreme Werte lassen das Wetterfrosch-Herz höher schlagen

Nach der Pensionierung aber brauchte er eine Aufgabe. Also investierte er ein paar hundert Euro, kaufte sich eine elektronische Wetterstation und installierte ein Programm auf seinem Rechner, das die Daten aufbereitet. Seither verbringt er täglich mindestens eine Stunde vor dem Computer, studiert Wetterkarten und Zeitreihen und freut sich, wenn Werte ins Extreme gehen. „Für mich ist es schön, dass ich sagen kann, wir haben heute den kältesten 13. Oktober seit meine Station existiert“, sagt er. Schlechtes Wetter ist relativ.

Karl-Heinz Krebs ist bei weitem nicht der einzige Klima-Enthusiast in der Region Dahmeland-Fläming. Wobei – was ist schon ein Enthusiast? Fast an jedem Haus hängt irgendwo ein Außenthermometer. Wer mit Landwirtschaft zu tun hat, misst in der Regel auch den Niederschlag. Dann gibt es Hobbywetterfrösche wie Karl-Heinz Krebs, die nennenswerte Geldbeträge in ihre Ausrüstung stecken, ihre Messreihen aber nur für sich selbst nutzen. Und dann gibt es noch die Wetterprofis, deren Messstationen über die Region verteilt stehen, die ihre Daten an private Firmen senden oder gar an die höchste Instanz der hiesigen Meteorologie, den Deutschen Wetterdienst.

DWD hat Messstationen in Schönefeld und Baruth

Der DWD, wie der Wetterdienst abgekürzt wird, betreibt bundesweit ein Messnetz mit eigenen Stationen. Dazu gehört in der Dahmeland-Fläming-Region eine Wetterhütte auf dem Schönefelder Flughafen. Die ist rund um die Uhr besetzt, sammelt eine Fülle von Daten u

Eine zweite Messstation steht in Baruth. Das ist eine elektronische Station des Typs AMDA III. Deren Sensoren erfühlen permanent die Temperatur, die Feuchtigkeit, den Luftdruck und den Niederschlag, dazu die Schneehöhe, die Temperatur im Erdboden und den Wind in zehn Metern Höhe. Das Ganze sieht von Weitem aus, als ob irgendwo eine Straßenlaterne und ein Mülleimer vergessen wurden, aber die Geräte sind sehr teuer und dahinter steckt eine Wissenschaft.

Das Umfeld der Messstationen muss stimmen

„Für die professionelle Wetterbeobachtung ist es wichtig, dass die Sensoren alle genormt sind. Die Geräte sind vom gleichen Hersteller, sie müssen die gleichen Bedingungen haben und in der gleichen Höhe messen“, sagt Ingrid Woelk vom DWD in Potsdam. Die Lufttemperatur wird zwei Meter über Grund gemessen, der Niederschlag einen Meter. Das Umfeld muss baumlos und unbebaut sein, damit Regen und Wind unverzerrt auftreffen. Das alles ist in Baruth der Fall.

Weil zwei Hauptstationen für die Region etwas wenig wären, hat der DWD noch eine Reihe von Freiwilligen, die auf ihren Grundstücken Geräte des Wetterdienstes installiert haben – und auch täglich Daten melden. Zehn solcher Stationen sind über Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming verteilt, unter anderem in Blankenfelde, Jünsdorf, in Zeesen, in Rehhagen und Langenlippsdorf. Die dort erfassten Daten fließen alle in die DWD-Zentrale nach Offenbach, wo sie in einem Rechenzentrum ausgewertet werden. Das Ergebnis ist ein ziemlich guter Überblick über das Wetter in der Region.

Hintergrund

Der Deutsche Wetterdienst kann für eine Datenauswertung auf Messstationen unterschiedlicher Ausstattung zurückgreifen. Verglichen werden Werte aus Baruth, Langenlipsdorf, Jüterbog, Thyrow, Felgentreu, Petkus, Schönefeld, Dollgen und Zeesen.

Der nasseste Ort im Jahr 2015 war Thyrow mit 534 Millimetern vor Felgentreu (528) und Zeesen (523). In diesem Jahr ist in Langenlipsdorf das höchste Niederschlagsvolumen aufgetreten.

Die höchsten offiziell gemessenen Temperaturen des Jahres 2015 traten am 7. August auf. In Baruth wurden damals 38,3 Grad gemessen, in Langenlipsdorf stieg das Thermometer sogar auf 38,6 Grad. In Schönefeld wurden an diesem Tag 37,8 Grad gemessen.

Der kälteste Tag war laut DWD der 7. Februar. An diesem Tag fiel das Thermometer in Baruth und Schönefeld auf jeweils minus 8,2  Grad.

Der sonnigste Ort im vergangenen Jahr war Baruth. Dort wurden 1949 Sonnenstunden registriert, in Schönefeld dagegen nur 1860 Sonnenstunden. Generell war das Jahr an beiden Orten aber ein überaus sonniges. Das langjährige Mittel in Schönfeld liegt bei 1677 Sonnenstunden, nur 2003 und 2011 gab es mehr.

Wie aufwendig diese Datenerhebung ist, weiß kaum einer besser als Marco Ringel. Ringel, 43, wohnt in Jänickendorf und zeichnet seit seinem 13. Lebensjahr das Wetter vor seinem Haus auf. Erst mit einem einfachen Thermometer, einem Glasgefäß, Stift und Papier. Seit 1995 computergestützt. Tausende Mark und Euro hat er seit der Wende in Technik investiert, er hat Thermometerhütten, Doppeldosenbarometer, Schneesonden, Thermohygrografen, Sonnenscheinautografen, Eisablagerungsstäbe, Windfahnen, Anemometer und Verdunstungskessel gekauft und zusammengerechnet wohl schon Jahre über den örtlichen Klimadaten gebrütet. „Nach mehr als 30 Jahren habe ich jetzt eine schöne Reihe und kann vergleichen, was das Wetter so veranstaltet hat. Das wird immer spannender“, sagt er.

Stürme, Hagel, 30 Grad Celsius

Ringel kann sagen, dass es in den vergangenen 30 Jahren in Jänickendorf nie wärmer war als am 9. August 1992, damals stieg sein Thermometer auf 39,1 Grad. Am 11. Januar 1987 dagegen sank das Quecksilber auf minus 25 Grad. Am 1. März 2008 fegte das Sturmtief „Emma“ mit 128 Stundenkilometern über Marco Ringels Haus. Rekord. Ein paar Dachziegel gingen verlustig. Und die 95 Millimeter Regen, die am 12. August 2002 niederfielen, sind ebenfalls unübertroffen. Solches Wetter ist für Ringel, der auch hauptberuflich beim DWD arbeitet, schönes Wetter. „Es muss was passieren, dann fühle ich mich wohl“, sagt er.

Karl-Heinz Krebs kann sich ebenfalls über einen anständigen Sturm freuen, „solange er keinen Schaden anrichtet“, über Hagelschauer und den ersten Schneefall im Erzgebirge. „Das Wetter sollte einfach der Jahreszeit entsprechen“, sagt er. Und abwechslungsreich soll es für ihn auch sein – weshalb Karl-Heinz Krebs seinen Sommerurlauben auch stets mit gemischten Gefühlen entgegensieht. „Wir reisen leider immer nur da hin, wo es langweilig warm ist, nach Spanien“, sagt er. „Wegen meiner Frau.“

Von Oliver Fischer

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