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„Man hätte mehr fragen müssen“

Dieter Kruszczyk hat erforscht, wie es seiner Mutter im sibirischen Lager ergangen ist „Man hätte mehr fragen müssen“

Frieda Mutschall verlebte eine glückliche Kinder- und Jugendzeit in Klein Silkow in Pommern , bis sie 1945 von der Roten Armee gefangen genommen wurde. Sie wurde in ein Gefangenenlager in Sibirien verschleppt, wo sie Torf stechen musste. Ihr Sohn Dieter Kruszczyk hat nun das Schicksal seiner Mutter erforscht.

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Hildegard und Heinrich Zimmermann erinnern sich mit Dieter Kruszczyk (v.l.) an die Geschichte der Schwester und Mutter Frieda.

Quelle: Foto: Christian zielke

Rangsdorf. Pommern in den 1930er Jahren: Die Schwestern Hildegard, Frieda, Erna und Lisbeth Muttschall erleben eine glückliche Kindheit in Klein Silkow. In dem Dorf, das 15 Kilometer von der Stadt Stolp entfernt lag, lebten etwas mehr als 200 Einwohner. Es gab ein Wirtshaus und eine Schnapsfabrik, in der die Früchte der umliegenden Felder zu Hochprozentigem destilliert wurden. Im Sommer arbeiteten fast alle für den Gutsbesitzer – entweder auf dem Acker oder in dessen Haus. Im Herbst ging man in die Wälder, wo es Unmengen von Steinpilzen und Pfifferlingen gab. „Es war eine unbeschwerte Zeit. Wir haben viel draußen gespielt und gebadet“, erinnert sich Hildegard Zimmermann.

Hildegard und Frieda Mutschall

Hildegard und Frieda Mutschall

Quelle: privat

Die 86-Jährige lebt heute in Rangsdorf zusammen mit ihrem Mann Heinrich. Ihr Neffe Dieter Kruszczyk aus Mahlow ist zu Besuch. „Erzähl mal. Wie war das damals“, will der 60-Jährige wissen. Damals, das ist vor 70 Jahren, als es mit dem unbeschwerten Leben in Pommern vorbei war und der Landstrich zur Front wurde.

Am 5. März machten sich die Einwohner von Klein Silkow auf den Weg nach Westen, um nicht der herannahenden Roten Armee in die Hände zu fallen. Die vier Schwestern saßen plötzlich auf einem Pferdewagen. Ihnen blieb nur, was sie mit sich tragen konnten. „Am Wegesrand sahen wir zwei tote Volkssturmmänner, denen man die Ohren abgeschnitten hatte“, erinnert sich

Ein Dokument aus dem russischen Lager

Ein Dokument aus dem russischen Lager.

Quelle: Privat

Hildegard Zimmermann. Die Männer hatten sich in einem Schornstein versteckt. Bloß nicht die Russen, dachten damals viele, auch die Familie Mutschall. Wenige Tage nach dem Aufbruch gen Westen wurde der Treck aus Klein Silkow von der Roten Armee gestoppt. Die Bewohner mussten in ihr Dorf zurück. Wer noch

Frieda Kruszczyk bei einem Besuch im ehemaligen Klein Silkow, heute Zelkowo in Polen

Frieda Kruszczyk bei einem Besuch im ehemaligen Klein Silkow, heute Zelkowo in Polen.

Quelle: Privat

weniger Glück hatte, musste nach Russland. „Ich hatte Glück, dass ich so dünn war. Damals haben alle gesagt, ich könnte mich hinter einem Besenstiel verstecken“, erinnert sich Hildegard Zimmermann. Ihre Schwester Frieda hatte weniger Glück. Sie war älter und von kräftigerer Statur. „Die Russen haben sie einfach mitgenommen“, sagt ihre jüngere Schwester. Mehr als ein Jahr musste Frieda Mutschall in einem Lager in Sibirien arbeiten. Über die Zeit geredet hat sie später kaum. „Es hieß immer nur, dass sie dort arbeiten mussten“, sagt ihr Sohn Dieter Kruszczyk. Ihrer Schwester Hildegard hat sie immerhin Details vom Transport nach Sibirien anvertraut. „Sie waren tagelang mit dem Zug unterwegs. Immer wieder flogen deutsche Bomber Angriffe“, sagt sie. Zu dutzenden waren die deutschen Gefangenen in Güterwaggons eingepfercht. Ihre Notdurft mussten sie durch ein Loch im Boden verrichten. Zu essen und zu trinken gab es kaum. Bei jedem Stopp wurden die Toten aus den Hängern gezerrt und neben den Gleisen gestapelt.

Der DRK-Suchdienst

Seit mehr
als 70 Jahren sucht das Deutsche Rote Kreuz (DRK) nach Vermissten des Zweiten Weltkriegs.

Im Jahr 2014 gingen 14 000 neue Anfragen beim DRK-Suchdienst ein. Mehr als 4300 Auskünfte wurden erteilt.

Zwischen 1945 und 1950 waren es 14 Millionen Anfragen und 8,8 Millionen Auskünfte.

Die zentrale
Namenskartei des DRK enthält Informationen zu mehr als 20 Millionen Namen.

Auch in den aktuellen
Kriegen und Krisen hilft das DRK weiter. Im vergangenen Jahr erhielt der DRK-Suchdienst mehr als 1000 Anfragen zu vermissten Angehörigen. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, Syrien und Somalia.

www.drk-suchdienst.de

Auch die Zeit in Sibirien war kein Zuckerschlecken. Fast anderthalb Jahre musste die junge Frau Bäume fällen und Torf stechen. Im Winter herrschten Temperaturen von 40 Grad unter Null. „Nachts kamen die Wölfe, hat sie mir erzählt“, sagt Hildegard Zimmermann. Wem nur ein Gliedmaß abgefroren ist, der hatte Glück. Die Sterblichkeit in den sowjetischen Lagern war hoch. Dieter Kruszczyk hört einige der Geschichten über seine im Februar 2013 gestorbene Mutter auch zum ersten Mal. „Man hätte mehr fragen sollen“, sagt er. Doch wenn er die Geschichten von seiner Tante hört, kann er auch verstehen, dass seine Mutter das Erlebte lieber verdrängt hat.

Vor sieben Jahren beschloss er, über das Leben seiner Mutter zu forschen. Mithilfe des Deutschen Roten Kreuzes gelangte er an die Akten des Militärarchivs in Moskau. „Meine Mutter war überrascht, dass dort so viel zu finden war“, sagt Dieter Kruszczyk. Seitdem weiß er, dass seine Mutter im Arbeitsbataillon des Lagers in Berjosowski nahe Jekaterinburg untergebracht war. In einem vom DRK mitgeschickten Auszug aus einem Buch über die Geschichte der Kriegsgefangenen im Osten heißt es „Die wesentlichste Todesursache war Unterernährung, so dass die zu Tode Gekommenen fast zu Skeletten abgemagert waren.“ Am 11. Oktober 1946 hatte die Tortur für Frieda Mutschall ein Ende, doch ihre Heimat gab es nicht mehr. Klein Silkow hieß nun Zelkowo und war von Polen bewohnt. Über Frankfurt (Oder) gelangt sie schließlich in die Nähe von Berlin, wo ihre Schwestern lebten. In einem Lager in Treuenbrietzen wurde sie drei Mal entlaust. Ein Zettel, den Dieter Kruszcyk in seinem privaten Archiv aufbewahrt, attestiert seiner Mutter, dass sie das sowjetische Lager ohne ansteckende Krankheiten überstanden hat. Ihre jüngere Schwester Hildegard hat zu der Zeit als Hausmädchen beim damaligen Chef des Berliner Glühlampenherstellers Osram im Rangsdorfer Teutonenring gearbeitet. Ihr Mann Heinrich, eigentlich gelernter Drogist, schuftete als Maurer für das von den russischen Streitkräften übernommene Flugzeugwerk. Frieda Kruszczyk ließ sich in Mahlow nieder und gründete eine Familie. Erst nach dem Fall der Mauer wagten sich die vier Schwestern in die alte Heimat. Das Elternhaus gibt es nicht mehr. Wut über die Vertreibung verspürt sie nicht, sagt Hildegard Zimmermann. „Aber ein bisschen Heimat wird es immer bleiben.“

Von Christian Zielke

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