Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° Sprühregen

Navigation:
Mehr Flüchtlingskinder in Regelklassen

Schule in Dahmeland-Fläming Mehr Flüchtlingskinder in Regelklassen

In den vergangenen zwei Schuljahren wurden in der Region Dahmeland-Fläming immer mehr Willkommensklassen für Flüchtlinge eingerichtet. Nach einem Jahr Sprachunterricht sollen sie fit für den Unterricht in einer Regelklasse sein. Ein Besuch in einer Willkommensklasse in der Ludwigsfelder Gottlieb-Daimler Schule.

Voriger Artikel
Jürgen Villmows Ausstellung im Elternhaus
Nächster Artikel
Versuchter Raubüberfall

In speziellen Willkommensklassen lernen Flüchtlingskinder Deutsch und werden auf den Schulalltag in einer Regelklasse vorbereitet.

Quelle: dpa

Ludwigsfelde. Wenn Ewelina Lescau-Pertek eine Frage stellt, gehen die Hände sofort hoch. Ihre neun Schüler sind voll bei der Sache, hören der Lehrerin zu, jeder will als Erster an die Tafel und die Lösung zeigen. So könnte die Traumklasse eines jeden Lehrers aussehen – wenige und motivierte Schüler.

Doch Lescau-Pertek hat mit anderen Herausforderungen zu tun: Ihre 7. Klasse an der Ludwigsfelder Gottlieb-Daimler-Grundschule ist keine gewöhnliche Schulklasse. Die Schüler sind alle erst seit wenigen Monaten oder Wochen in Deutschland und sprechen kaum Deutsch. Lescau-Pertek unterrichtet eine von zwei sogenannten Vorbereitungsgruppen an der Ludwigsfelder Gottlieb-Daimler Grundschule. Im Volksmund „Willkommensklasse“ genannt. Die Strukturen dafür mussten in der Region erst wachsen.

ndré Hess und Ewelina Lescau-Pertek unterrichten Flüchtlingskinder  an der Gottlieb-Daimler-Schule in Ludwigsfelde

ndré Hess und Ewelina Lescau-Pertek unterrichten Flüchtlingskinder an der Gottlieb-Daimler-Schule in Ludwigsfelde.

Quelle: Anja Meyer

Heute nimmt Lescau-Pertek eine Lektion zu Obst und Gemüse durch. Ihr Unterricht ist praxisnah – damit die Kinder sich so bald wie möglich in der neuen Heimat zurechtfinden und verständigen können. „Karotte“, sagt die Lehrerin. Die Schüler sollen das zur Vokabel passende Bild an der Tafel zeigen.

Vokabellernen mit Möhre, Gurke und Banane

Joudy kommt dran. Die zwölfjährige Syrerin geht zielstrebig nach vorn und zeigt auf die Gurke. „Nein, das ist keine Karotte“, entgegnet ihre Lehrerin. Das Mädchen probiert es mit Spargel. Die anderen rufen von hinten rein. Dann hat sie die Karotte. Sie setzt sich, Ewelina Lescau-Pertek sagt die nächste Vokabel an: Banane. Joudy meldet sich sofort wieder, ein polnisches Mädchen kommt dran und zeigt prompt auf das richtige Bild. Joudy seufzt: „Alle weiß Banane.“

Willkommensklassen als Erfolgsmodelle in Brandenburg

Das Modell Willkommensklasse hat in Brandenburg in den vergangenen Monaten Schule gemacht. Als immer mehr Flüchtlinge in ganz Deutschland und somit auch in der Region ankamen, betraf das auch die hiesigen Schulen. Denn unter den Flüchtlingen waren viele Kinder, Jugendliche und solche die behaupteten, jünger als 17 Jahre alt zu sein. Für sie besteht in Deutschland Schulpflicht, die Herausforderung: Wie können Lehrer Kinder und Jugendliche in den Unterricht integrieren, die die Sprache nicht verstehen oder womöglich sogar Analphabeten sind?

Begrüßung einer Willkommensklasse an der Treuenbrietzener Albert-Schweitzer-Grundschule

Begrüßung einer Willkommensklasse an der Treuenbrietzener Albert-Schweitzer-Grundschule.

Quelle: Thomas Wachs

Um diesem Problem zu begegnen, richteten einige Schulen in der Region in den vergangenen Schuljahren Willkommensklassen ein. Im aktuellen Schuljahr werden in der Region Dahmeland-Fläming noch 24 solcher Vorbereitungsgruppen unterrichtet. Zwei davon an der Gottlieb-Daimler-Schule.

Plötzlich lagen 28 Anmeldungen von Migrantenkindern auf dem Tisch

Wie Schulleiter Volker Große erzählt, schuf er die Klassen im Februar 2015, als plötzlich 28 Anmeldungen von fremdsprachigen Schülern vorlagen. Und damit auch 28 zusätzliche Lehrerstunden für Förderunterricht. Die Idee der Willkommensklassen: Fremdsprachige Schüler, darunter Flüchtlinge und andere Migrantenkinder, erhalten so lange Deutschunterricht, bis sie dem regulären Unterricht folgen können. Das soll möglichst nach einem Jahr in der Willkommensklasse soweit sein. Im aktuellen Schuljahr sind an der Gottlieb-Daimler Schule die ersten sieben Schüler in Regelklassen übergegangen.

Schwieriger Übergang in den Fachunterricht

Ein Stockwerk unter der Klasse von Ewelina Lescau-Pertek: Drei Achtklässler sitzen mit ihrem Lehrer André Hess zusammen. Sie haben das gesamte, vergangene Schuljahr in einer Willkommensklasse Deutsch gelernt. Seit drei Wochen besuchen sie nun auch wieder Fachunterricht. Dazu kommen 16 Stunden Förderstunden bei André Hess – immer dann wenn ihre deutschen Klassenkameraden sprachintensive Fächer wie Deutsch oder Geschichte haben. Manche Förderstunden verbringen sie zu dritt mit ihrem Lehrer, manche mit den vier Neuntklässlern, manche sogar mit der 7. Klasse von Lescau-Pertek zusammen. Jetzt sind sie unter sich. Zeit, die Physikklausur der Vorwoche zu besprechen. „Die Klausur ist nicht gut ausgefallen“, sagt Hess, „wir schauen mal, woran das gelegen haben kann.“

Flüchtlinge an Schulen

996 fremdsprachige Kinder und Jugendliche besuchen laut dem Brandenburger Bildungsministerium im aktuellen Schuljahr verschiedene Schulen in Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald – 519 von ihnen in Dahme-Spreewald, 477 in Teltow-Fläming.

Insgesamt sind 3,4 Prozent aller Schüler in der Region fremdsprachig. Die meisten von ihnen sind Flüchtlingskinder, dazu kommen Kinder von anderen Migranten.

Die meisten dieser Kinder sind in Grundschulen untergebracht.

In ganz Brandenburg besuchen 9,3 Prozent aller fremdsprachiger Schüler ausschließlich Willkommensklassen. Der Großteil (90,7 Prozent) ist in Regelklassen untergebracht.

In Dahme-Spreewald gibt es in diesem Schuljahr zehn Willkommensklassen und 47 Förderkurse für fremdsprachige Schüler. In Teltow-Fläming sind es 13 Klassen und 28 Förderkurse.

Laut Hess ist die Integration der Schüler in die Regelklassen eine besondere Situation. Ob und wie sie gelingt, hänge maßgeblich von den Schülern selbst ab. Einige Kriterien können das Vorhaben erleichtern: „Jüngere Schüler haben es leichter“, sagt André Hess. „Es kommt aber auch darauf an, wie fit die Schüler sind und wie lange sie in ihrer Heimat zur Schule gegangen sind.“ Im Idealfall bräuchten Jugendliche laut Hess zwei Jahre, bis sie auf dem Niveau Deutsch sprechen, um dem regulären Unterricht zu folgen. Er ist gespannt, wie sich die sieben Acht- und Neuntklässler an der Gottlieb-Daimler-Schule jetzt schlagen werden. Sie waren bei ihrer Ankunft in Deutschland zwischen zwölf und 16 Jahre alt. Am besten gelinge die Integration, wenn die Kinder noch klein sind und in die 1. Klasse eingeschult werden können.

Förderstunden richten sich nach Schülerzahl

Das bestätigt Iris Meier, Schulleiterin der Elisabeth-von-Schlieben-Grundschule in Halbe. An ihrer Schule wurden im vergangenen Schuljahr zeitweise mehr als 35 Flüchtlingskinder aus der Gemeinschaftsunterkunft in Massow unterrichtet. Mittlerweile sind nur noch 15 Kinder da – weil ihre Eltern noch auf den Aufenthaltsstatus warten oder keine Wohnung finden. Weil so viele Schüler wieder gegangen sind, wurden Iris Meier auch die Stunden für Förderunterricht gekürzt – und sofort schrumpfte auch ihr Spielraum für eine reine Willkommensklasse. „Man kann jetzt eher von einer Willkommensgruppe sprechen“, berichtet sie. 17 Schulstunden pro Woche können ausländische Kinder speziell gefördert werden, mehr ist aktuell nicht drin.

Dennoch will Meier alles tun, um die etablierten Strukturen für eine Willkommensklasse zu erhalten. „Wer weiß, wie es weitergeht?“, fragt sie und spielt damit auf die Flüchtlinge, die von Berlin in der Region untergebracht werden sollen. Wenn sie und ihre Kollegen im vergangenen Jahr etwas gelernt haben, dann ist es, sich schnell auf alle möglichen Situationen einzustellen. Das Modell Willkommensklasse hat sich in ihren Augen durchgesetzt.

Von Anja Meyer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Teltow-Fläming
57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg