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Teltow-Fläming Minderheit in der eigenen Stadt
Lokales Teltow-Fläming Minderheit in der eigenen Stadt
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18:34 27.12.2013
Sowjetische Offiziere salutieren beim Abspielen der Nationalhymne zur letzten Kranzniederlegung im Mai 1994 in Jüterbog. Quelle: Martina Burghardt
Jüterbog

Wie viele sie genau waren, weiß man nicht. Aber wo sie kaserniert waren, waren sie auch in der Überzahl: sowjetische Soldaten in der DDR. In Jüterbog soll der zahlenmäßig größte Standort gewesen sein, hat Stadtchronist Henrik Schulze recherchiert. Er hat das Verhältnis zwischen Roter Armee und deutscher Bevölkerung aufgearbeitet und berichtet davon in Vorträgen und Aufsätzen – wie jüngst in der Gaststätte „Braukrug“ unter dem Titel „Die Sowjetgarnison Jüterbog“.

Bis zur Wende war Jüterbog eine Kreisstadt im Bezirk Potsdam. In den 1980er Jahren zählte sie um die 15.000 Einwohner. Die Zahl der stationierten Soldaten war jedoch wesentlich höher. 40.000 sollen es in Spitzenzeiten gewesen sein. Für die gesamte DDR ist von 500.000 die Rede. Zum Vergleich: Die Westalliierten – Amerikaner, Briten und Franzosen – kamen zusammen auf 100.000 Soldaten.

Jüterbogs Chronist Henrik Schulze bei einem Vortrag. Quelle: Kunze

Offiziell gezählt hat sie niemand, konnte und durfte es vor allem nicht. Denn alles war geheim, die Kommandostrukturen verworren. Oft wussten selbst hochrangige Offiziere nicht, wer nebenan „auf Friedenswacht“ stand. Nach dem Truppenabzug 1994 wurde versucht, die Strukturen im Nachhinein zu analysieren und zu erklären. Doch trotz Glasnost und Perestroika gaben die russischen Staatsarchive längst nicht alle militärischen Geheimnisse frei.

Für Henrik Schulze steht fest: „Jüterbog war die größte sowjetische Garnison in Deutschland.“ Dafür prädestiniert durch die mehr als 130-jährige militärische Geschichte als Garnisonsstadt, die Infrastruktur sowie die strategisch ideale Lage zu West-Berlin und der Bundesrepublik.

Die Soldaten der Roten Armee besetzten unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ganze Kasernenkomplexe sowie Übungs- und Flugplätze. Vor allem in Altes und Neues Lager, Jüterbog selbst und Liegenschaften im Umfeld. Sie stammten noch aus Kaiser- und Wehrmachtszeiten. Nach Deutschland, sprich in die DDR, wurden nur die besten und zuverlässigsten Rekruten, Soldaten und Offiziere abkommandiert. „Es war eine Auszeichnung und Ehre, in der DDR dem sowjetischen Vaterland und dem Frieden zu dienen“, sagt Henrik Schulze.

Sie waren in fünf so genannte Gardearmeen mit je 100.000 Soldaten der verschiedensten Waffengattungen integriert. Für die einfachen Soldaten, im Volksjargon auch „Muschkoten“ genannt, war es ein harter, entbehrungsreicher und oft menschenunwürdiger Dienst: wenig Essen, harter Drill und ständigen Schikanen der Vorgesetzten ausgesetzt. Nicht wenige hielten das körperlich und emotional nicht aus. Sie begingen Fahnenflucht. Wurden sie aufgegriffen, erwartete sie eine langjährige Haft oder gar die Todesstrafe. Eine unbekannte Anzahl von ihnen wählte auch den Freitod als letzten Ausweg.

Untergebracht waren sie in Massenquartieren. Alle persönlichen Gegenstände und die Uniformstücke mussten auf einem Hocker vor dem Stockbett Platz finden. „Egal in welcher Armee sie dienten, deutsche Soldaten hatten wenigstens einen abschließbaren Spind“, sagt Schulze und zeigt Fotos.

Anders dagegen die Offiziere. Sie lebten – relativ – in Saus und Braus, meist mit der Familie. Ein Stabsoffizier bekam bis zu 1500 Ostmark als Monatssold. Dazu Wohnung und Verpflegung kostenlos für die gesamte Familie. Soldaten in unteren Diensträngen dagegen wurden mit 15 DDR-Mark im Monat abgespeist. „Die Offiziere konnten ihr Geld gar nicht ganz ausgeben. Ich kannte mal einen, der wollte es luxuriös im Restaurant vom Berliner Fernsehturm einfach nur mal versaufen. Er hat es nicht geschafft“, erzählt Schulze ironisch.

Für die „Deutsch-sowjetische Freundschaft“, wie sie offiziell propagiert wurde, blieb im Alltagsleben nicht gerade viel Platz. Die „deutsche Minderheit“, so Schulze, in Jüterbog und Umgebung betrachtete die Anwesenheit „der Freunde“ mit gemischten Gefühlen. Schießlärm aus Panzer- und Kanonenrohren auf den umliegenden Übungsplätzen gehörte zur ständigen Geräuschkulisse. Noch nervender war der Fluglärm. Jüterbog lag direkt unter der Ein- und Ausflugschneise. An mindestens drei Tagen in der Woche donnerten Düsenjets, zuletzt waren es hochmoderne MiG 23, über die Stadt. Hinzu kamen schwere Kampfhubschrauber Mi24 von einem Geschwader, das von Weimar-Nohra nach Jüterbog verlegt worden war.

Barbara-Meldung

Henrik Schulze gibt als Freizeit-Militärhistoriker die Schriftenreihe Barbara-Meldung heraus. Die Nummer 27 ist nun erschienen.

Ein großer Bericht darin widmet sich der Fahndung nach einer fünfköpfigen Bande aus der damaligen Tschechoslowakei, die im Oktober 1963 nach West-Berlin flüchten wollte (die MAZ berichtete). 5000 schlecht vorbereitete Volkspolizisten waren beteiligt und es kam zu schweren Pannen, Toten und Verletzten. Das erste Opfer war der Abschnittsbevollmächtigte des Bahnhofs Uckro bei Luckau. Wahrscheinlich sechs weitere Volkspolizisten starben noch. Zwei Tschechen werden festgenommen, ein anderer verletzt, zwei kommen durch. Die peinliche Fahndungsaktion wurde in der DDR weitestgehend verschwiegen.

Erhältlich ist die Barbara-Meldung über die Stadtinformation Jüterbog, Tel.  03372/463113 sowie über Schulzes Online-Antiquariat www.jueterbook.de.

Armeeangehörige kauften das kontingentierte Warenangebot in den Geschäften weg. „Die Offiziersfrauen wussten genau, dass es jeden Donnerstag Kinderbekleidung gibt. Sie standen als erste in der Schlange“, habe Schulze nicht nur einmal beobachtet. Auch Unfälle auf den Straßen waren traurige Realität. Der Stadtchronist hat recherchiert, dass es allein im ehemaligen Kreis Luckenwalde in den Jahren 1982 bis 1989 224 Verkehrsunfälle gab, an denen Fahrzeuge der Sowjetarmee beteiligt waren. 44 Menschen wurden dabei verletzt, zehn getötet. Es handelte sich dabei aber nur um die bekannt gewordenen Ereignisse, die Dunkelziffer wird noch höher gelegen haben.

Es gab auch spektakuläre und tragische Eisenbahnunfälle. Das schwerste mit mehr als 100 Toten ereignete sich 1963 bei Trebbin. Bei einem Panzer auf einem Trans portzug hatte sich der Turm verdreht. Das Kanonenrohr schlitze Waggons eines auf dem Nachbargleis fahrenden D-Zuges auf. Das Unglück wurde strengstens geheim gehalten. Als erste waren deutsche Feuerwehrleute vor Ort, um die Toten und Verletzten zu bergen. Laut Schulze wurde der Feuerwehreinsatzleiter zum Rapport bestellt. Ein Verantwortlicher der DDR-Behörde forderte die Herausgabe des Dienstbuches und riss die Seiten über das Unglück heraus. Mit der Bemerkung und einem strikten Redeverbot für alle Beteiligten: „Da war nichts!“

Anders lief die Öffentlichkeitsarbeit beim letzten schweren Eisenbahnunglück am 19. Januar 1988 in Forst Zinna ab. Der Fahrer eines russischen Panzers T 64 hatte bei einer Übungsfahrt auf dem Gleis den Motor „abgewürgt“. Die Besatzung verließ das tonnenschwere Kriegsgerät. Ein D-Zug raste hinein. Sechs Reisende kamen ums Leben. DDR-Behörden nahmen sofort die Ermittlungen auf – zum ersten Mal, sonst oblag das immer den sowjetischen Militärbehörden. Alle Medien durften frei und ohne Restriktionen berichten. Perestroika und Glasnost, die wollten die DDR auf keinen Fall. Der Unfall wurde zu Propagandazwecken ausgeschlachtet.

Der Panzer wurde beschlagnahmt und nach Finsterwalde zur kriminaltechnischen Untersuchung durch DDR-Spezialisten gebracht, die zwei Soldaten der Besatzung gestellt und verhaftet und später an die sowjetische Armee ausgeliefert. „Die ,Freunde’ wurden regelrecht vorgeführt. Sie reagierten schockiert und fassungslos. So etwas kannten sie von ihren deutschen Genossen überhaupt nicht“, schätzt Schulze den Vorfall im Nachhinein ein. Was mit den zwei Panzerfahrern geschah ist unklar. Lapidar hieß es von sowjetischer Seite lediglich: „Sie haben ihre gerechte Strafe erhalten.“

„Ich hatte nie daran geglaubt, dass ich in meinem Leben jemals den Abzug der Sowjets aus der DDR erleben würde“, sagt der Stadtchronist im Rückblick.

Von H.-Dieter Kunze

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