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Digitalisierung im Handwerk Mit Hammer und Handy

Wer an Handwerk denkt, hat oft noch Zange, Hobel und Schraubzwinge vor Augen. In Wirklichkeit arbeitet das Handwerk heute schon vielfach digitalisiert – aber der Wandel hin zu völlig vernetzten und computerbasierten Werkstätten hat gerade erst begonnen.

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Rohrzange und Laptop – in der Sanitär- und Heizungsbauer-Branche gehört das schon lange zusammen.

Quelle: Fotolia

Dahmeland-Fläming. Die Moderne ist bei Jürgen Lindow schon vor vier Jahren eingezogen. Lindow ist Unternehmer in Schwielochsee, früher hätte man ihn einen Klempner genannt, aber die Zeit, in der einer wie er nur Rohre verlegt, sind lange vorbei. Lindow und seine drei Gesellen nennen sich heute Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik – und den Unterschied zum alten Klempnerwesen darf und soll auch gleich jeder Kunde sehen.

Jürgen Lindow hat seinen Betrieb deshalb vor vier Jahren digitalisiert. Er hat alles Papier aus den Betriebsabläufen entfernt, er hat seinen Mitarbeitern I-Pads mit einer firmeneigenen App in die Hand gedrückt, mit denen sie am Einsatzort sämtliche Prozesse abwickeln, Nachfragen klären, Rechnungen stellen. „Wenn der Kunde auf der Baustelle eine Sorge hat, dann hat der Monteur gleich alle Fotos dabei, alle Skizzen, alle Absprachen, er weiß genau, was vorher montiert wurde und kann sofort Teile nachbestellen. Das hilft, Fehler zu vermeiden“, sagt Lindow.

Das System sei relativ leicht zu installieren gewesen und habe auch vergleichsweise wenig gekostet, aber es erleichtere die Arbeit ungemein. Lindow hat die App auch schon bei einer Veranstaltung mit etwa 100 Berufskollegen vorgestellt. Es kamen allerdings keine Nachfragen, das Interesse schien gering. „Das hat mich etwas erstaunt“, sagt Lindow.

Das Handwerk ist nicht mehr das, was es vor 40 Jahren war

Einer, der sich gleich angetan von Jürgen Lindows Firmenorganisation zeigte, war Heiko Vesper. Vesper, ein etwas hibbeliger Mann mit rasiertem Kopf und wachen Augen, hat seit drei Jahren eine Position bei der Handwerkskammer Cottbus inne, die sich „Beauftragter für Innovation und Technologie“ nennt. Die Handwerkskammer hat den promovierten Wirtschaftsingenieur seinerzeit eingestellt, damit er die rund 10 000 Handwerksbetriebe des Kammerbezirks in eine digitale Zukunft überführt – oder ihnen zumindest den Weg dorthin aufzeigt.

Das mag erst einmal abwegig klingen: Wer bei Handwerk nur an Rohrzange, Hobel und Maurerkelle denkt, wird sich mit einer pixeligen Version davon schwer tun. Aber da fängt das Problem schon an, sagt Vesper. Das Handwerk ist heute nicht mehr das, was es vor 40 Jahren war. Das Bild in der Öffentlichkeit müsse sich ändern – aber auch das Handwerk selbst müsse sich weiter an die gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Mit Digitalisierung.

Vesper richtet deshalb regelmäßig Veranstaltungen und Stammtische für Handwerker aus, er besucht Chefs in ihren Firmen und redet mit ihnen über Möglichkeiten und Wege. Das Thema sei schwierig, die Hürden hoch, aber das Interesse steigt, sagt er. Inzwischen besucht er zwischen drei und fünf Firmen pro Woche. Da kommt ihm ein Unternehmen wie SHK Lindow als leuchtendes Beispiel gerade recht. „Das ist doch genau das, worum es geht“, freut sich Vesper. „Wenn der Installateur bei Nachfragen sein I-Pad rausholt und wenige Minuten später ein neues Angebot vom Chef unterbreiten kann, dann macht das einen organisierten Eindruck und gibt dem Kunden ein gutes Gefühl. Dann wird er sich beim nächsten Mal auch genau wieder für diesen Handwerker entscheiden.“ Vesper strahlt.

Es gibt drängende Herausforderungen

Kundenvertrauen ist immer wichtig, aber angesichts der aktuellen Konjunktur, die allen Unternehmen volle Auftragsbücher beschert, gibt es noch drängendere Herausforderungen im Handwerk. Nachwuchs suchen, Fachkräfte finden, Fachkräfte halten: Das sind nur die offenkundigen. Aber schon denen könne man mit Digitalisierung begegnen, sagt Vesper. Viele Unternehmer hätten nur noch nicht verstanden, dass sie nicht nur für ihre Produkte werden müssen, sondern in Zeiten des knappen Personals auch für sich selbst. „Wer dem Fachkräftemangel begegnen will, der sollte sich als Arbeitgeber darstellen, für den man gerne arbeiten will“, sagt Vesper. Das Internet biete dafür echte Chancen. Aber die meisten Internetauftritte von Handwerkerfirmen sind bisher eher spröde geratene Leistungskataloge, auf denen oft nicht einmal Menschen abgebildet sind.

Gemeinsam mit einer Reinigungsfirma aus Luckau hat Vesper deshalb in den vergangenen Monaten eine neue Internetpräsenz geschaffen, die beispielgebend sein soll. Die Seite, die Ende April auf der Leistungsschau des Handwerks in Luckau vorgestellt wird, soll nicht nur zeigen, dass es das Unternehmen überhaupt gibt. Es soll ein Image der Firma transportieren mit kleinen Geschichten zu den Mitarbeitern, mit freundlichen Fotos, mit Witz und Charme. „Wir haben den Betrieb als regionale Marke dargestellt“, sagt Vesper. Und zwar eine, die man nicht nur gerne als Kunde engagiert, sondern auch eine, für die man als Angestellter gerne arbeitet.

Digitalisierung hat mehrere Ebenen

Aber das sei nur eine Ebene des Themas Digitalisierung, sagt Vesper. Herausforderungen gebe es deutlich mehr – und leider auch branchenspezifisch, was die Sache komplizierter macht: Maurer etwa müssten lernen, mit dem BIM-System zu arbeiten, das über kurz oder lang zum Standard auf Baustellen werden wird.

Unter BIM versteht man eine digitalisierte Bauplanung, die mit virtuellen Gebäudemodellen arbeitet. Das Gebäude wird mit allen Wänden, Rohren, Dämmungen und Leitungen digital geplant und erstellt. So lassen sich Probleme leichter erkennen, Baukosten leichter einhalten, und wenn der Planer an dem Modell Änderungen vornimmt, werden diese für alle beteiligten Gewerke sofort sichtbar – natürlich nur, sofern der Handwerker mit dem System umgehen kann. „Das verändert auch das Image des Berufes. Maurer gehen mit dem I-Pad auf die Baustelle, das müssen sie dann aber auch beherrschen“, sagt Vesper.

Ähnlich sieht es beim Tischler aus, der nicht nur seine digitale CNC-Fräse programmieren muss, sondern bestenfalls auch noch die Aufträge oder die Materialbeschaffung mit dem gleichen System abwickelt. Zeitgemäß seien Internetauftritte, bei denen Kunden ihre Möbel selbst konfigurieren und bestellen können, sagt Vesper.

Schokoteile aus dem 3-D-Drucker

Elektriker dagegen stehen den Herausforderungen von Smart Homes gegenüber. Von Installateuren erwarten Kunden heute, dass ihr Traumbad via Smartphone auf das vorhandene Badezimmer projiziert wird. Zahntechniker werden wohl bald mit 3-D-Scanns von Mundräumen arbeiten, und es sei sogar vorstellbar, dass Friseure künftig Köpfe scannen und Frisuren am Rechner testen. Metallbauer, die ihren Kunden mit einer VR-Brille Zaun-Varianten vor dem eigenen Haus demonstrieren. Konditoren, die Schokoteile aus dem 3-D-Drucker verkaufen. Dachdecker, die Schäden mit Drohnen inspizieren – das alles sei für hiesige Betriebe vielleicht noch Zukunftsmusik. „Aber die Gesellschaft entwickelt sich unweigerlich in diese Richtung, und das Handwerk muss den Weg mitgehen“, sagt Vesper.

Nur: Wie soll das alles leistbar sein? In der ganzen Breite sicherlich nicht von heute auf morgen. Aber Heiko Vesper zeigt sich trotzdem optimistisch. Das Bewusstsein wachse, sagt er. Und: „Wir haben aktuell in den Betrieben eine Altersstruktur, bei der klar ist, dass bald Jüngere das Ruder übernehmen müssen.“ Das ist eine weitere Herausforderung – aber auch eine Chance. Die Hoffnung ist, dass junge und ambitionierte Chefs nachfolgen, die mit der Technologie aufgewachsen sind und digitale Stategien von Grund auf umsetzen können.

Von Oliver Fischer

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