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Neue Heimat für zwei Syrer in Zossen

Weihnachten mit Flüchtlingen Neue Heimat für zwei Syrer in Zossen

Ein ziemlich verschlungener Weg liegt hinter Youssuf und Maryam: aus Syrien geflohen, fast im Mittelmeer ertrunken, tagelang durch halb Europa gestolpert. Und jetzt wohnen die beiden im Zossener Pfarrhaus bei der Katharina Furian, Superintendentin des Kirchenkreises Zossen-Fläming, und ihrem Mann. Das ist der Stoff, aus dem Weihnachtsgeschichten gemacht sind.

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Wieder Leben im Kinderzimmer: Gilbert und Katharina Furian.

Quelle: Foto: Oliver Fischer

Zossen. Das deutsche Wort „Adventsstimmung“ ist schwer zu verstehen für jemanden, der Advent nicht kennt. Aber das Wohnzimmer von Familie Furian vermittelt an diesem Abend einen recht guten Eindruck davon.

Schon bei Tage sieht das Zossener Pfarrhaus, in dem die Furians wohnen, so aus, als hätten die Baumeister den Geist der Weihnacht mit eingemauert. Jetzt aber ist es dunkel draußen. Die Hausherren haben Kerzen angezündet, eine Lichterkette angeknipst, in knapp zwei Meter Höhe hängt ein Adventskranz, das Zimmer riecht nach Tee, den Katharina Furian, Superintendentin des Kirchenkreises Zossen-Fläming, gerade aufgesetzt hat. Heimeliger geht es kaum. Und auf dem Tisch steht eine Schale mit Obst für den Besuch. Darauf hat Youssuf bestanden, sagt Katharina Furian. Am liebsten hätte er es gesehen, wenn ein Festmahl aufgetischt worden wäre. Aber wenn das den Deutschen zu viel der Gastlichkeit ist, dann doch bitte wenigstens ein paar Mandarinen.

Als Youssuf zwei Minuten später das Zimmer betritt, will er selbst von dem Obst allerdings nichts essen, und er mag auch keinen Tee. „Danke“, sagt er, streicht unsicher über seinen Vollbart, lässt sich etwas unsicher auf einen Stuhl fallen. Auch seine Frau Maryam hat keinen Hunger. Es geht ihr nicht gut, die ganze letzte Zeit schon nicht. Sie hat schlimme Migräne und noch schlimmeres Heimweh. Aber sie ist trotzdem aus ihrem Zimmer gekommen und hat sich zu ihrem Mann gesetzt und zu den Furians. Es geht schließlich um sie alle, und sie sollen auch alle von ihrem neuen gemeinsamen Leben erzählen, in das sie sich seit drei Monaten einzufinden versuchen. Das muslimische Flüchtlingspaar und die Zossener Pfarrersfamilie – das verspricht eine perfekte Weihnachtsgeschichte.

Die handelt freilich erst einmal nur von Youssuf und Maryam. Die beiden stammen aus der syrischen Hafenstadt Latakia. Sie heißen eigentlich anders, aber ihre echten Namen sollen nicht in der Zeitung stehen, sie wollen auch keine Fotos, weil sie Angst haben, dass jemand in Syrien erfährt, wo sie sind. Schließlich wohnen viele ihrer Angehörigen noch in Latakia, und dort geht man mit Regimegegnern, Verrätern, Deserteuren und deren Familien nicht zimperlich um.

Ihre Namen haben Youssuf und Maryam selbst gewählt. Josef und Maria. Das ist etwas platt, zugegeben. Aber Youssuf hatte laut aufgelacht bei der Idee und die Hände gerieben. „Passt doch.“ Dann soll es so sein.

Youssuf ist 26 Jahre alt, sportlich, lässig, gut aussehend. Er spielt Fußball, er hilft gern und strahlt immer, sagt Gilbert Furian, den Youssuf nur „Herr Gilbert“ nennt. In seiner Heimat war Youssuf Automechaniker. Er war glücklich mit seinem Leben und Maryam, der jungen Juristin. Aber dann begannen die Proteste gegen das Assad-Regime, es wurde geschossen, es fielen Bomben. Jeder kämpfte gegen jeden. Latakia sei bis zuletzt kaum betroffen, sagt Youssuf. Es sei die Stadt des Präsidenten. Dort fallen keine Bomben, und Strom gebe es auch – mindestens zwei Stunden täglich. Aber Männer, die älter als 18 sind, werden zur Armee einberufen. Sie müssen auf die eigenen Leute schießen und kommen dabei häufig um. Youssuf wollte beides nicht, ihm blieb nur die Flucht.

Sein Ziel stand schnell fest. Er hatte einen Onkel, der schon vor drei Jahren nach Europa gegangen war und sich dort ein neues Leben aufgebaut hatte. In einem kleinen Ort irgendwo bei Berlin. Rangsdorf. Dort könnte auch seine Zukunft liegen, dachte Youssuf. Also lieh er sich Geld, setzte sich in die Türkei ab und ließ sich übers Mittelmeer schiffen. Beim ersten Versuch sank das Boot. Youssuf trieb vier Stunden im Wasser bis die griechische Küstenwache ihn herausfischte und zurückbrachte. Erst beim zweiten Versuch kam er heil in Griechenland an, wo er Maryam traf, die legal hatte ausfliegen dürfen. Es folgten harte Tage auf der Flüchtlingsroute, bis sie schließlich Mitte September beim Onkel ankamen. Dort hätten sie aber nur drei Wochen bleiben können, sagt Youssuf. Die Wohnung ist zu klein.

Während Youssuf erzählt und seine Cousine übersetzt, sitzt Katharina Furian daneben und hört zu. Sie kennt die Geschichte inzwischen recht gut, einige Details sind aber auch ihr neu. Die Verständigung sei ja nicht ganz einfach, sagt sie. Sie spricht kein Arabisch, die beiden lernen erst Deutsch. Und im Englischen ist bei ihnen allen noch Luft nach oben. Als sie sich alle vor drei Monaten in diesem Wohnzimmer das erste Mal trafen, wurde deshalb mit großen Gesten geredet. Es schwang Unsicherheit mit – auf beiden Seiten. Aber das habe sich sehr rasch, sehr gründlich gelegt, sagt die Pfarrerin.

Für Katharina Furian stand früh fest, dass sie Flüchtlingen Unterschlupf gewähren will. Als Christin habe sie eine Verantwortung, sagt sie. Außerdem seien ihre Eltern nach dem Krieg auch Flüchtlinge gewesen. Und im Pfarrhaus standen zwei Zimmer leer, die Kinder sind erwachsen. „Wir haben gesagt, dass wir zwei Leute aufnehmen würden“, erzählt Katharina Furian. Anfang schien das kompliziert zu sein, aber dann saßen plötzlich Youssuf und Maryam bei ihnen, im Gepäck kaum mehr als ein paar Klamotten und eine Kaffeekanne.

Den syrischen Eheleuten war anfangs nicht bewusst, dass sie ausgerechnet bei einer leitenden Geistlichen der evangelischen Kirche unterkommen. Auch jetzt hat es für sie keine große Bedeutung. Sie sind gemäßigte Muslime, die auch in der Heimat nur selten die Moschee besucht haben. Youssuf begleitet Katharina Furian jetzt einfach in die Kirche und hilft ihr, wo er kann. „It’s all the same“, sagt er. Es ist alles das selbe. Katharina Furian lacht.

Auch bei den Weihnachtsvorbereitungen geht Youssuf ihr zur Hand. Es sei normal für ihn, sagt er. In Syrien feiern auch die Muslime Weihnachten. Es gibt viele Christen dort, und im liberalen Latakia mische sich eben alles.

Zum Beweis zeigt Maryam Fotos von einem Weihnachtsmarkt in Damaskus. Eine riesige Tanne ist darauf zu sehen, auch ein „Papa Noel“, ein Weihnachtsmann. Ein anderes Bild zeigt Maryams Familie am heimischen Christbaum, alle strahlen. Man gehe Essen zu Weihnachten, sagt Maryam. Danach wird mit der ganzen Familie geschlemmt und gelacht bis in die Morgenstunden. Es klingt wie die Disney-Version. Etwas bunter als hier, lebhafter, dafür ohne Advent.

Was Advent ist, haben Youssuf und Maryam inzwischen von den Furians gelernt. Und auch sonst sind sie sich alle in den vergangenen drei Monaten nahe gekommen. Gilbert Furian hat beiden Deutschunterricht gegeben, er ist mit ihnen nach Eisenhüttenstadt zu Asylgesprächen gefahren. Abends sitzen sie manchmal zusammen in der Küche, Maryam macht Petersiliensalat. Sie reden über Gott und die Welt. „Herr Gilbert und Frau Furian sind unsere neue Familie, wir sind unendlich dankbar“, sagt Youssuf

Aber ganz perfekt ist die Weihnachtsgeschichte natürlich doch nicht. Deutschland und Syrien, das sind unterschiedliche Planeten. Die Menschen, die Sprache, das Brot, der Kaffee. Besonders Maryam leidet unter der Trennung von ihrer Familie, unter Langeweile. Ihr fehlen ihr Haus, ihr Bett, ihr Beruf, ihre Bücher, ihr Fernsehprogramm, das warme Wetter.

Manchmal fährt sie mit Youssuf in die Berliner Sonnenallee. Dort besorgen sie arabische Lebensmittel. Das Essen, dass sie dann abends in der Pfarrhausküche machen, ist das einzige Stück Heimat, das Deutschland ihnen bieten kann. Youssuf kocht dann in einer glänzenden Kanne eine dicke, schwarze, aromatische Pampe, in der er Unmengen Zucker auflöst. „Das ist Kaffee!“, sagt er.

Und an den Weihnachtstagen, wo sie sich noch etwas besser in deutsche Seelenlagen wie Besinnlichkeit und Melancholie einfühlen könnten, werden Youssuf und Maryam gar nicht in Zossen sein. Sie fahren nach Stuttgart, syrische Freunde besuchen, die ebenfalls geflohen sind. „Das ist schon gut so“, sagt Katharina Furian. Sie hat selbst viel zu tun Heiligabend, sie muss drei Gottesdienste abhalten. „Und danach allein mit uns, das wäre für die beiden wahrscheinlich einfach nur langweilig.“

Von Oliver Fischer

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