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„Nicht einfach nur Handwerk“

MAZ-Fachgespräch „Nicht einfach nur Handwerk“

Seit 2003 produziert die Zeuthenerin Karin Zobel-Schürmann unter ihrem eigenen Label Mode. Dabei war das Schneidern die meiste Zeit ihres Lebens für sie nur ein Hobby. Im MAZ-Fachgespräch spricht sie über die vielen Umwege auf ihrem Berufsweg, über ihre Kunden und darüber, was sie von Modeketten hält.

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Karin Zobel-Schürmann in ihrem Atelier in Zeuthen.

Quelle: Anja Meyer

Zeuthen. Karin Zobel-Schürmann (57) ist Schneiderin und führt mit ihrer Tochter Friederike (32, Modedesignerin) das Modelabel „Zobel“. Zum Fachgespräch empfängt sie im Atelier in ihrem Zeuthener Wohnhaus. Die große Werkstatt liegt im Wintergarten, der Blick durchs Fenster fällt ins Grüne. Karin Zobel-Schürmann hantiert mit Stoff.

Frau Zobel-Schürmann, was machen Sie da gerade?

Karin Zobel-Schürmann: Ich trenne die Naht einer Seidenbluse auf. Die Kundin möchte die Bluse größer haben. Das ist ziemlich zeitaufwendig, aber notwendig. Deshalb würde ich während unseres Gesprächs gerne damit weitermachen. Ich hoffe, das stört Sie nicht.

Kein Problem. Sind Änderungsaufträge Ihr Hauptgeschäft?

Zobel-Schürmann: Nein, wir sind ja keine Änderungsschneiderei. Wir führen ein Modeatelier, das heißt, wir designen und schneidern vor allem neue Kleidungsstücke. Änderungsaufträge meiner Kunden nehme ich trotzdem an, denn so haben sie länger etwas von der Kleidung. Das ist nachhaltiger. Außerdem finde ich, dass man in der Schneiderei-Branche nicht mehr so großkotzig sein kann. Man kann sich nicht jeden Auftrag aussuchen, wie in allen anderen Branchen auch.

Heißt das, Ihrer Branche geht es nicht so gut?

Zobel-Schürmann: Na ja, so pauschal würde ich das nicht sagen. Zwar gehen leider die meisten Menschen eher nach der Quantität und dem Preis, und der ist bei Klamotten von der Stange natürlich deutlich günstiger. Aber es gibt auch einen starken Trend in Richtung Qualität und Individualität. Kunden, die darauf Wert legen, schätzen das Handwerk, unsere Beratung und faire Preise. Meiner Meinung nach muss man sich in unserer Branche gut aufstellen, dann kann man auch bestehen.

Wie haben Sie sich aufgestellt?

Zobel-Schürmann: Meine Tochter Friederike ist ausgebildete Modedesignerin und entwirft die Schnitte. Anschließend fertigen wir sie in Kollektionen und verschiedenen Stoffen an. Die Sachen verkaufen wir auch online. Wir beraten Kunden im Atelier zu Farben und Stil, und wir nähen Kleidung nach Maß. Außerdem biete ich Nähkurse an, dabei können die Teilnehmer hier mit den professionellen Maschinen arbeiten.

Wie viele Nähmaschinen besitzen Sie?

Zobel-Schürmann: Im Atelier habe ich neun Industrienähmaschinen, eine Bügelpresse, eine Bügelanlage und eine Knopflochmaschine. Die Geräte sind teuer, manche kosten mehrere tausend Euro. Aber einfache Nähmaschinen wären nicht strapazierfähig genug.

Wann haben Sie sich Ihre erste Nähmaschine gekauft?

Zobel-Schürmann: Mit 13 Jahren, das Geld dafür habe ich mir in den Ferien auf einem Rübenfeld verdient. Stoffe waren schon immer meine große Leidenschaft, das habe ich wahrscheinlich im Blut. Meine Tante war Schneidermeisterin, ich war oft bei ihr, habe ihr zugeschaut und geholfen. Mit acht habe ich mir die ersten Röcke und Schlaghosen alleine genäht. Zuhause habe ich dann immer mit meiner Mutter zusammen genäht. Das sind meine schönsten Kindheitserinnerungen.

Und dann sind Sie nach der Schule in die Schneiderlehre gegangen?

Zobel-Schürmann: Nein, leider nicht. Ich wollte, aber mein Vater war nicht einverstanden. Ich weiß nicht mehr genau warum, vielleicht wollte er etwas Stabileres für meine Zukunft. Ich habe Kinderkrankenschwester gelernt. Als ich meinen ersten Mann, einen Optikermeister, kennenlernte, bin ich mit in seinen Betrieb eingestiegen. Dann habe ich auch noch eine Ausbildung zur Optikerin gemacht.

Was ist aus dem Nähen geworden?

Zobel-Schürmann: Das habe ich jahrelang nur privat verfolgt. Für mich und meine beiden Töchter habe ich alle Kleidungsstücke selbst genäht und damit auch Burda-Wettbewerbe gewonnen. Meine Kinder fanden das mit den selbst geschneiderten Klamotten damals nicht immer gut (lacht). Aber erst als ich mich 1997 von meinem Mann trennte und arbeitslos wurde, habe ich den Mut gefunden, mich mit der Schneiderei selbstständig zu machen.

Haben Sie dann direkt ein Atelier aufgebaut?

Zobel-Schürmann: Erst einmal habe ich Zusatzqualifikationen in Design erworben. Außerdem konnte ich im Gründerinnenzentrum in Königs Wusterhausen arbeiten, in einem Netzwerk aus Frauen, die alle berufliche Veränderungen suchten. Damals habe ich erste Aufträge angenommen. Das Atelier gibt es seit 2003, erst unter dem Namen Hexenstich, seit Dezember 2015 leite ich es zusammen mit meiner Tochter unter dem Namen Modeatelier Zobel UG.

Kann man von der Schneiderei leben?

Zobel-Schürmann: Es ist nicht leicht am Anfang. Ohne die Unterstützung meines zweiten Ehemanns hätte ich es nicht geschafft. Doch wenn man engagiert ist und seinem eigenen Stil folgt, kann man definitiv seinen Platz in der Branche finden.

Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?

Zobel-Schürmann: Das kommt auf die Auftragslage an, meistens so um die 60 Stunden. Ich arbeite oft am Wochenende. Im Sommer setze ich mich aber auch gerne mit einfachen Handarbeiten in den Garten.

Wer sind Ihre Kunden?

Zobel-Schürmann: Da sind einmal diejenigen, die sich ein Kleidungsstück zu Anlässen wie zur Hochzeit oder zur Jugendweihe schneidern lassen. Und dann die Stammkundschaft, die auch im Alltag Maßgeschneidertes trägt. Das sind Menschen, denen Klamotten von der Stange nicht gefallen, weil sie nie richtig passen oder weil sie nicht ihrem Stil entsprechen. Außerdem kommen Leute zu uns, die Wert auf hochwertige Kleidung legen. Viele meiner Stammkunden sind Lehrer oder Politiker. Die verdienen auch gut genug, um sich das leisten zu können.

Wie viel kostet denn ein Kleid?

Zobel-Schürmann: Das kommt auf den Schnitt und das Material an. Mein Lieblingsmodell ist ein bodenlanges Kleid, das Friederike designt hat. Das kostet je nach Version zwischen 160 und 350 Euro. Daran arbeite ich aber auch etwa zehn Stunden.

Was waren Ihre ungewöhnlichsten Arbeiten?

Zobel-Schürmann: Vor Kurzem habe ich einer Kundin eine Skihose und eine Daunenjacke für einen Grönland-Urlaub geschneidert. Die Dame hatte in den Outdoor-Geschäften nichts Passendes gefunden. Das exotischste Stück war ein pompöses Brautkleid für eine berühmte Opernsängerin.

Würden Sie sich ein Kleid bei H&M kaufen?

Zobel-Schürmann: Niemals! Kleidung von solchen Modeketten finde ich unmenschlich. Die niedrigen Preise sind nur durch Kinderarbeit, schlechte Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne möglich. Außerdem sparen solche Firmen an der Materialqualität. Jeder sollte die Möglichkeit haben, gut gekleidet zu sein – aber nicht auf Kosten anderer. Schauen Sie sich das hier zum Beispiel an (zeigt auf ein blaues Kleid mit Perlen). Da lösen sich schon Stickereien, obwohl es ungetragen ist.

Was ist das für ein Kleid?

Zobel-Schürmann: Ein Mädchen hat es sich für ihre Jugendweihe gekauft, es ist ihr aber viel zu groß. Das Kleid hat 80 Euro gekostet, ich nähe es jetzt für 50 Euro um. So etwas verstehe ich nicht. Hätte man etwas mehr investiert, würde sie bei mir ein komplett maßgeschneidertes Kleid aus hochwertigem Stoff bekommen.

Sagen Sie das den Kunden auch?

Zobel-Schürmann: Manchmal ja, schließlich geht es um Ehrlichkeit. Und vielleicht kommt das Mädchen für ihren Abi-Ball dann gleich zu uns. Letztlich müssen die Kunden aber selbst wissen, was sie tun.

Achten Sie darauf, wie Menschen auf der Straße gekleidet sind?

Zobel-Schürmann: Natürlich, das ist wohl eine Berufskrankheit. Die Deutschen tragen am liebsten Jeans und T-Shirt. In Italien sieht das anders aus. Darauf freue ich mich, wenn ich in den Urlaub fahre, ich liebe gute Kleidung.

Was motiviert Sie in Ihrem Beruf?

Zobel-Schürmann: Wenn die Kunden sich freuen, freue ich mich auch. Es ist toll, wenn jemand in unserer Kleidung gut aussieht, sich gut fühlt und man das auch sieht. Vor allem, wenn die Kunden eine schwierige Figur haben und ihnen unsere Kleidung schmeichelt.

Und was frustriert Sie?

Zobel-Schürmann: Arrogante Kunden, die den Preis drücken wollen und mir erzählen, wie wenig Arbeit in einem Kleidungsstück steckt. Einige halten die Preise der Modeketten für angemessen oder können den Aufwand nicht einschätzen, den meine Arbeit mit sich bringt. Aber die Arbeit ist anspruchsvoll. Schneidern ist nicht einfach nur Handwerk, es zählt auch die Kreativität.


Von Anja Meyer

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