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Noch immer Probleme mit alten Militärflächen

Konversionssommer Noch immer Probleme mit alten Militärflächen

Markus Hennen, 56 Jahre alt, begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten die Umwandlung früherer Militärflächen in eine zivile Nutzung. Im MAZ-Interview zieht er eine Bilanz der bisher geleisteten Arbeiten, erzählt von bedenklichen sowjetischen Maurer-Techniken und erklärt, weshalb Konversion mehr als Landschaftskosmetik ist.

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Markus Hennen vor einem alten Bunker in Wünsdorf.

Quelle: Oliver Fischer

Wünsdorf. In der kommenden Woche findet die Auftaktveranstaltung des Konversionssommers in Wünsdorf statt. Koordinator Markus Hennen zieht im Gespräch eine Bilanz eines Vierteljahrhunderts Arbeit mit alten Militärflächen.

Herr Hennen, die Russen haben nach der Wende im Osten riesige Militärflächen hinterlassen. Wie ging man in den Anfangsjahren damit um?

Markus Hennen: Ganz unterschiedlich, es war aber allen bewusst, dass das Land vor einer großen Herausforderung steht. Brandenburg war von allen neuen Ländern am stärksten betroffen. Weil in Wünsdorf das Hauptquartier der Streitkräfte saß, wurden auch andere Standorte möglichst in der Nähe eingerichtet. Fast die Hälfte der von der Sowjetarmee genutzten Militärfläche lag deshalb in Brandenburg. Zusammen mit den Erbschaften der Kaiser- und der Nazizeit ergab das eine Fläche von 235 000 Hektar, das entspricht acht Prozent der Landesfläche.

Wie ging man bei der Umnutzung dieser Flächen vor?

Hennen: Erst mal musste man sich ein Bild von den Objekten machen, es hatte ja in der Regel niemand eine Ahnung, was sich hinter den Mauern befand. Ich war damals als Projektleiter einer Firma einige Male dabei, als Objekte übernommen wurden. Viele der Kasernen waren in einem abgewirtschafteten Zustand. Da kam dann schnell die Frage auf, was man damit macht, und Brandenburg hat sich für einen besonderen Weg entschieden.

Hintergrund

Markus Hennen, 56, ist Geschäftsführer eines Jüterboger Planungsbüros, das sich seit mehr als 20 Jahren mit Möglichkeiten der Nachnutzung von Militärobjekten befasst, also mit Konversion. Außerdem ist er Mitglieder der AG Konver, die den Konversionssommer von Beginn an begleitet und organisiert hat.

Der Konversionssommer ist eine brandenburgweite Veranstaltungsreihe, die 1998 ins Leben gerufen wurde. Veranstalter ist seit 2001 das Forum für Konversion und Stadtentwicklung (Fokus), in dem sich betroffene Städte und Gemeinden engagieren.

Ziel ist es, die Öffentlichkeit zu informieren und die Politik an die Dringlichkeit des Themas zu erinnern.

Einige Termine: Am 16. Juni findet ab 10 Uhr die Auftaktveranstaltung statt. Anmeldung unter 033702/ 22 22 10

18. Juni: Dämmerungswanderung zur Dünde bei Luckenwalde auf dem früheren Truppenübungsplatz. Anmeldung unter 03372/ 4 40 73 50

20. Juni: Sonderausstellung zu sowjetischen Raketentruppen auf dem Gebiet der früheren DDR in der Garnison Niedergörsdorf.

20. Juli: Ab 10 Uhr Rundgang durch das Bücker-Gelände in Rangsdorf.

Wie sah der aus?

Hennen: Altkanzler Kohl hatte den Ländern angeboten, alle Flächen, die der Bund nicht mehr benötigt, kostenlos zu übernehmen. Darauf ließ man sich ein und übernahm 100 000 Hektar. Dann initiierte man zwei EU-Projekte, eines davon in Jüterbog, um herauszufinden, welche Aufgaben und Chancen damit verknüpft sind. Außerdem hat man eine Gesellschaft gegründet, die BBG, um die Flächen zu verwalten, zu entwickeln und zu vermarkten. Das hat sich als Glücksgriff erwiesen, weil eine Gesellschaft flexibler reagieren kann als Behörden das gekonnt hätten.

Sie sitzen mit Ihrem Büro in Jüterbog und haben sich besonders mit der Stadt beschäftigt. Beschreiben Sie doch mal, was sich dort seit dem ersten Projekt getan hat.

Hennen: Jüterbog ist einer der größten Konversionsstandorte Deutschlands, weil zwei Drittel der Stadt militärisch genutzt wurden. Das fand meistens im Außenbereich statt, was die Angelegenheit planungsrechtlich sehr schwierig gemacht hat und immer noch macht. Heute sind die meisten der zentrumsnahen Flächen nachgenutzt, konvertiert oder renaturiert, aber weiter draußen warten viele Flächen noch auf eine Lösung. Nehmen Sie nur die frühere Artillerie-Schießschule in Jüterbog II. Das sind wunderbare Klinkerbauten aus der Kaiserzeit. Aber sie sind riesig groß und stehen seit mehr als 20 Jahren leer. Damit umzugehen ist eine große Herausforderung.

Was waren die größten Hemmnisse der Konversion?

Hennen: Hinderlich war in der Anfangsphase vor allem das Raumordnungsverfahren für den Großflughafen. Jüterbog war als Standort in der Auswahl, deshalb konnten die Flächen erst einmal nicht verkauft werden. Als Jüterbog II dann später veräußert wurde, ging es zu wie beim Monopoly. Einige der Investoren haben später investiert, andere nicht. Damals fand aber auch ein unheimlich großer Umwandlungsprozess statt. Politik und Verwaltung mussten die neuen Spielregeln lernen, außerdem herrschten falsche Erwartungen vor. Nach der Wende war Wohnraum knapp, und man ging davon aus, dass man wegen des Regierungsumzugs nach Berlin noch viel mehr Wohnraum benötigen würde. Also wurden Militärobjekte umgewandelt. Zur Jahrtausendwende hatte man dann plötzlich ein Überangebot, und damit kam dann auch der Prozess ins Stocken.

Waren die Probleme überall die gleichen?

Hennen: Nein. Im Landkreis Teltow-Fläming wurden 18 Prozent der Fläche militärisch genutzt, da waren die Ausgangssituationen sehr unterschiedlich. Eines der ersten erfolgreichen Projekte war das frühere Kriegsgefangenenlager Stalag in Luckenwalde, wo der Biotechnologiepark entstanden ist. Wünsdorf ist auch weit gekommen, obschon dort noch zahlreiche große Gebäude vermarktet werden müssen. Kummersdorf-Gut und Sperenberg dagegen waren durch das Raumordnungsverfahren jahrelang blockiert, und als sie endlich zur Vermarktung freigegeben wurden, war der Run auf Konversionsflächen vorbei. Als Erfolge würde ich dagegen das Engagement der Stiftung Naturlandschaften auf dem früheren Truppenübungsplatz Heidehof nennen, und auch in Niedergörsdorf im Ortsteil Flugplatz sind alle Gebäude nachgenutzt.

Wissen Sie, wie viel Geld seit der Wende in Konversion geflossen ist?

Hennen: Nein, ich kann es nur für Jüterbog sagen. Dort waren es rund 67 Millionen Euro. Es dürfte aber noch ein Vielfaches dazukommen, denn die Aufgaben, die jetzt noch anstehen, sind schwierig. Zwar sind in Brandenburg mehr als 93 Prozent der alten Militärflächen veräußert, aber der Rest ist besonders problembelastet. Bei der BBG schätzt man, dass im Land noch 19 Millionen Euro für Abrissarbeiten investiert werden müssen. Die Beseitigung von Altlasten könnte noch einmal 23 Millionen Euro kosten. Was an Investitionen in die denkmalgeschützte Substanz auf uns zukommt, kann man dagegen noch gar nicht abschätzen. Und dann gibt es noch Flächen mit erhöhtem Handlungsbedarf, die uns ein Vielfaches der genannten Summen kosten können. Denken Sie nur an das alte Heeresproviantamt. Da haben Wehrmacht und Russen Wäsche gewaschen und jahrzehntelang Mittel verwendet, die heute als hochtoxisch eingestuft werden. Das ist ungefiltert ins Erdreich und damit in ein Trinkwasserreservoir gelaufen. Eine Entgiftungsanlage hat seit 2004 mehr als 30 Tonnen Schadstoffe aus dem Boden geholt, aber wie lange die noch laufen muss, ist völlig unklar. Konversion wird also nicht nur aus Spaß an der Arbeit gemacht, sie ist elementar.

Die Feuerwehren der Region warnen regelmäßig vor Waldbränden auf munitionsbelasteten Flächen. Wie schätzen Sie diese Situation ein?

Hennen: Brandschutzstreifen werden beräumt, aber nur nach und nach. Entmunitionierung ist eine Aufgabe, die mehrere hundert Jahre dauern wird. Die Übungsplätze bei Jüterbog wurden seit den 1860er Jahren immer weiter vergrößert und pausenlos genutzt. Dort wurden Munitionsberge gesprengt und verklappt. Der Umgang damit war unglaublich. In Forst Zinna haben wir in den Anfangszeiten sogar mal gesehen, dass Granaten als Mauersteine fungiert haben. Manche waren scharf, andere nicht.

Nimmt die Konversion jetzt noch einmal Fahrt auf, weil Geld da ist, oder wird sie langsamer, weil die guten Grundstücke alle weg sind?

Hennen: Wahrscheinlich trifft beides zu. Es bestehen jetzt neue Chancen, weil viele Leute in Immobilien investieren. Wie lange das so bleibt, wissen wir nicht. Was uns auf jeden Fall noch lange beschäftigen wird, ist die Beräumung der Übungsplätze und die Frage, wie man die vielen denkmalgeschützten Objekte sinnvoll nutzen und erhalten kann. Mir fällt da die Kaserne Jüterbog-Damm ein. Dort ist noch ein kompletter Fliegerhorst der Wehrmacht vorhanden. Das Objekt liegt am Ortsrand, die Nachfrage ist ohnehin schwach, es ist ein Trinkwassereinzugsgebiet und die gesamte Anlage steht unter Denkmalschutz. Da sehe ich momentan noch keine Lösung.


Von Oliver Fischer

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