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Nur einen winzigen Schluck

Winzer in Südbrandenburg Nur einen winzigen Schluck

Sein Wein sein unbezahlbar, sagt Peter Hundrieser. Und das liegt nicht nur daran, dass er ihn gar nicht verkaufen darf, weil er keine Rebrechte hat. Wer, wie der Mittenwalder Hundrieser, guten Wein herstellen will, hat das ganze Jahr über Stress. Und dass es keine Erfolgsgarantien gibt, wissen inzwischen auch drei Weinbauvereine in der Region.

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Peter Hundrieser an einer roten Regent-Rebe.

Quelle: Oliver Fischer

Dahmeland-Fläming. Peter Hund­rieser hat keine Ahnung, wie der 2015er Wein werden wird, er ist nur Hobby-Winzer, kein Prophet. Die August-Hitze sei seinen Trauben bekommen, sagt er. Die vielen Wespen dagegen hätten ihnen zugesetzt. Das Ergebnis werde man zu Weihnachten schmecken – frühestens. Aber sein letzter Jahrgang, der war ein guter: etwas trübe vielleicht, aber strukturiert im Geschmack, angenehme Muskatnote, magenfreundliche Säure, halbtrocken. Ein Wein, den man anbieten kann. „Ich bin selbstkritisch“, sagt Hundrieser, 67, beim dritten Schluck. „Aber ich denke schon, dass sich meiner im Vergleich zu anderen Brandenburger Weinen nicht verstecken muss.“

Freilich ist das Feld der brandenburgischen Weinproduzenten auch übersichtlich. Die Mark war einmal ein Weinland, aber das ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert vorbei. Es fanden sich Gegenden mit besseren Böden und stabilerem Klima.

Als Peter Hundrieser vor 15 Jahren begann, auf dem Hof seines Mittenwalder Hauses einige Rebstöcke zu pflanzen und in seinem Keller Saft zu vergären, war er weit und breit der einzige Freizeitwinzer. „Ich glaube auch jetzt nicht, dass es hier noch jemand so macht wie ich“, sagt er. Hundrieser steckt viel Akribie in seine Reben, er beschneidet sie, misst im Spätsommer fast täglich den Zuckergehalt, er erntet, presst Saft, füllt alles in Tanks, wirft Pumpen an, kontrolliert, korrigiert, und das über Monate. Am Ende hat er rund 100 Flaschen für den Eigenbedarf. „Für das bisschen Wein ziemlich aufwendig“, sagt er. Und teuer.

Trotzdem hat der Weinanbau zuletzt Aufwind bekommen. In der Dahmeland-Fläming-Region gibt es neben Hundrieser inzwischen drei weitere Produzenten, alles Vereine, die sogar Rechte für gewerblichen Anbau erworben haben. Wobei der Verein, der den Standort in Zesch am See (Zossen) neu belebt, noch nichts eigenes ausschenken konnte. „Wir haben erst 2013 gepflanzt, die diesjährige Ernte wird unsere erste“, sagt der Vorsitzende Hagen Ludwig.

Herbert Krenz, Chef des Weinbauvereins Bestensee, ist da schon weiter. Er hat sogar schriftlich, was den Bestenseer Rotling ausmacht. Ein Experte hat den ersten Jahrgang verkostet, das Urteil fiel fast euphorisch aus: Im Bouquet ein Anflug reifer Ananas, am Gaumen ein guter Körper, geprägt von Himbeer- und Erdbeeraromen, steht im Zeugnis. Im Abgang habe der Rotling eine gute Länge mit Nuancen von Banane, alles in allem passe er gut zu Fisch. „Ich würde das so nicht beschreiben können“, sagt Krenz. „Aber der Wein schmeckt.“ Bislang lieferte der Kelterer, der die Bestenseer Trauben verarbeitet, leider nur wenig davon. Die ersten Ernten waren mager, es blieben kaum genug Flaschen für die Mitglieder und die Reb-Paten. „So ein Weinberg muss sich entwickeln“, sagt Krenz.

Die Bestenseer hatten den Verein aus einer Bierlaune heraus gegründet. 2011 pflanzten sie 3200 Rebstöcke, bauten eine Bewässerungsanlage und stellen bald fest, dass das Arbeitsaufkommen gewaltig ist. Im Frühjahr müssen die Reben, die sich über rund vier Kilometer aneinander reihen, heruntergeschnitten und festgebunden werden. Im Sommer wird gelichtet, im September folgt die Ernte. Die war bisher unproblematisch, weil es kaum etwas zu ernten gab. In diesem Jahr aber hängt alles voll. Rote Pinotin-Trauben, weiße Johanniter. Krenz rechnet mit 2000 Litern Wein. „Die Ernte wird eine Mammutaufgabe“, sagt er.

Zumal die Mitglieder nur in ihrer Freizeit auf den Berg gehen, und davon haben die einen mehr, die anderen weniger. Krenz, der als Rentner eher mehr hat, verbringt fast jeden Tag zwischen den Reben. Und das soll auch noch ein paar Jahre so bleiben „Wir wollen keine Angestellten“, sagt er.

Ragna Haseloff dagegen, im etwas südlicher gelegenen Baruth, hätte gerne einen. Das geht derzeit aber nicht, weil der Vertrieb noch nicht recht funktioniert und deshalb das Geld fehlt. Dabei hätten die Baruther sogar etwas zu verkaufen. 3200 Flaschen „Baruther Goldstaub“ brachte die letzte Lese. Und trotz der Trockenheit rechnet Ragna Haseloff auch für dieses Jahr wieder mit einem ähnlichen Ertrag. Aber sie räumt ein, dass das ganze Projekt komplizierter ist als gedacht. „Wir wollten einen Weinberg anlegen und Wein produzieren. Die Frage des Vertriebs hatte sich niemand gestellt“, sagt sie.

Der Verein I-Ku sei auch eigentlich ein Kulturverein und kein Winzerverein. Die Idee entstand im Zuge einer Ausstellung, die Mitglieder wollten eine Weinbautradition wieder auferstehen lassen, die es in Baruth über Jahrhunderte gab. Gleichsam sollte ein Treffpunkt für den Ort geschaffen werden. „Wir haben später die Anbaufläche sogar noch erweitert, damit der Anbau wirtschaftlich wird und wir jemanden anstellen können“, sagt Ragna Haseloff. Heute bewirtschaftet der Verein einen ganzen Hektar – aber leider immer noch nicht wirtschaftlich. Und weil es auch an technischen Geräten fehlt, steht die Landschaftsarchitektin seit Wochen selbst jeden Morgen um sechs im Berg, schneidet mit der Hand Trauben frei und blinzelt in den Sonnenaufgang.

Am Wein, der im vorigen Jahr dabei rauskam – ein trockener, aromatischer Cuvée mit leichter Säure – ist dabei wenig auszusetzen. „Weintrinker mögen ihn“, sagt Ragna Haseloff. Nur die Sache mit dem Verkauf müsse jetzt angegangen werden. Und die Sache mit dem Angestellten.

Aber auf der anderen Seite mache der Wein Spaß. Der Weinberg ist im Ort etabliert, es gibt dort jetzt eine Veranstaltungsscheune, das jährliche Weinfest bereitet Besuchern und Vereinsmitgliedern Freude. Selbst die alten Baruther, die die Idee mit dem Weinberg anfangs seltsam fanden, mögen ihn heute. „Er ist unser Kulturprojekt“, sagt Ragna Haseloff – und schmunzelt. Denn ganz ehrlich: „Einen unwirtschaftlichen Weinberg kann man auch nur als Kulturprojekt sehen.“

Von Oliver Fischer

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