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„Oft ist meine Arbeit wie Meditation“

MAZ-Serie „Das Fachgespräch“ „Oft ist meine Arbeit wie Meditation“

Ein neuer Teil der MAZ-Serie „Das Fachgespräch“: Diesmal mit der freiberuflich tätigen Gemälderestauratorin Anja Lindner-Michael aus Königs Wusterhausen. Im Interview spricht sie über das Gefühl des ersten Pinselstrichs, kuriose Kunden und ihre nicht immer einfache Branche.

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Anja Lindner-Michael restauriert gerade einen Holzrahmen.

Quelle: Melanie Höhn

Königs Wusterhausen. Die freiberufliche Gemälderestauratorin Anja Lindner-Michael aus Königs Wusterhausen empfängt hochschwanger zum Gespräch in ihren Atelierräumen. Die 28-Jährige ist seit 2013 freiberuflich tätig.

Frau Lindner-Michael, wie wird man Gemälderestauratorin?

Anja Lindner-Michael : Irgendwie liegt die Kunst in der Familie. Meine Mutter ist Architektin, meine Oma hat einen Doktor in Ästhetik. Ich bin nicht der kreativste Mensch und dachte mir, da muss es doch noch etwas anderes geben. In der Schule schrieb ich gute Noten in den Naturwissenschaften, später machte ich ein Praktikum bei einem Potsdamer Restaurator und entdeckte die Vielfältigkeit des Berufs.

Als Restaurator muss man gut in Naturwissenschaften sein?

Lindner-Michael : Ja, unter anderem. Wenn man restauriert, ist eine ganze Menge an Wissen nötig. Das Objekt sollte man genau kennen und man muss analysieren können, wie genau die Schäden entstanden sind. Welche Materialien wurden genutzt und können wiederverwendet werden? Vor jeder Restaurierung muss ich das Gemälde untersuchen und wissenschaftlich einordnen. Auch über die historischen Aspekte muss ich Bescheid wissen.

Also zählt für Sie weniger der künstlerische Aspekt und mehr die Wissenschaft?

Lindner-Michael : Der wissenschaftliche Aspekt steht auf jeden Fall im Vordergrund. Bei Schimmelbefall eines Bildes oder wenn der Holzrahmen durch Insekten zerstört wurde, ziehe ich zum Beispiel Mikrobiologen hinzu. Für Pigment- und Faseranalysen hole ich Chemiker ins Boot. Natürlich gehört ein künstlerischer Ansatz dazu, aber man muss zurückstecken können, wenn es für das Objekt das Beste ist.

Welche Art von Gemälden restaurieren Sie?

Lindner-Michael : Erst kürzlich hatte ich ein Bild vom Markusplatz in Venedig aus dem Jahr 1930 auf dem Tisch. Daran habe ich neben anderen Projekten ein halbes Jahr lang gearbeitet. Das Bild hing in einem Wintergarten und erlitt einen Hagelschaden. Dabei entstanden Risse und Löcher und die Farbschicht war abgeplatzt. Mein Steckenpferd sind Malereien auf textilen Bildträgern, die sehr häufig Verwendung fanden. Dabei kommt zum Beispiel die Einzelfadenverklebung zur Anwendung. Ich versuche dann, die einzelnen Fadenenden zusammenzuzwirbeln, um die Gewebestruktur wiederherzustellen. Dafür habe ich mir extra ein Mikroskop zugelegt.

Und wie gehen Sie bei einer Restaurierung des Bildes vor?

Lindner-Michael : Es gilt der Grundsatz: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Ich muss ein Konzept erstellen und mir darüber klar werden, was das Ziel meiner Arbeit sein soll. Konservierung, also die Erhaltung des Objekts beispielsweise durch die Festigung der gelockerten Farbschichten, steht immer vor der Restaurierung.

Welche Werkzeuge benutzen Sie bei Ihrer Arbeit?

Lindner-Michael : Den Heizspachtel brauche ich sehr oft, wenn ich Bildschichtschollen festigen und niederlegen will, die sich zum Beispiel durch Feuchtigkeit aufgestellt haben. Der Spachtel funktioniert ähnlich wie ein Lötkolben und ich kann ihn präzise auf niedrige Temperaturen einstellen. Farbschichten bearbeite ich mit einem Spitzpinsel. Um die Schichten wieder an das Bild zu kleben, nutze ich speziellen Fischleim aus der Schwimmblase des Störs: Er vergilbt nicht und zersetzt sich nicht so schnell.

Haben Sie manchmal Angst, ein Gemälde zu zerstören?

Lindner-Michael : Die Versicherungssummen blendet man bei der Arbeit aus. In meinem Atelier hatte ich schon einmal fünf wertvolle Museumsobjekte, da konnte ich in den ersten Nächten nicht gut schlafen, aus Angst, dass jemand einbrechen könnte. Ich habe aber eine Atelierversicherung, damit sind die Räumlichkeiten, elektrischen Geräte und Objekte vor Diebstahl, Brand und Wasserschäden abgesichert.

Auch dagegen, wenn etwas bei der Arbeit schiefgeht?

Lindner-Michael : Ja, auch bei Arbeitsunfällen und Schäden am Objekt habe ich eine Profi-Haftpflichtversicherung. Zum Glück ist mir aber noch nichts passiert. Ein Alptraum für mich wäre ein Rohrbruch oder wenn die Heizspachtel ins Bild fallen würde.

Wie ist das Gefühl, einen Pinselstrich auf ein historisches Gemälde zu setzen?

Lindner-Michael : Ich habe jedes Mal Ehrfurcht und Respekt davor. Im Studium habe ich ein überlebensgroßes Fürstenporträt von Herzog Heinrich dem Frommen aus dem Jahr 1616 bearbeitet. Dabei entdeckte ich während meiner Arbeit eine Signatur des Künstlers, vorher war diese unter einer dicken Staubschicht versteckt. Ich konnte das Bild zwei Tage vor meiner Verteidigung eindeutig Christoph Lindemann zuordnen. Das war ein tolles Erlebnis für mich.

Das hört sich sehr spannend an. Hat man oft solche spektakulären Momente?

Lindner-Michael : Ab und zu schon. Der beste Moment ist aber eigentlich, wenn man nach längerer Arbeit ein Ergebnis sieht. Oft ist meine Arbeit wie Meditation. Wenn endlich alle Risse geschlossen, die Kittung und die Retusche durchgeführt sind und ich ein schönes Bild vor mir sehe, bin ich glücklich. Aber erst dann, wenn der Auftraggeber mir das Bild abgenommen hat und zufrieden ist, fällt mir wirklich ein Stein vom Herzen.

Gibt es auch frustrierende Momente?

Lindner-Michael : Nicht unbedingt frustrierende, aber bürokratische. Leider machen Angebote und Rechnungen schreiben sowie Akquise 50 Prozent meiner Arbeit aus. Alles was ich mache, muss ich dokumentieren.

Wie kommen Sie an Ihre Aufträge?

Lindner-Michael : Viel durch Hörensagen. Einige Museen und Institutionen kennen mich inzwischen, auch durch meine Praktika. Entweder werde ich angerufen oder es gibt Vergabe-Homepages, wie bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Dort werden Großaufträge vergeben. Oft muss ich ein Konzept vorlegen. Für Freiberufler ist es überlebenswichtig, dass man gut kalkulieren kann.

Denken Sie oft an die Konkurrenz?

Lindner-Michael : Ich versuche diesen Gedanken so gut es geht wegzuschieben, aber Neid kann passieren. Seit 2013 bin ich dabei und ich muss sagen, das erste Jahr war nicht leicht. Es ist sehr schwer, in die Freiberuflichkeit einzusteigen. Kollegen sind sehr oft Konkurrenten und mein Berufsstand ist relativ gut in Brandenburg und Berlin vertreten. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass Kollegen in erster Linie Kollegen sind. Durch meine vielen Praktika hatte ich außerdem schon ein paar Kontakte, das war hilfreich. Am Anfang arbeitete ich zusammen mit einer Freundin an einem Projekt und hangelte mich von da an von Auftrag zu Auftrag.

Kommen auch manchmal Privatleute zu Ihnen?

Lindner-Michael : Ja, sie machen etwa die Hälfte meiner Aufträge aus. Oft wollen sie Erbstücke für ihre Enkel erhalten, meistens haben die Objekte einen ideellen Wert für sie.

Gehen die Leute denn pfleglich mit ihrer Kunst um?

Lindner-Michael : Die meisten schon, doch ich habe so einige kuriose Fälle gehabt. Manche Kunden fegen ihre Gemälde regelmäßig mit dem Handfeger ab, da denke ich mir manchmal: Das habe ich jetzt nicht gehört. Ein Kunde erzählte mir einmal, dass er das Bild mit Spülmittel und einer Bürste gereinigt hat. Das ist aber die Ausnahme. Meistens ist die falsche Lagerung der Hauptgrund, warum Gemälde restauriert werden müssen. Die optimale Temperatur für textile Bildträger beträgt etwa 18 Grad und 50 bis 55 Prozent Luftfeuchtigkeit. Je wärmer es ist, desto schneller altert das Objekt. Wichtig ist, dass das Klima immer gleich bleibt.

Wenn Sie privat unterwegs sind, sehen Sie manchmal etwas, das eine Restaurierung vertragen könnte?

Lindner-Michael : Ja, das passiert häufig in Kirchen und Ausstellungen. Da erwische ich mich schon manchmal mit dem Gedanken, dass das Objekt mal wieder gereinigt oder gefestigt werden könnte. Ich weiß in solchen Momenten aber auch, dass ich die Kunst einfach genießen sollte. Als ich in der National Gallery in London war, sah ich einen Monet. Den zu restaurieren, das wäre mein Traum. Er war aber in sehr gutem Zustand.


Interview: Melanie Höhn

Von Melanie Höhn

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