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Teltow-Fläming Ortschronisten: Gegen das Vergessen
Lokales Teltow-Fläming Ortschronisten: Gegen das Vergessen
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00:19 03.11.2018
Ortschronistin Gisela Bölke (76) mit ihren Aufzeichnungen zu neuesten Entwicklungen in Jänickendorf. Quelle: Hannah Rüdiger
Jänickendorf

Gisela Bölke lässt sich von nichts abhalten. 42 Jahre lang radelte die ehemalige Lehrerin durch Wind, Schnee und Regen zur Schule. Heute, im Alter von 76 Jahren, marschiert sie mit ihren Walking-Stöcken jeden Morgen mindestens zehn Kilometer durch den Wald. „Da kann ich meine Gedanken ordnen“, sagt Bölke. Denn zu ordnen gibt es jede Menge: Als Ortschronistin von Jänickendorf trägt die Rentnerin unzählige Dokumente, Fotos und Zeitzeugenberichte zusammen, um die Geschichte ihrer Heimat festzuhalten.

Bölke ist stellvertretende Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) Nuthe-Urstromtal und leitet die AG Ortschronisten. Seit 1984 kümmert sie sich darum, dass die Vergangenheit von Jänickendorf, ein Ortsteil der Gemeinde Nuthe-Urstromtal, erhalten bleibt. In ihrer eigenen Schulzeit habe sie sich nicht besonders für Geschichte interessiert. „Aber wenn ich einen Auftrag bekomme, muss ich den auch gründlich machen“, sagt sie.

Jedes Detail ist wichtig

In unzähligen Gesprächen mit Zeitzeugen rekonstruiert sie fast vergessene Traditionen und Bräuche. Nach drei Jahren Arbeit hat sie im Jahre 2013 eine umfangreiche Ortschronik fertiggestellt, die die Geschichte von Jänickendorf von 1285 bis 1945 chronologisch zusammenfasst. Seit 2015 arbeitet Bölke an einem zweiten Teil. „Diese Chronik ist eigentlich der wichtigste Inhalt meines Schaffens“, sagt Bölke.

Die Ortschronistin arbeitet viel am Computer, eine Reihe ihrer Texte finden sich auch online. Eine Kurzfassung der aktuellen Entwicklungen im heutigen Jänickendorf trägt sie außerdem handschriftlich in eine große, in Leder gebundene Chronik ein, die mehrere Kilogramm auf die Waage bringt.

Die wichtigsten aktuellen Geschehnisse hält Bölke handschriftlich fest. Quelle: Hannah Rüdiger

Das ist viel Arbeit, die nicht immer leicht sei. „Es ist einfach wichtig, dass über die Orte etwas erhalten bleibt“, sagt Bölke. Sie wolle den nachfolgenden Generationen in Wort und Bild zeigen können, wie es in ihrer Heimat einmal aussah. Anfangs sei ihr davon abgeraten worden, mit Senioren über ihre Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Die Ortschronistin hat es trotzdem getan. „Ich habe gemerkt: Die meisten waren froh, dass sie ihre Geschichte erzählen konnten“, erzählt sie.

Ehrenamtlich für die Heimatgeschichte

In Brandenburg gibt es rund 900 Ortschronisten und Heimatvereine. Mehr als 200 sind es allein in den Landkreisen Dahme-Spreewald und Teltow-Fläming. Zum 14. Tag der brandenburgischen Orts- und Landesgeschichte zum Thema „Kriegsende und Umbruch in Brandenburg 1945/46“ kamen viele von ihnen am 21. Oktober in Potsdam zusammen. Das Kulturministerium unterstützte die Veranstaltung mit 7500 Euro. Auch Bölke war da.

Ortschronisten wie sie arbeiten ehrenamtlich und sind auf die Mithilfe ihrer Gemeinden und Sponsoren angewiesen. „Heimat- und Geschichtsvereine werden in Teltow-Fläming ziemlich alleine gelassen“, sagt Volker Punzel von der Geschichtsmanufaktur Potsdam, die die Tagung für Ortsgeschichte ausgerichtet hat. Meist gebe es zu wenig Unterstützung für die Ehrenamtlichen, findet Punzel.

Eine Scheune voller Tradition

Auch der HGV finanziert sich hauptsächlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Es ist dem persönlichen Einsatz von Gisela Bölke und ihrem Ehemann Manfred zu verdanken, dass dem Verein heute eine Museumsscheune in Jänickendorf gehört. Die Bölkes sammelten Spenden und setzten sich für den Kauf eines hundert Jahre alten Speichers unweit ihres Wohnhauses ein. In aufwändiger Eigenarbeit restaurierten sie die Scheune und richteten sie als Museum ein, das sie 2005 eröffneten und seitdem betreuen.

Manfred Bölke in der Museumsscheune Jänickendorf. Quelle: Hannah Rüdiger

Besuchern soll die Museumsscheune das ländliche Leben der vergangenen 200 Jahre näherbringen. Zu besichtigen sind neben Gebrauchsgegenständen wie Butterformen aus Holz oder Vorgängern der Waschmaschine auch traditionelle Kleidung oder Spielzeug.

In einer Reihe von Heften hat Bölke zusammengetragen, wozu Dinge wie das Klemmkucheneisen gut sind oder wie ein Reisigbindegerät funktionierte. Außerdem gibt es Themenhefte zu Aberglauben, Begräbnissen oder Tanzveranstaltungen im 19. Jahrhundert. „Es ist wichtig, dass die alten Sitten und Bräuche erhalten werden“, sagt Bölke.

Aus der Geschichte lernen

Mit ihrer Arbeit möchte sie allerdings nicht nur die Geschichte bewahren, sondern auch die Menschen an ihre eigene Herkunft erinnern – und ihnen Parallelen zur heutigen Zeit aufzeigen. „Es belastet mich, dass es so wenig Verständnis für Flüchtlinge gibt“, sagt Bölke. Dabei gebe es in fast allen Familien der Region eine eigene Fluchtgeschichte. Damals sei es selbstverständlich gewesen, ein Dutzend Flüchtlinge im eigenen Haus aufzunehmen. „Entweder haben sie das vergessen, oder es wurde nicht richtig übermittelt“, sagt die Ortschronistin.

Auch deswegen liege es ihr am Herzen, die Geschichte von Jänickendorf zu dokumentieren. „Ich möchte die Menschen wachrütteln“, sagt sie. Einstige Vertriebene und ihre Nachkommen dürften nicht vergessen, wie schwer es ist, alles zurückzulassen; die eigene Heimat, Hab und Gut, Freunde und Familie. Vielleicht helfe ihnen ihre Geschichte dabei, Flüchtlinge aus der Fremde besser zu verstehen. An Gisela Bölke soll es bestimmt nicht scheitern.

Von Hannah Rüdiger

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