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MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Papiere, Papiere, Papiere

Ein Brief versetzt die Familie in helle Aufregung. Dabei ist es ist nicht der Inhalt, der sie beunruhigt. Sie werden nervös, weil sie ihn gar nicht erst verstehen. Mit rudimentären Deutschkenntnissen sind Schreiben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge kaum zu entschlüsseln. Und das ist nicht das einzige Problem, dass die Familie mit Dokumenten hat.

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Rabiha und Mohammed Yassin.

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde. Am Mittwoch brachte die Post einen Brief für die Yassins. Er kam vom BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, und er war an Mohammed Yassin adressiert. „Die Stimmung war sofort gedrückt“, erzählt Rabiha. Offizielle Briefe haben bisher selten etwas Gutes bedeutet.

In der Vergangenheit hatten Mohammed und Rabiha sogar manchmal ihren Anwalt kontaktiert, bevor sie Schreiben annahmen. Sicherheitshalber. Diesmal öffnete Rabiha den Brief sofort. Er enthielt zwei Seiten voller Behördendeutsch. Die Yassins verstanden: nichts. Nur das Wort Dublin.

Nervöser Vormittag

Dublin steht für das Abschiebe-Verfahren, das immer noch über den Yassins schwebt. „Wir dachten, wir werden jetzt endgültig abgeschoben“, erzählt Rabiha. Den ganzen Vormittag verbrachte sie nervös damit, den Brief abzutippen und in ein Übersetzungsprogramm einfließen zu lassen. Das half aber nicht viel. „Google ist nicht geeignet für solche Briefe“, sagt sie.

Also fotografierte sie das Schreiben ab und schickte es einer deutschen Freundin. Die brachte etwas Licht ins Dunkel: Es ging nicht ums Abschiebe-Verfahren. Das BAMF teilte Mohammed lediglich mit, dass man ihm wegen der schlechten Bleibeperspektive keinen Integrationskurs bewilligen werde.

Aber auch das ließ die Familie ratlos zurück. Bei der Arbeitsagentur vor wenigen Tagen hatte das alles noch anders geklungen. Man hatte ihnen einen Kurs vermittelt. Am Montag soll es losgehen, alles schien klar. Und jetzt? Wieder Stagnation? Wieder kein Deutschkurs?

Deutsche Bürokratie

Rabiha und Mohammed drehten, wendeten und analysierten das Schreiben wie Archäologen eine unbekannte Schrifttafel. Es verging eine weitere Stunde, bis sie den Sinn endgültig entschlüsselt hatten. Der Brief bezog sich auf eine Anfrage Mohammeds vor mehr als zwei Monaten. Ende Mai hatte er bei einer Berliner Schule nach einem Deutschkurs nachgefragt. Jetzt antwortete die Behörde. „Den Kurs, der in der kommenden Woche beginnt, bezahlt aber die Arbeitsagentur für uns, nicht das BAMF“, sagt Mohammed. Das heißt: Die Nerven lagen im Hause Yassin völlig umsonst einen halben Tag lang blank. Der Brief ist für sie völlig irrelevant. Er hat für sie nur die Allgegenwärtigkeit der deutschen Bürokratie bestätigt.

Ohne Behörden, Briefe, Formulare und Dokumente geht in Deutschland offenbar nichts. Leider gilt das auch für die Arbeitssuche, wie den Yassins jetzt immer klarer wird. Arbeitgeber in Deutschland verlangen Zeugnisse und Nachweise. Nur: Welcher Syrer hat die schon? Mohammed ist rund 20 Jahre zur See gefahren. Die Nachweise darüber liegen aber auf dem Grund des Mittelmeeres. Ein einziges Dokument hat er in den vergangenen Wochen wiederbesorgen können, besser gesagt: ein Foto davon.

Dokument aus Nordkorea

Es ist ein grünes Dokument, auf dem Passbild ist Mohammed zu erkennen, Kopf und Stempel verweisen auf Nordkorea. Ein ägyptisches Büro habe es ihm geschickt. „Ein Glücksfall, dass sie das noch gefunden haben“, sagt Mohammed. Andere Nachweise werde er aber nicht mehr bekommen. Die syrischen Büros der Firmen, für die er unterwegs war, sind mittlerweile alle geschlossen.

Auch Rabiha hat kaum Belege für ihren bisherigen Lebensweg. Es gibt eine zerknitterte Kopie ihres Jura-Abschlusses, das ist alles. Ein Abiturzeugnis könnte sich noch in ihrem Haus in Latakia befinden, in dem sie seit vier Jahren nicht mehr wohnen. „Ich werde meine Mutter bitten, danach zu suchen“, sagt sie. Denn falls sie noch einmal studieren will, wäre ein Abitur hilfreich.

Alternativ könnten sie die Zeugnisse auch bei offiziellen Stellen in Syrien anfordern. Dafür braucht es aber drei Dinge: Angehörige, die sie abholen, Bestechungsgeld und willige Beamte. Die Angehörigen sind nicht das Problem. Geld aber habe in Syrien wegen des Krieges kaum noch jemand. Die größte Schwierigkeit sei aber, dass die Geflüchteten als Staatsfeinde angesehen werden. Wer in ihrem Namen nach Dokumenten fragt, bringt sich selbst in Gefahr. Mohammeds Schwester wollte im vorigen Jahr Geburtsurkunden für die Yassin-Kinder ausstellen lassen. Sie landete für zwei Tage im Gefängnis. „Ich weiß nicht, ob wir so etwas noch einmal von jemandem verlangen können“, sagt Rabiha. Wahrscheinlich müssen das nordkoreanische Papier und die Knitter-Kopie erst einmal reichen.

Von Oliver Fischer

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