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Premiere hinter Gittern

Neubeeren Premiere hinter Gittern

Im Gefängnishof der JVA Großbeeren sind Besucher begeistert: Am Mittwochabend spielen 14 Inhaftierte unter Regie von Peter Atanassow „Die lächerliche Finsternis“. In dem Stück des Theaterprojekts Aufbruch geht es um eine irrationale Reise zweier Bundeswehrsoldaten, um westliche Gier, Globalisierung und Flüchtlingsnot. Fünf Vorstellungen folgen noch.

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Die Karten spielenden „Kiez-Miezen“ aus Kleinmachnow sind nach der Premieren-Vorstellung begeistert von ihrem Kulturausflug ins Gefängnistheater.

Quelle: Jutta Abromeit

Großbeeren. „Jetzt lebt die Aufführung richtig, jetzt funktionieren die Scharniere, die vielleicht noch geknirscht haben.“ Das sagt Dramaturg Hans-Dieter Schütt nach dem Premierenabend des Theaterstücks „Die lächerliche Finsternis“, gespielt hinter den transparenten Mauern im Hof der Berliner JVA Heidering in Großbeeren. Es ist das jüngste vollendete Projekt des Berliner Gefängnistheaters „Aufbruch“.

120 Besucher der ausverkauften Erstvorstellung sind begeistert. Sie stehen nach den letzten Szenen auf und klatschen – für die Akteure ist anerkannt zu werden ein bisher nicht oder kaum gekanntes Gefühl. Sie sind Gefangene in der Berliner Haftanstalt auf Brandenburger Boden und verbüßen bis zu fünf Jahre lange Freiheitsstrafen. Unter Regisseur Peter Atanassow probten die 14 Männer wochenlang, um den Text von Wolfram Lotz über die irreale Reise zweier Bundeswehrsoldaten umzusetzen – mit Afghanistan und Jugoslawienkrieg, Terror und Ausbeutung. Es geht um Gier, Beutefahrten und Flüchtlingsnot, die Zeitspanne reicht von Homers „Ilias“ bis in die Gegenwart. Für die meisten Darsteller war es ein allererster Kontakt zu Literatur und Theater.

„Warum geht sowas bei uns in Bandenburg nicht?“

Die beiden Rangsdorfer Sabine Wenzel und Eckhard Galley sind beeindruckt. Wenzel, selbst Justizangestellte, sagt: „Irre. Ganz toll, was hier läuft. Auch für die Resozialisation der Männer.“ Die müssten sich mit Texten und Liedern aufeinander einlassen, gemeinsam etwas zuwege bringen, sagt sie. Und fragt: „Warum geht sowas bei uns in Bandenburg nicht?“

Die gemeinsame Leistung beeindruckt auch JVA-Leiterin Anke Stein: „Ganz großartig, sowohl von Aufbruch als auch von den Darstellern.“ Letztere seien konzentriert und diszipliniert zu den Proben gekommen. „Auch Kritik einzustecken und sich zu verbessern, um sich so darstellen zu können, wie heute hier und vor Publikum – toll!“ Anke Stein erklärt, anders als die meisten annehmen sei Selbstbewusstsein etwas, an dem sehr viele Insassen krankten.

Die nächsten Aufführungen unbedingt empfehlen wollen auch sechs Frauen aus Kleinmachnow und Potsdam. Sie nennen sich „Kiez-Miezen“ und spielen jeden Mittwoch gemeinsam Rommé. Melanie Kunze erzählt: „Ein- oder zweimal im Jahr gehen wir von unserem Kartengeld aus, Musical, Revue oder sowas.“ Dieses Mal hätten sie sich fürs Gefängnistheater entschieden, weil es ja „gleich um die Ecke“ sei. Die sechs kulturinteressierten Damen erlebten beim anschließenden Künstlergespräch, dass einer der Darsteller immer noch vor Aufregung zitterte. Und sie erfuhren dort, dass einige der Männer ohne diese Theaterarbeit nicht so schnell Deutsch gelernt hätten. Lob für die Darsteller kommt auch von Regisseur Atanassow: „Ein toller Abend. Die Männer haben für ihre Figuren gekämpft und die Haltung selbst bei Fehlern bewahrt.“ Das Spannende für ihn an dieser Arbeit mit Menschen hinter Gittern, denen geschliffene Worte oft völlig fremd sind: „Man muss immer wieder neu anfangen, auch die Figuren immer wieder auf die Nicht-Schauspieler zuschneiden“, so Atanassow. Das habe was vom Ursprung des Theaters.

Weitere Projekte mit Ex-Häftlingen, Freigängern und Schauspielern

Im Begleitheft zu dieser Freiluftaufführung findet sich neben Gedanken der Darsteller auch ein Zitat von Joseph Conrad aus dem Jahre 1899: „Jeder Mensch hat seinen Zerreißpunkt. Die meisten von uns kennen ihn nicht. Aber die Wildnis kennt ihn. Und wenn sie dir auf die Schliche kommt, dann flüstert sie dir Gelüste, Begierden, Dämonen zu - Dinge, von denen du bisher keine Vorstellung hattest. Dieses Flüstern ruft ein Echo hervor, einen Schrei, der dein Leben erschüttert und alles hinweg fegt, was hohl ist.“

Regisseur und Dramaturg arbeiten unter dem Dach von Aufbruch bereits an Neuem: Im Herbst soll mit Ex-Inhaftierten, Freigängern und Schauspielern Thomas Braschs Drama „Rotter“ inszeniert werden. Für 2018 zum 20.Geburtstag des Gefängnistheaters ist eine Parsifal-Inszenierung in Kooperation mit der Berliner Philharmonie geplant.

Von Jutta Abromeit

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