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Teltow-Fläming Abriss eines Sommerhauses – hier lebte mal Anna Seghers
Lokales Teltow-Fläming Abriss eines Sommerhauses – hier lebte mal Anna Seghers
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00:21 03.08.2018
Das Sommerhaus von Anna Seghers ist mit vielen Details erhalten. Der neue Eigentümer will es abreißen. Zu sehen ist der „Salon“ mit den Korbsesseln. Quelle: Andrea Müller
Prieros

Im Wilhelmkorso 30 verbrachte einst Anna Seghers die warme Jahreszeit. Das Grundstück liegt am Tiefen See. Ein schmaler Pfad mit Treppe führt vom Sommerhaus hinunter ans Ufer. Es gibt keine Blumen- oder Gemüsebeete, stattdessen Waldameisen, Eichhörnchen, Vögel, Eichen, Erlen und Kiefern. Nun nutzt das Projekt c/o Radvanyi um die Künstlerin Andrea Theis dieses Areal, um zum einen an diesem authentischen Ort der Kunst und Literatur Lesungen zu organisieren. Zum anderen soll die Erinnerung an Anna Seghers wach gehalten werden, die vor allem für Bücher wie „Das siebte Kreuz“ oder „Transit“, das gerade verfilmt wurde, bekannt ist.

Projekt c/o Radvanyi muss weiterziehen

Damit ist nun Schluss. Das Kunst-Projekt c/o Radvanyi muss weiter ziehen. Nach einem zermürbenden Rechtsstreit der Familie Radvanyi als Nachkommen und Erben von Anna Seghers mit dem Käufer des Grundstücks, wird der idyllische Flecken Erde im Herbst geräumt werden müssen. „Jetzt kommt die Zeit des Abschieds, doch wollen wir uns nicht der Trauer hingeben, sondern die Zeit nutzen, um der Ohnmacht mit Kunst zu begegnen“, sagt Andrea Theis. Damit hat sie schon 2015 begonnen. In diesem Sommer setzt sie das Projekt mit Gästen wie den Schriftstellern Jenny Erpenbeck und Ingo Schulze fort. An jedem ersten Sonntag im Monat –am 5. August von 15 bis 18 Uhr ist es also wieder soweit – treffen sich Seghers-Freunde, um sich gegenseitig Seghers-Texte vorzulesen.

Diese Tafel ist am Eingang des Grundstücks am Wilhelmkorso 30 in Prieros zu lesen. Sie verweist auf die nahe Zukunft des Seghers-Sommerhauses. Quelle: Andrea Müller

Bittere Nachrichten

Die Botschaft wird wohl auch der neue Besitzer hören, der nur zwei Hausnummern weiter zu Hause ist und das Seghers-Gelände gar nicht selbst nutzen möchte. Nach der MAZ schriftlich vorliegenden Informationen will es der neue Eigentümer zunächst für drei Jahre verpachten und später weiter verkaufen. Für Seghers Enkelin Anne Radvanyi und Andrea Theis sind das bittere Nachrichten. Bis zuletzt hatten sie gehofft, dass sie bleiben können und der zuletzt in der Angelegenheit bemühte Bundesgerichtshof ihnen Recht geben würde. Vergeblich.

Der im Original erhaltene Schlüssel zum Sommerhaus im Wilhelmkorso 30 in Prieros von Anna Seghers. Quelle: Andrea Müller

Die Geschichte von Anfang an

Wir schauen zurück in die junge DDR. Der Eigentümer des Grundstücks im Wilhelmkorso 30 — Dieter Kränzle – lebt im Westen, wohnt bei Bremen. Das Areal wird darum von einen Spielautomatenbetreiber genutzt, der jedoch mit einem Segelboot über die Ostsee flieht. Wie in der DDR üblich, wird das Grundstück nun an andere übergeben. Anna Seghers bekommt es, die inzwischen Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbandes ist.

Sie lässt das winzige Sommerhaus mit Terrasse – ohne Grund und Boden zu besitzen – ausbauen. Ein Anbau entsteht mit Küche, Bad und vier kleinen Zimmern. Eins nutzt sie bis zu ihrem Tod 1983 zum Arbeiten. Das Anwesen wird nun von Tochter Ruth Radvanyi, später von Enkelin Anne Radvanyi übernommen. Mit der Wende 1989/1990 steht plötzlich Alteigentümer Dieter Kränzle in der Tür. Die Prieroser Bürgermeisterin Ghislana Poppelbaum erkennt frühzeitig die komplizierte Lage und will vermitteln. Ein Brief von ihr aus dem Jahr 1992 in dieser Sache liegt der MAZ vor.

Unruhige Wendezeiten

Zunächst sieht alles nach einer gütlichen Einigung zwischen Ruth Radvanyi und Dieter Kränzle aus. Doch die Seghers-Tochter kann sich in den unruhigen Wendezeiten nicht zum Kauf entschließen. Es wird eine Pacht für das Grundstück vereinbart. Später verkauft Kränzle ein Grundstück, das zwei Hausnummern entfernt liegt. Der neue Eigentümer erzählt seither, er möchte auch die beiden Grundstücke daneben kaufen – also auch das Seghers-Areal.

Radvanyis bezahlen weiter die Pacht, obwohl Ruth Radvanyi 2010 gestorben war. Damals hätte Kränzle kündigen können, verpasste aber die Frist. 2015 wird dann der Kündigungsschutz für Erholungsgrundstücke laut des Schuldrechtsanpassungsgesetzes aufgehoben. Im Sommer schließen Kränzle und der Kaufinteressent einen Kaufvertrag ab, denn durch das Gesetz kann den Nutzern gekündigt werden. Am 29. Oktober 2015 bekommt Anne Radvanyi einen Brief vom Notar mit der Mitteilung, sie habe das Vorkaufsrecht. Das will sie in Anspruch nehmen. Doch kurz darauf erhält sie ein zweites Schreiben vom selben Notar, er habe sich geirrt.

Kehrtwende des Gerichts

Nun kommt die Sache vor Gericht, denn der Radvanyi-Anwalt legt eine sogenannte Notarbeschwerde ein. Das Landgericht in Verden (Niedersachsen) entscheidet am 23. Mai 2016, dass Anne Radvanyi das Vorkaufsrecht zustehe. Dagegen legt die Gegenseite Beschwerde ein. Das Gericht tagt daraufhin ein weiteres Mal im August, ohne den Radvanyi-Anwalt noch einmal zu hören und macht eine Wende von 180 Grad. Anne Radvanyi wird das Vorkaufsrecht aberkannt. Sie strebt eine Gerichtsrüge an, sagt, das Gericht in Verden hätte die Beschwerde nicht zulassen dürfen. Zudem wehrt sie sich so gegen das sogenannte Überraschungsurteil.

Das Landgericht Verden gibt daraufhin die Angelegenheit zur Klärung an den Bundesgerichtshof. Doch der beschäftigt sich nicht inhaltlich mit der Sache, sondern lehnt Ende 2017 aus formalen Gründen ab: Die Rechtsbeschwerde sei nicht zulässig. Zugleich bestätigt er den Fehler des Landgerichts, tut ihn aber als nicht relevant ab, anstatt den Fall nach Verden zur Entscheidung zurückzuverweisen. Inzwischen ist der Nachbar tatsächlich der Eigentümer auch des Seghers-Radvanyi-Grundstücks. Nun ist alles nur noch eine Frage der Zeit. Es gibt eine Räumungsklage, aber der Zeitpunkt, wann das Grundstück geräumt sein muss, ist strittig. Zudem schwele der Streit weiter um die Entschädigung für das Sommerhaus von Anne Radvanyi, die der neue Eigentümer laut Schuldrechtsanpassungsgesetz zu zahlen hat, so Andrea Theis.

Unten am Bootshaus – ein schmaler Pfad führt vom Sommerhaus hinunter an den Tiefen See. Quelle: Andrea Müller

Ort, an dem Weltliteratur entstand

Ungeachtet dessen arbeitet die Künstlerin – sie hat in Belfast und Weimar studiert – an ihrem c/o Radvanyi-Projekt weiter. Und die Leute kommen zu den Lesungen. Waren es bei Jenny Erpenbeck 85 Besucher, so kamen zur Lesung mit Ingo Schulze 120 Gäste. Das Seghers-Grundstück weckt Begehrlichkeiten. Eben nicht nur als Bauland, sondern weil dort Kunst geschaffen wurde, Weltliteratur. Das zieht Menschen an. Zum endgültigen Abschied am 23. September wird Isabel Neuenfeldt kommen. Unter dem Titel „Sich fügen heißt lügen“, bringt sie um 15 Uhr vertonte Gedichte von Erich Mühsam zu Gehör.

Hier könnte Anna Seghers gesessen und geschrieben haben. Möglicherweise entstand hier „Das Argonautenschiff“. Quelle: Andrea Müller

Von Andrea Müller

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