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Radio im Knast: Häftlinge gehen auf Sendung

Gefängnisfreizeit Radio im Knast: Häftlinge gehen auf Sendung

In der Justizvollzugsanstalt Heidering in Großbeeren gibt es Radio von Gefangenen für Gefangene. Zweimal pro Woche stellen die Teilnehmer des Projekts „Radio Prison Beat“ ein Programm mit Musik und Informationen für die Insassen zusammen. Doch das ist manchmal gar nicht so leicht.

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Zweimal pro Woche nehmen Gefangene Sendungen im Studio von „Radio Prison Beat“ auf.

Quelle: Nadine Pensold

Großbeeren. Sobald das rote Lämpchen leuchtet heißt es still sein. Nun hat nur noch einer das Wort: Marcel K.*. Der junge Mann rückt die Kopfhörer zurecht, zieht an einem Regler und legt los. „Hallo Leute! Weihnachten steht vor der Tür“, spricht er mit seiner tiefen Stimme ins Mikrofon. Er kündigt fröhlich, aber schnörkellos Adventslieder im Techno-Remix an. „Viel Spaß damit und frohe Weihnachten!“ Damit ist die Moderation im Kasten.

Marcel K. hat Erfahrung in Sachen Radio. Schon als Dreijähriger interessierte er sich dafür. „Mein Vater hat mir alles beigebracht“, sagt er, während sein Zeigefinger hektisch am Rädchen der Computermaus dreht, um Musik zusammenzustellen. Flink wechselt er zwischen Programmen, Tonspuren flimmern über den Monitor. „Ich habe auch draußen schon Radio gemacht“, sagt er dann.

Radio über den Fernseher hören

Draußen. Damit meint er die Zeit vor dem Knast. Seit mehr als einem Jahr ist der Anfang 20-Jährige in Haft, sitzt seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt Heidering (JVA) in Großbeeren ab. Dem monotonen Alltag im Gefängnis kann er zwei mal pro Woche entfliehen, dank des Gefängnisradios. „Radio Prison Beat“ heißt das Projekt, bei dem Gefangene eine eigene Radiosendung produzieren. Hören kann man sie nur innerhalb der JVA, empfangbar ist sie über den Fernseher in den Zellen.

Das Studio ist mit einer Sprecherkabine und Radiotechnik ausgestattet

Das Studio ist mit einer Sprecherkabine und Radiotechnik ausgestattet.

Quelle: Pensold

Mit Hilfe von zwei Projektbetreuern – einem Radiofachmann und einer Journalistin – können die Gefangenen eine Sendung in einem eigenen Studio produzieren. Auf den ersten Blick mag man bei dem Raum gar nicht an ein Gefängnis denken. Drei Schreibtische, viel technisches Equipment und eine Sprecherkabine befinden sich dort. Nur der Blick aus dem vergitterten Fenster erinnert daran, dass dies kein gewöhnliches Radiostudio ist.

An diesem Montag ist auch David L. dabei. Seit zwei Monaten ist er Teil des Teams. Er arbeitet an einer Hip-Hop-Sendung. Er weiß, dass er damit den Geschmack der Hörer trifft. „Der Großteil der Leute hier ist noch jung“, erläutert er. Musik ist ein großes Thema in der JVA. Zwar können Gefangene einige Radiosender der Region empfangen, selten finden sie da aber ihre Lieblingsmusik. Auch CDs sind selten, vielen Gefangenen fehlt dafür das Geld.

Wünsch dir was

Bei „Radio Prison Beat“ können sich die Häftlinge kostenlos Lieder wünschen, wenn sie wollen sogar gleich mit Sendetermin. „Man hat hier viel Zeit zum Nachdenken, da ist es ganz angenehm für viele, wenn sie Musik anmachen können“, erklärt David L., „viele schreiben beim Hören Briefe.“

Auch wenn Musik die Hauptrolle im Programm spielt, werden die Gefangenen so auch mit wichtigen Informationen zum Haftalltag versorgt. Das Leben nach der Haft, Gewalt und die Freizeitmöglichkeiten im Knast sind in den Radiobeiträgen ebenfalls beliebte Themen bei den Zuhörern.

Seit rund drei Jahren gibt es den Gefängnissender. In dieser Zeit haben die externen Betreuer und ihre Schützlinge schon einige Formate ausprobiert. Da gab es beispielsweise eine Themensendung zu Bob Marley, gerappte Moderationen und eine Talkshow zwischen Häftlingen und Experten „von draußen“.

Barrieren beim Radiomachen

Radiomachen im Gefängnis ist dabei nicht einfach. Live-Sendungen sind verboten, Recherche ohne Internetzugang schwierig. Für die Verbindung nach draußen gibt es externe Mitarbeiter und die Kooperation mit der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft. Studenten unterstützen die Gefangenen bei Recherchen, Musikzusammenstellung und Interviews. Marcel K. weiß das zu schätzen. „Freizeit verschönert uns den Alltag. Der besteht sonst nur aus früh arbeiten, nachmittags ein bisschen rumhängen und abends zurück in die Kiste. Hier kann ich mit dem Computer arbeiten und machen, was ich denke.“ Das Radioprojekt ist damit mehr als ein Zeitvertreib für die Männer. Es ist ein Stück Freiheit in einer Welt, die nur aus Zwängen besteht.

*Namen von der Redaktion geändert.

Das Radio-Projekt „Prison Beat“

Bereits beim Bau der Justizvollzugsanstalt Großbeeren wurden die baulichen Voraussetzungen für einen internen Radiosender geschaffen.

Auf Sendung ist das Programm von „Radio Prison Beat“ seit Februar 2014. Die erste Sendung war eine ganztägige Livesendung zu einem Fußballturnier zwischen Gefangenen und Amateurfußballern.

Die Sendungen werden zweimal pro Woche in einem eigenen Studio produziert. Hauptsendezeit ist nach Zelleneinschluss. Sechs Gefangene können an dem Freizeitprojekt teilnehmen.

 

Von Nadine Pensold

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