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Ramadan im Flüchtlingsheim

MAZ-Serie „In der neuen Heimat“ Ramadan im Flüchtlingsheim

Am 6. Juni hat für Muslime der Fastenmonat Ramadan begonnen. Eine Zeit, die von Verzicht bestimmt ist, um sich aufs Wesentliche zu besinnen. Für Familie Yassin ist es bereits das fünfte Mal, dass sie fernab der syrischen Heimat fasten – vor allem emotional eine anstrengende Sache. Abends treffen sie sich mit anderen Familien zum Fastenbrechen.

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Familie Yassin trifft sich mit ihren Freunden zum Iftar.

Quelle: Anja Meyer

Ludwigsfelde. Eine beige Plastiktischdecke mit aufgedruckten, roten Blumen bildet den festlichen Mittelpunkt auf dem Boden der kleinen Wohnung unter der von Familie Yassin. Es ist die Wohnung einer befreundeten, sechsköpfigen, syrischen Familie im Ludwigsfelder Asylbewerberheim, in der die Yassins heute zum abendlichen Fastenbrechen im Ramadan eingeladen sind. Seit dem 6. Juni fasten Mohamed und Rabiha Yassin – so wie es zurzeit fast alle Muslime auf der Welt tun. Von der Morgenröte bis zum Sonnenuntergang sind Essen, Trinken und Zigaretten streng verboten. Nur für die drei Kinder machen sie eine Ausnahme. Hala und Rabi bekommen Frühstück und nach der Schule Nudeln oder eine andere Kleinigkeit. Die kleine Meis isst sowieso immer dann, wenn sie Hunger hat.

Pünktlich zum Sonnenuntergang um 21.30 Uhr kommt das große Iftar auf den Tisch – beziehungsweise auf den Boden, weil es so mehr Platz für alle gibt. Iftar heißt das Mahl zum abendlichen Fastenbrechen auf Arabisch. Rabiha Yassin hat es seit Stunden vorbereitet: Köfte mit Kartoffeln, Hackfleischpizza, Salat und Reis. Ihre Freundin Safaa hat Suppe, Hummus und Nudeln gemacht. Dazu gibt es Aprikosensaft und Tee. Die beiden Frauen durften während des Kochens nicht einmal abschmecken. Umso größer die Vorfreude auf das Essen. Nachdem sich alle einen guten Appetit gewünscht haben, ist es auch erst einmal eine Weile ungewöhnlich ruhig. Erst nachdem der größte Hunger gestillt ist, kommt die Unterhaltung unter den Freunden wieder ins Rollen. Jeder probiert von allem etwas.

Gegenseitige Einladungen sind Tradition

Im Ramadan ist es Tradition, sich gegenseitig zum Iftar einzuladen. Denn für Gläubige ist die tägliche Askese vor allem eines: Eine Zeit der Besinnung und der Nächstenliebe. Eine Zeit, in der sie ihrem Gott noch näher kommen. Früher, in der Heimat, war es üblich, zum Ramadan Geld für Bedürftige zu spenden. Hier ist das für die Yassins natürlich gerade nicht möglich. Umso wichtiger ist es für sie, ihre Nächstenliebe anders zu zeigen und Freunde aus der neuen Heimat einzuladen. Jeder ist im Wechsel mal Gastgeber. An diesem Abend sind Firas und Sadam, zwei befreundete, junge Männer zu Gast. Sie sind ebenfalls als Flüchtlinge in die Region gekommen und leben jetzt in eigenen Wohnungen in Ludwigsfelde.

„Dieses Ramadan ist das fünfte, das ich nicht mit meiner Familie verbringe“, erzählt Rabiha Yassin. Sie sieht traurig aus, als sie das sagt. „Es ist etwas ganz anderes, hier in Deutschland zu fasten.“ Da ist zum einen die Zeit. Weil die Sonne in Deutschland früher auf- und später untergeht, müssen Muslime in hierzulande 17 statt neun Stunden fasten. Ab 2.30 Uhr sind Essen und Trinken wieder verboten. Aber das sei gar nicht mal so schlimm, sagt Rabiha Yassin. „Immerhin ist es nicht so heiß wie in Syrien.“ Da falle es ihr leichter, nichts zu trinken. Viel schwerer sei das Fasten emotional. In Syrien gab es kaum jemand, der es nicht tat. Das ganze öffentliche Leben war darauf ausgerichtet. Hier zelebrieren sie eine für die meisten Deutschen fremde Tradition. Und viel wichtiger: „Ich vermisse meine Familie jetzt noch viel mehr als sowieso schon“, sagt Rabiha Yassin. In Syrien hat sie das Iftar immer mit ihren Eltern, Onkel, Tanten, Geschwistern und Cousinen verbracht.

Ramadan bedeutet täglich 17 Stunden Verzicht

An diesem Abend im Flüchtlingsheim verfliegt das Mahl zum Fastenbrechen schnell. Vor allem die Kinder sind müde von der Schule und vom Sport, direkt nach dem Essen fallen ihnen schon fast die Augen zu. Auch Rabiha und Mohamed Yassin sind müde. Nachdem sie die Kinder ins Bett gebracht haben, wollen sie noch ein paar Datteln essen und viel Wasser trinken. Das stärkt sie für den nächsten Fastentag – denn auch der gebietet wieder 17 Stunden Verzicht. Erst am 5. Juli endet der Ramadan mit einem dreitägigen Fest. Die kleine Hala freut sich jetzt schon darauf, dann endlich ihr neues Kleid tragen zu dürfen.

Info: Die Yassins sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und leben jetzt in einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsfelde. Die MAZ begleitet sie und berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland. Alle Folgen: www.maz-online.de/Brandenburg/Eine-syrische-Familie-hofft-auf-einen-Neustart

Von Anja Meyer

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