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Rangsdorferin erinnert sich an Schiffsunglück

An Bord der Costa Concordia Rangsdorferin erinnert sich an Schiffsunglück

Als im Januar 2012 die Costa Concordia mit einem Felsen kollidierte, war auch die Rangsdorferin Hanna Naumann an Bord. Sie arbeitete auf dem Schiff als Masseurin. Die Erlebnisse von damals lassen die 27-Jährige noch immer nicht los. Aber der dramatische Unfall hatte für sie auch eine gute Seite.

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Rangsdorf. Es war eines der größten Schiffsunglücke der letzten Jahrzehnte. Als im Januar 2012, bezeichnenderweise einem Freitag dem 13., die Costa Concordia vor der italienischen Mittelmeerinsel Giglio mit einem Felsen kollidierte und kenterte, wurde der Öffentlichkeit wieder bewusst, wie verletzlich modernste Technik und wie fehlerhaft menschliches Handeln sein kann. 32 Menschen ließen ihr Leben, darunter zwölf aus Deutschland. Als das Schiffswrack im September diesen Jahres endlich geborgen werden konnte und die Bilder davon um die Welt gingen, kehrte bei vielen Überlebenden die Erinnerung an die Unglücksnacht zurück.

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Kurz nach dem Unglück liegt das Schiff vor Giglio.

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Eine davon ist Hanna Naumann aus Klein Kienitz, einem Ortsteil von Rangsdorf. Sie war auf dem Schiff als Masseurin tätig und hat alles hautnah miterlebt. „Ich hatte meine zweite Ausbildung als Physiotherapeutin beendet und wollte danach einfach mal raus und was anderes machen“, erzählt sie. Eine Freundin machte ihr die Idee schmackhaft, auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten. Bei einem englisch-amerikanischen Unternehmen klappte es schließlich und nach einer mehrwöchigen Ausbildung in England heuerte Hanna Naumann im Oktober auf der Costa Concordia an.

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Der Prozess um die Havarie des Kreuzfahrtriesen wird nun fortgesetzt.

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Der Tagesablauf auf dem Kreuzfahrtschiff, zum Zeitpunkt der Indienststellung 2006 das größte Italiens, war abwechslungsreich, aber auch anstrengend. „Wir hatten eine Sieben-Tage-Woche mit sehr wenig Freizeit, wir waren praktisch rund um die Uhr für die Passagiere da“, berichtet Hanna Naumann vom Bordalltag. Besonders turbulent sei es zum Jahreswechsel zugegangen und es dauerte einige Tage, ehe sich das Leben auf dem Schiff wieder normalisierte. So war am Abend des 13. Januar Zeit, für die Crew des Wellnessbereichs ein Sicherheitstraining durchzuführen. Das wurde von einem Sicherheits-Offizier und einem Sicherheits-Trainer des Schiffes durchgeführt.

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Wie auf einer Intensivstation liegt der Patient «Costa Concordia» umgeben von Plattformen und Schiffen vor der Küste. Mehrere Kräne, ein Hubschrauberlandeplatz und jede Menge technische Geräte sind für die Arbeiten aufgebaut worden.

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Rückblickend betrachtet warfen die kommenden Ereignisse bereits ihre Schatten voraus. Die 27-Jährige erinnert sich: „Die beiden Offiziere meinten eindringlich, wir sollten uns mit den Rettungswegen vertraut machen, wir wollen ja nicht so enden wie die Titanic.“ Zudem hätten sich beide Männer anders verhalten als sonst – verschlossen und bedrückt waren sie.

Kurz nach dem Training begann dann die Katastrophe. Das Schiff stoppte plötzlich abrupt und begann sich schlagartig zu neigen. Der Strom fiel aus und es dauerte einige Minuten, bis das Notstromaggregat ansprang. „Natürlich waren an Bord schon erste Zeichen von Panik zu merken, aber zwischendurch stabilisierte sich die Concordia wieder, so dass wir sogar Zeit hatten, Scherze zu machen“, erzählt die gebürtige Dahlewitzerin. Zu diesem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht, dass das Schiff bereits manöv rierunfähig war und starken Wassereinbruch zu verzeichnen hatte.

Hanna Naumann und ihre Crew-Kameraden waren gerade mit allen anderen Passagieren auf dem Weg zu den Rettungsbooten, als die Concordia aufgrund der Wind- und Strömungsbedingungen Richtung Land eindrehte, sich dann aber wieder schlagartig zu neigen begann. „Ab diesem Moment brach wirklich Panik aus, es war ein einziges Geschrei“, sagt Naumann. Nur dünn bekleidet, dafür aber glücklicherweise mit festem Schuhwerk, musste sie sich ihren Weg von Deck zwölf zu Deck vier bahnen.

Jedes Crew-Mitglied hat in Notfallsituationen an vorher festgelegten Rettungsbooten bestimmte Aufgaben zu verrichten. „Als ich bei meinem ankam, war dieses aber schon voll besetzt, so dass ich dann selber schauen konnte, wie ich von Bord gelange“, berichtet die Klein Kienitzerin. Mittlerweile war bereits das Signal „Abandon Ship“ erklungen, dass zum Verlassen des Schiffes auffordert.

Bis dahin blieb Hanna Naumann nach ihrer Schilderung ziemlich gefasst, auch weil in unmittelbarer Nähe das Festland zu sehen war. Die Angst wurde erst schlimmer, als die Rettungsinseln für die Crewmitglieder nicht funktionierten – warum, weiß sie bis heute nicht. Der Gedanke, ins Wasser zu springen und zum Land zu schwimmen, nahm immer konkretere Formen an. Während die Schiffsoffiziere, darunter der Sicherheits-Trainer, unter großem Einsatz die Rettung der Menschen organisierten, fand sich für Hanna Naumann doch noch ein Platz auf einem zurückgekehrten Rettungsboot.

„Als ich dann gegen halb eins nachts festen Boden unter den Füßen hatte, war nur noch Leere in mir“, sagt die Masseurin. „An Land schien das pure Chaos zu herrschen, überall verstörte Gesichter. Auch bei mir kam dann der Zusammenbruch.“ Retten konnte die junge Frau nur ihr Leben, die Sachen, die sie anhatte – und zehn Euro, die sich zufällig in ihrer Hosentasche befanden. Nach einer dreitägigen Odyssee durch Italien und Deutschland fiel sie schließlich in Berlin in die Arme ihrer Eltern.

Die Eingewöhnung nach dem Schock war zunächst leicht, „ich habe viel geschlafen, teilweise bis zu zwölf Stunden am Stück.“ Erst nach und nach begannen die Alpträume. Und auch die Stille zu Hause sei sehr bedrückend gewesen, sagt Hanna Naumann. Erst als sie knapp einen Monat später bei Stern-TV zu Gast war und dort über die Erlebnisse berichten konnte, besserte sich ihr Gemütszustand. Doch noch lässt sie das Unglück nicht vollständig los.

Zwei Passagiere galten lange Zeit als vermisst, erst bei der Bergung der Concordia wurden sterbliche Überreste gefunden. Es soll sich dabei um die Knochen des indischen Schiffskellners handeln. An dieser Stelle des Gesprächs wird die Stimme der jungen Frau zum ersten Mal brüchig. „Ich habe ihn persönlich gekannt, da wir beide zur gleichen Zeit einschifften. Am Unglücksabend sah ich ihn noch inmitten des Trubels bei den Rettungsbooten.“

Mittlerweile hat sich Hanna Naumann wieder in der Normalität zurechtgefunden. Sogar die Lust auf eine Kreuzfahrt hat sie nicht verloren. Und das Schicksal hat noch eine glückliche Fügung für Hanna Naumann bereitgehalten: Normalerweise wäre sie bis zum Sommer auf der Concordia geblieben. Hätte das Unglück aber nicht diese Pläne durchkreuzt, hätte sie wahrscheinlich nie ihren Freund kennengelernt.

Von André Kasubke

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