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Renaissance-Ruine wird zu Nobelwohnanlage

Verfallenes Rittergut in Kleinbeeren Renaissance-Ruine wird zu Nobelwohnanlage

In Kleinbeeren (Teltow-Fläming) erwachen Reste der Rittergut-Ruine zu neuem Leben. Stararchitekt Hubertus Eilers lässt den alten Herrensitz derer von Beeren im Auftrag einer Investorengruppe zur Nobelwohnanlage umbauen. Damit ist einer der wenigen Renaissance-Bauten Brandenburgs gerettet. Eilers nennt den Bau „eine Gratwanderung zwischen Wunsch und Wirklichkeit“.

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So sah die Kleinbeerener Denkmalschutz-Baustelle hinter dem markanten Bären-Tor im Frühjahr aus. Den Metalltieren steht eine Restaurierung noch bevor.

Quelle: Jutta Abromeit

Kleinbeeren. Berlin vor der Nase, dennoch im Grünen, den Flughafen nebenan, jedoch im Lärmschatten  – so werden Bewohner des wieder errichteten Rittergutes Kleinbeeren ab nächstem Jahr leben. Am „Übergang von der Metropole in die Provinz“, wie es in historischen Schriften heißt, liegt das jüngste Projekt von Stararchitekt Hubertus Eilers: In der Dorfmitte, hinter dem markanten Bärentor, lässt eine Investorengruppe das verfallene Gut Kleinbeeren wieder aufbauen.

Dachstühle gab es gar nicht mehr, sie wurden komplett neu aufgebaut

Dachstühle gab es gar nicht mehr, sie wurden komplett neu aufgebaut.

Quelle: Jutta Abromeit

Wo noch im Frühjahr 2015 Sträucher aus den Mauern wuchsen und Gebüsch die Ruine aus dem 16. Jahrhundert überwucherte, entsteht eine offene Wohnanlage. Im früheren Herrenhaus wird es neun Wohnungen geben, jede zwischen 50 und 130 Quadratmetern groß. Wie bei so vielen Bauten lief auch in Kleinbeeren nicht alles wie gewünscht, Hubertus Eilers und die Bauleute wollten schon ein Stück weiter sein. Doch eine Rittergut-Ruine mit Kellergewölben, die Herrensitz derer von Beeren und Erziehungsanstalt war, als Flüchtlingsheim und Verwaltung eines volkseigenen Gutes diente, die Jahrhunderte und Kriege erlebte, hat ihre Tücken. Bauphysikalisch sind das ungewöhnliche Herausforderungen. Das teils mehrere hundert Jahre alte Gemäuer hat Mauern, die messen am Fuß 1,10 Meter Dicke und verjüngen sich nach oben. An der Westfront zum Beispiel wölbte sich die Ziegel- und Feldsteinwand bis einen halben Meter nach außen. Jede Generation hatte an diesem Gemäuer herumgewerkelt und auch mal Fensteröffnungen in tragende Wände gehauen. Da bestand akute Einsturzgefahr.

Eines der wenigen Renaissance-Gebäude in Brandenburg

Rita Mohr de Pérez ist Leiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde Teltow-Fläming. Ihr hatte es ebenso wie den Fachleuten der Oberen Denkmalschutzbehörde leid getan um dieses ehemalige Gutsgelände, eines der wenigen Renaissance-Gebäude in Brandenburg. Sie erzählt, dass Archäologen im Vorfeld der Bauarbeiten dort im Innern den Fundamentrest eines Vorgängerbaus und Scherben aus dem späten Mittelalter gefunden hatten. Außen war eine Abfallgrube entdeckt worden, in der Fachleute Keramikreste fanden, die sie auf die Zeit 13. und 14. Jahrhundert datieren. Mohr de Pérez sagt: „Dass die Besiedelungsgeschichte dort so weit zurückreicht, war keine Überraschung. Denn bei Straßenarbeiten war schon vorher ein mittelalterlicher Feldsteinkeller entdeckt worden.“ Der stammt aus derselben Zeit wie die mittelalterliche Feldsteinkirche nebenan.

1866 bis 1945 war das Gut „Erziehungsanstalt für verwahrloste Mädchen“

1866 bis 1945 war das Gut „Erziehungsanstalt für verwahrloste Mädchen“.

Quelle: Privat

Am heutigen Dienstag stehen Architekt, Denkmalschutz-Chefin und der Großbeerener Bürgermeister Carl Ahlgrimm (parteilos) zum nächsten Vor-Ort-Termin auf der Baustelle. Ahlgrimm ist noch immer glücklich, dass der Schandfleck im Dorf doch noch verschwindet: „Dass dieses dem Verfall preisgegebene Denkmal wieder zu neuem Leben erwacht...“, sagt er. „Die Investoren sind wirklich Retter in der Not.“ Die Gemeinde hätte sonst tatenlos zuschauen müssen, wie das historische Gemäuer in den kommenden Jahrzehnten verfallen wäre. „Wir hätten nie das Geld, dieses Denkmal wieder herzustellen“, erklärt er. Und Ahlgrimm sagt, dass die Dorfmitte mit diesem Ensemble nicht nur eine deutliche Aufwertung erfahre, sondern ihr Gesicht wiederbekomme. „Es geisterten ja schon solche skurrilen Ideen durch unsere Köpfe wie ein Ruinen-Café, nur um diese Brache irgendwie ein wenig zu beleben“, erzählt der Bürgermeister.

So sieht der wieder entstehende Renaissance-Bau derzeit aus

So sieht der wieder entstehende Renaissance-Bau derzeit aus.

Quelle: Jutta Abromeit

Historischer Putz aus drei Epochen bleibt sichtbar

Die Investoren hoffen, bei der Vollendung des Baus keine Überraschungen zu erleben. Ihr Sprecher sagt: „Dann könnten wir zum Jahreswechsel die Schlüssel an die künftigen Bewohner übergeben.“ Und die erfahren vielleicht erst, wenn sie dort eingezogen sind, dass das Gut Kleinbeeren auch mit dem märkischen Schriftsteller Theodor Fontane verknüpft ist und neben der baugeschichtlichen auch eine literaturgeschichtliche Bedeutung hat: In einem seiner Wander-Kapitel erinnert Fontane an den letzten derer von Beeren, an den eigenwilligen, streit- und boshaften Hans Heinrich Arnold, der sich „Geist von Kleinbeeren“ nannte. Und der Ort findet sich in Fontanes Werk „Meine Kinderjahre“ – eine seiner Großmütter war eine geborene Mumme. Besuche bei „Onkel Mumme“, seinem Großonkel und damaligen Rittergutsbesitzer, gehören zu Fontanes Kindheitserinnerungen.

Hintergrund

Vermutlich mit der Eroberung der Mark Brandenburg durch deutsche Adelige kam auch die spätere Patronatsfamilie von Berne (von Beeren) in das Gebiet zwischen Oder und Elbe. 1271 wird Grossen Bern (Großbeeren) erstmals erwähnt, 1285 Kleinen Bern (Kleinbeeren).

Markgraf Ludwig belehnt 1344 den bischöflich-brandenburgischen Voigt Mattias von Berne zu Teltow und dessen Bruder, den Knappen Otto von Berne, nach dem Ableben des Vaters Erhard von Berne mit den Dörfern „groz et klejn Berne“ und allem Zubehör (Kirchenpatronat, Ober- und Niedergericht, Jagd- und Krugrecht, Pfennig- und Fruchtabgabe, Hand-, Spann- und Wagendienste).

Um 1600 wird das Gutshaus Kleinbeeren gebaut; wahrscheinlich ab 1608 ist das Rittergut Wohnsitz der Patronatsfamilie von Beeren.

Die Witwe des Oheims von Theodor Fontane verkauft die Beerenschen Güter 1824 endgültig. Danach wechseln die Besitzer häufig. 1860 gehören zu Kleinbeeren zwei öffentliche Gebäude, 16 Wohnhäuser, 30 Wirtschaftsgebäude mit Getreidemühle, zum Rittergut gehören zwei Forsthäuser, elf Wohn- und 22 Wirtschaftsgebäude mit Brennerei.

1881 kauft die Stadt Berlin die Ländereien für Rieselfelder. Das Gutshaus wird Heim für „gestrauchelte Mädchen“. Am Ende des Zweiten Weltkriegs und in Nachkriegsjahren leben Vertriebene und Umsiedler dort. Später verfallen Teile der alten Anlage.

Der Gutshof wird bis heute von einigen Familien bewohnt, seit dem Mauerfall sind Gewerbe angesiedelt.

Die Baugeschichte des Gutes haben die Bewohner später im Eingangsbereich vor Augen. „Dort sind Teile des historischen Putzes aus allen drei Epochen sichtbar, aus der Renaissance, dem Barock und der Gründerzeit“, so der Sprecher. Unklar sei lediglich noch, ob diese „Putzgeschichte“ hinter Glas gelegt wird.

Auch das Gutshof-Gebäude soll saniert werden

Sicher dagegen ist, dass die beiden markanten Bären auf den Pfosten der Einfahrt auch saniert werden. Sie sind aus Metall. „Aller Wahrscheinlichkeit nach aus Gusseisen. Und hoffentlich hohl, nicht massiv“, so der Sprecher. Außerdem erzählt er, dass den Störchen die Umsiedlung ihres Nestes vom Gutsschornstein 20 Meter nach Osten bekommen zu sein scheint: „Sie haben dieses Jahr drei Junge. Im vorigen Jahr war es nur eins.“

Auch die drei Mietparteien, die nebenan in einem der Gutshof-Gebäude leben, werden demnächst praktisch in neuen Wohnungen leben. „Für dieses Haus ist natürlich ebenfalls eine Sanierung geplant. Das folgt alles Stück für Stück“, erklärte der Sprecher der Investoren der MAZ.

Inzwischen sind zwei der Giebel als die architektonisch auffälligsten Elemente erneuert, der West- und der Nordgiebel. In den kommenden Tagen folgt der letzte an der Straßenseite, der Prunkgiebel an der Südfront.

Von Jutta Abromeit

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