Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Teltow-Fläming Rudi Dutschke – der umstrittene Promi
Lokales Teltow-Fläming Rudi Dutschke – der umstrittene Promi
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:23 09.03.2018
Der ehemalige Studentenführer Rudi Dutschke bei einer Diskussion im Jahr 1977. Quelle: Hermann/dpa
Luckenwalde

Den Gymnasiasten des Friedrich-Gymnasiums ist Rudi Dutschke heute kaum noch ein Begriff. „Er war im Widerstand“, meint ein 16-jähriger Schüler, der mit seinen Klassenkameraden direkt vor der Gedenktafel für den Mitbegründer der 68er Bewegung in der Bundesrepublik steht.

Wer war Rudi Dutschke?

„Er kämpfte für Gesamtdeutschland“, mutmaßt ein Schulkamerad. „Weimarer Republik?“, fragt ein anderer vorsichtig. „Das hatten wir im Geschichtsunterricht noch nicht“, lautet die einhellige Antwort auf die Frage nach dem berühmten Schüler des Luckenwalder Gymnasiums.

Dutschke wurde am 7. März 1940 in Schönefeld bei Luckenwalde geboren. Wenig später zogen seine Eltern in der Kreisstadt südlich von Berlin in eine Beamtensiedlung. Dort wuchs Dutschke auf und ging zur Schule.

Aufrührerische Rede gegen Wehrdienst

Der spätere Wortführer der West-Berliner Studentenbewegung hielt 1957 in der Aula des Friedrich-Gymnasiums eine Rede gegen den Kriegsdienst, die ihm das Studium in der DDR verbaute. Die Stasi interessierte sich noch lange für die Familie. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann ging Dutschke daher 1961 kurz vor dem Mauerbau nach West-Berlin und studierte an der Freien Universität Soziologie.

In diesem Wohnhaus in Schönefeld (Nuthe-Urstromtal) in der ehemaligen Feldstraße (heute Bahnstraße) wurde Rudi Dutschke geboren Quelle: Margrit Hahn

„Rudi ist nicht im kollektiven Bewusstsein der Luckenwalder, weil die Studentenbewegung in West-Berlin und Westdeutschland stattfand und nicht in der DDR“, sagt sein Neffe Torsten Dutschke, der als Stadtplaner bei der Stadtverwaltung Luckenwalde arbeitet. Die Folgen zeigten sich direkt nach der Wende: Als Anfang der 1990er Jahre die Angehörigen und einige Unterstützer eine Gedenktafel für Rudi Dutschke in der Schulaula anbringen wollten, stellte sich die Schulkonferenz quer.

Schule wollte nicht nach Rudi Dutschke benannt werden

„Der damalige Bürgermeister Peter Blohm entschied dann, dass die Bronzetafel auf städtischen Grund direkt vor dem Eingang der Schule aufgestellt wird“, erzählt der 52-jährige Neffe. Eine anschließende Initiative, die Schule nach Rudi Dutschke zu benennen, scheiterte ebenfalls an einer Mehrheit von Lehrern, Eltern und Schülern.

In diesem Haus in der Straße des Friedens 62 b in Luckenwalde wuchs Rudi Dutschke auf Quelle: Margrit Hahn

Auch in Luckenwaldes Nachbargemeinde Nuthe-Urstromtal, zu der das Dorf Schönefeld, in dem Dutschke geboren wurde, gehört, ehrte seinen berühmtesten Sohn. Winand Jansen, früher SPD-Bürgermeister der 23-Dörfer-Gemeinde, sorgte dafür, dass wenigstens der wüste Vorplatz des stillgelegten Bahnhofs nach Rudi Dutschke benannt wurde. Die Straße vor dem Geburtshaus umzubenennen ließ sich schon vor 23 Jahren nicht durchsetzen. Eine Plakette an der Hauswand wollte der Besitzer auch nicht haben, obwohl er mit Dutschke verwandt ist.

Stele und Tafel erinnern an Studentenführer

Geschafft hat es Rudi dann aber doch 2008 in eine Gruppe von Erinnerungs-Stelen an Luckenwalder Politiker in der Fußgängerzone. Dort ist er in bester Gesellschaft von verdienten Stadträten, Bürgermeistern und Gewerkschaftern aus drei Jahrhunderten. „Da gab es langen Streit, ob Rudi oder der SED-Funktionär Werner Lamberz eine Stele bekommt“, erinnert sich Torsten Dutschke, „schließlich fiel die Entscheidung gegen Lamberz und für Rudi.“

Diese Gedenktafel steht am Luckenwalder Friedrich-Gymnasium, das Rudi Dutschke besuchte. Quelle: Margrit Hahn

Auch der Leiter des Luckenwalder Heimatmuseums hat die Widerstände gegen eine Ehrung des Studentenführers zu spüren bekommen. Die Entscheidung, den Pullover, den Dutschke stets bei öffentlichen Auftritten trug, im Eingang des Museums hinter Glas zu präsentieren, konnte Roman Schmidt selbst treffen. Doch sein Projekt einer Wanderausstellung zu Rudi Dutschke, die Schmidt Anfang der 1990er Jahre mit Schülern des Friedrich-Gymnasiums auf die Beine stellte, traf auf den geballten Widerstand von Schul- und Kreisverwaltung.

Schüler gestalten Dutschke-Ausstellung in ihrer Freizeit

„Kein Geschichtslehrer der Schule wollte sich daran beteiligen“, erinnert sich Schmidt. Auch als Schulprojekt durfte die Ausstellung nicht gelten, sodass die Schüler sich in ihrer Freizeit an die Arbeit machten. Die Schüler und die betreuende Englischlehrerin mussten später sogar den Unterricht schwänzen, um sich den „Brandenburg-Preis“ in Potsdam abzuholen, den die Ausstellung später gewann. Denn die Schulleitung hatte ihnen dafür nicht frei gegeben.

Pullover von Rudi Dutschke im Heimatmuseum Luckenwalde. Quelle: Margrit Hahn

Die Ausstellung mit dem Titel „Rudi Dutschke: ,. . . Die sollen sich nicht schämen für mich in Luckenwalde . . .’“ war anschließend in 30 deutschen Städten zu sehen. „Ich wollte sie der Schule schenken - aber die wollte sie nicht“, sagt Schmidt. So ist noch heute ein Dokumentarfilm der Schüler über Dutschke in dem Heimatmuseum zu sehen. Und der Pulli.

Der berühmteste Pullover Luckenwaldes

„Ich habe damals zu seinem Bruder Helmut gesagt: ,Wir brauchen Ausstellungsstücke zu Rudi!’“, erzählt Schmidt, „dann kam er mit zwei Plastiktüten vorbei, in denen der Pulli, eine Lederjacke, ein West-Berliner Pass und ein Originalmanuskript von Dutschkes Dissertation waren.“ Die Lederjacke sei derzeit an die Bonner Bundeskunsthalle für eine Ausstellung zum Thema „Wetter“ ausgeliehen.

Der Rudi-Dutschke-Platz in Schönefeld (bei Luckenwalde). Quelle: Stephan Laude

„Und die Dissertation wurde mal im Dresdner Hygienemuseum bei einer Ausstellung gezeigt, die sich mit den Leistungen von Menschen nach schweren Hirnschäden beschäftigte“, berichtet Schmidt. Denn Dutschke hatte seine Doktorarbeit erst nach dem Attentat am 11. April 1968 am Berliner Kurfürstendamm verfasst, das er mit zwei Kopfschüssen nur knapp überlebte. Unterstützt durch seinen Freund, den Psychologen Thomas Ehleiter, musste er sich zäh täglich viele Stunden damit quälen, die durch die Hirnverletzung äußerst eingeschränkten Denk- und Sprachfähigkeiten zurückzugewinnen.

Rudi Dutschke hält Stabhochsprung-Rekord seines Gymnasiums

„Rudi hat danach auch in einem anderen Sprechstil gesprochen“, erinnert sich sein Neffe. Der begeisterte Leichtathlet und Zehnkämpfer habe in jungen Jahren mit einem Tonbandgerät geübt, weil er Sportreporter werden wollte. „Damit hat er seine rhetorischen Fähigkeiten geschult.“ Noch heute halte sein 1979 gestorbener Onkel mit 3,80 Meter am Friedrich-Gymnasium den Rekord im Stabhochsprung. Und möglicherweise werden die heutigen Gymnasiasten demnächst im Geschichtsunterricht noch mehr über das politische Wirken ihres einstigen Mitschülers erfahren.

Von Klaus Peters und Hartmut F. Reck