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MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Rückschläge

Es läuft einfach nicht rund. Gerade hatten sich Rabiha und Mohammed Yassin noch über den auf neun Monate angesetzten Kurs gefreut, den sie bei einem Bildungsträger in Ludwigsfelde besuchen sollten, doch jetzt wurde ihnen auch dieser Kurs wieder gestrichen. Zu allem Überfluss müssen sie auch noch Nachbarn trösten, deren Asylantrag abgelehnt wurde.

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Sehen sich immer neuen Herausforderungen gegenüber: Mohammed und Rabiha Yassin.

Quelle: Oliver Fischer

Ludwigsfelde. Rabiha Yassin hat ein Problem. Nein, sie hat viele Probleme. „I’m very angry“, sagt sie – ich bin sehr sauer. Sie lächelt dabei, aber es ist ein bitteres Lächeln, denn nichts, aber auch gar nichts scheint derzeit nach Plan zu laufen.

Der Sprachkurs, den sie und ihr Mann Mohammed Yassin eigentlich machen sollten, wurde ihnen wieder gestrichen. Dabei hatten sie alle Aufnahmetests bestanden, Mohammed war zweimal dort gewesen, jeweils den ganzen Tag. Er hat mit wackeliger Handschrift Arbeitsblätter ausgefüllt, Zahlen aus Hörbeispielen herausgehört, die ersten Gesprächsfloskeln für die Selbstvorstellung gelernt.

Kursprinzip hat überzeugt

Der Lehrer sei ausgezeichnet gewesen, sagt Mohammed, auch das ganze Kursprinzip hatte ihn überzeugt: sechs Monate Deutsch, drei Monate Arbeitsvorbereitung. Rabiha sollte auch bald einsteigen, sie hatte sich schon um die Kinderbetreuung gekümmert. Aber am dritten Tag rief der Verantwortliche des Bildungsträgers beide zu sich und erklärte ihnen, dass sie den Kurs leider nicht fortführen können. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das einen Teil des Kurses bezahlt, hat die Teilnahme der Yassins abgelehnt – mit der gleichen Begründung wie immer: Ob sie im Land bleiben können, sei unklar. Deshalb gibt es kein Geld.

„Es ist einfach frustrierend“, sagt Rabiha. Zwar hat man beim Bildungsträger sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt und gemeinsam mit der Arbeitsagentur eine neue Lösung gefunden: Zumindest Mohammed wird einen anderen Kurs besuchen können. Aber jeder Rückschlag saugt Kraft aus der Familie. „Ich schlafe kaum nachts, ich renne von Amt zu Amt, ich lerne, ich versorge die Familie, und ständig heißt es ,Nein’“, ächzt Rabiha. „Ich kann nur darauf vertrauen, dass mein Gott mir hilft.“

Und auch anderweitig ist die Stimmung am Boden. Eine tschetschenische Familie, die nebenan wohnt, hat in dieser Woche ihren Ablehnungsbescheid bekommen. Es habe viele Tränen gegeben, sagt Rabiha. Sie ist befreundet mit der Familie, die Kinder spielen viel zusammen, man half sich im vergangenen halben Jahr oft.

Jeder gab paar Euro dazu

Damit die Tschetschenen nun zumindest alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen können, haben Freunde und Bekannte aus dem Heim Geld gesammelt. Jeder habe ein paar Euro gegeben, erzählt Mohammed. Nach ein paar Tagen waren 600 Euro zusammengekommen, genug um einen Anwalt zu bezahlen. Ob der aber viel ausrichten kann, ist fraglich. Die Chancen von Tschetschenen auf Asyl sind weit geringer als die der Syrer. Der dortige Machthaber gilt zwar als brutaler Bursche, der wenig für Regimekritiker übrig hat. Allerdings haben sich viele Tschetschenen erwiesenermaßen auch deshalb auf den Weg nach Deutschland gemacht, weil Schleuser ihnen ein ordentliches Stück vom deutschen Wohlstandskuchen versprochen hatten. Für die deutschen Behörden ist das kein Asylgrund.

Solche kleinen oder großen Dramen spielen sich fast täglich rund um die Familie ab. Um davon etwas Abstand zu gewinnen, unternehmen die Yassins hin und wieder Ausflüge. Dieser Tage ging es an einen See, was schon ein kleines Abenteuer ist, denn wirklich schwimmen kann in der Familie bisher nur Mohammed. Sohn Rabi lernt es gerade, Rabiha dagegen passt lieber draußen auf die Kinder auf. Am Strand trägt sie T-Shirt, Leggins und statt Kopftuch eine Mütze. Keinen Burkini, sagt sie. Sie kennt diese Teile, aber sie mag sie nicht.

Diskussion über Kopftücher

Im Internet verfolgt sie aber die aktuellen Diskussionen über Kopftücher, Burkas und Burkinis. Dass man keine Vollverschleierung in der deutschen Öffentlichkeit wolle, könne sie verstehen, sagt sie. Allein schon aus Sicherheitsgründen. „Es weiß ja niemand, wer drunter steckt und was er oder sie womöglich versteckt hat.“

Burkas gab es in Syrien auch nicht, sie seien ein Phänomen aus Afghanistan. Syrerinnen, die sich voll verschleiern wollen, tragen den Niqab, ein dünnes Tuch, das weite Teile des Gesichts bedeckt. „Aber auch damit hat man kaum Frauen gesehen, bevor der IS nach Syrien kam“, sagt Mohammed. Wirklich verbreitet war bei den schiitischen Frauen in Syrien nur der Hidschab, also das normale Kopftuch – das freilich auch nicht alle Frauen trugen und tragen. Rabiha aber verzichtet nie auf eine Kopfbedeckung, wenn fremde Männer zugegen sind. Ihre Religion verbietet es ihr, sagt sie.

Info: Die Familie Yassin ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen und lebt jetzt in Ludwigsfelde. Die MAZ berichtet wöchentlich über ihr Leben in Deutschland. Alle Folgen: www.maz-online.de/Brandenburg/Eine-syrische-Familie-hofft-auf-einen-Neustart

Von Oliver Fischer

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